Historischer Streifzug durch das Brohltal

Ginkgo biloba

VON DR. WERNER LINDENBEIN

In unseren Parkanlagen gibt es einen merkwürdigen Baum, der einen sonderbaren Namen führt, der Ginkgobaum. Dieser Name ist durch einen Druckfehler entstanden. Die erste Nachricht über diesen Baum kam 1712 nach Europa durch Engelbrecht Kaempfer (1631—1716), der in Lemgo geboren und dort als gräfl.-lippischer Leibarzt auch gestorben ist. Als holländischer Oberchirurg hatte er Japan und China bereist und über Land und Leute berichtet. In China heißt der Baum Gin-Kyo, d.i. Silber-Pflaume. Der Drucker machte aber aus dem „y“ ein „g“, und so verändert ging der Name durch den berühmten Linne in die botanische Namengebung ein: Ginkgo. Neuerdings setzen sich namhafte Gelehrte für eine Berichtigung des Namens ein, doch dem widersetzten sich nicht nur eine 200jährige Gewohnheit, sondern die botanischen Nomenklaturregeln, die auch Fehler und Irrtümer beizubehalten vorschreiben, Der französische Pater Charlevoix nannte den Baum in seiner „Geschichte und allgemeinen Beschreibung von Japan“ 1786 „Hoyer a feuilles de Capillaire“, d. h. Nußbaum mit Blättern nach Art des Frauenhaarfams. Der Baum bekam dann durch den englischen Botaniker James Eduard Smith einen zweiten wissenschaftlichen Namen, Salisburia adiantifolia. Smith wollte damit den Gärtner Richard A. Salisbury ehren, der den Londoner Botanischen Garten in einem prächtigen Tafelwerk „Paradisus Londinensis“ beschrieben hatte. Der Artname bezieht sich wieder auf die Ähnlichkeit der Blätter des Baumes mit den Blättern des Frauenhaarfarns, Adiantum. Nach den geltenden Regeln muß aber der Baum den älteren Linneischen Namen tragen. Die Engländer nennen den Baum Maidenhairtree, also Frauenhaarbaum, während man im Deutschen auch „Elefantenohrbaum“ sagt, doch hat dieser Name wenig Verbreitung gefunden.

Ginkgo biloba

Foto: Kreisbildstelle Blatt von einem Ginkgo-Baum

Alle Namen beziehen sich also auf die merkwürdige Gestalt des Blattes. Die Ähnlichkeit des Ginkgoblattes mit dem eines Farns ist nicht Zufällig. Der Baum gehört nämlich zu den nacktsamigen Pflanzen, die verwandtschaftlich den Farnen näher stehen als den bedecktsami-gen, also fruchttragenden Pflanzen, Ginkgo biloba ist das einzige Überbleibsel einer großen, aus vielen Familien und Gattungen bestehenden Pflanzengruppe, die vom Perm bis in die Kreidezeit die Erde, auch in Mitteleuropa, bewohnte. Heute wächst die Pflanze nur in Japan und China, ist also dort „endemisch“.

Wir unterscheiden zwei Arten von Endemismen. Wenn eine Art in dem betreffenden Gebiet entstanden ist und sich nicht weiter ausbreiten konnte, so sprechen wir von progressivem Endemismus; hat sich aber eine früher viel weiter verbreitete Pflanze nur hier erhalten können, so sprechen wir von konservativem Endemismus. Ginkgo ist also das schönste Beispiel des konservativen Endemismus. Denn Ginkgo war im Tertiär über einen großen Teil der nördlichen gemäßigten Zone verbreitet, in Europa sowohl, wie in Asien und Amerika. Daneben viele ausgestorbene Ginkgogewächse wie z. B. Baiera, Czekanowskia, Rhipidopsis u.a.m. Vielleicht wäre auch der Ginkgobaum schon ausgestorben, wenn er nicht in Ostasien bereits in grauer Vorzeit als heilig angesehen und in Tempelbezirken kultiviert worden wäre* Wirklich wild kommt der Baum wahrscheinlich heute überhaupt nicht mehi vor.

Zu den nacktsamigen Pflanzen gehören in unserer heimischen Flora nur die Zapfenträger oder Nadelbäume, und zu diesen hat denn auch der Ginkgo einige Beziehungen. So ist der anatomische Bau des Holzes und der Befruchtungsvorgang bei beiden Pflanzengruppen ähnlich. Aber daneben bestehen doch sehr große Unterschiede, denn der Ginkgo trägt weder Zapfen noch Nadeln. Dafür hat er sehr eigentümliche Blätter, die farnkrautig sind, mit Nadeln aber gar nichts zu tun haben. Man hat das Ginkgoblatt als zusammengewachsene Nadeln verstehen wollen, doch läßt sich diese Auffassung nicht halten und bei genauerem Hinsehen verschwindet die Nadelähnlichkeit der Blattnerva-tur vollkommen. Wir haben nämlich die ebenso merkwürdige wie seltene diadrome oder fächerläufige Blattnervatur vor uns. Einige wenige Hauptstränge laufen getrennt in die Blattspreite ein, gabeln sich wiederholt in gerade vorgestreckte Äste und die letzten Verästelungen enden am vorderen Blattrand. Dieser Verlauf der Adern bedingt eine ganze eigentümliche Blattform, die man am besten vergleichen kann mit einem geöffneten Fächer, der aber in der Mitte einen Einschnitt hat, wodurch er zweilappig, biloba, wird.

Neben dieser auffallenden Blattnervatur und Blattform bilden die Samen des Ginkgo die größte Merkwürdigkeit. Zunächst sei erwähnt, daß die Pflanze zweihäusig ist, daß es also Bäume gibt, die nur Stempelblüten, und solche, die nur Staubblüten tragen. Das kommt auch bei Nadelhölzern vor, z. B. bei der Eibe. Merkwürdig ist aber, daß die männlichen und die weiblichen Ginkgobäume von ganz verschiedenem Wuchs sind, jene schlank wie Tannen, diese sparrig verzweigt wie Apfelbäume, Die Blätter sind bei beiden Geschlechtern gleich und stehen an Kurztrieben. Die Staubblüten kommen aus den Kurztrieben zwischen den Blättern heraus, und jede Blüte besteht nur aus einer verlängerten Achse, an welcher zahlreiche Staubgefäße aufgereiht sind. Am allermerkwürdigsten sind nun aber die weiblichen Blüten, sofern man diesen Namen überhaupt anwenden will. Ihr morphologisches Verständnis ist schwierig, denn sie bestehen überhaupt nur aus einem langen Stiel, an dessen Ende zwei Samenanlagen stehen, von deinen sich oft nur eine weiterentwickelt. Die Be deckung der Samenanlage, das sog. Integument, wächst später zu einer Samenschale heran, die innen steinhart, außen aber fleischig ist, so daß der fertige Same an eine Wallnuß oder mehr noch an eine saftige gelbe Pflaume erinnert. Man darf sich also nicht wundern, wenn das ganze Gebilde früher als Steinfrucht angesehen wurde, während es sich doch in Wirklichkeit nur um einen Samen handelt, denn Früchte haben die Nacktsamer eben nicht. Zur Zeit wenn der, Same abfällt, ist der Keimling noch gar nicht ausgebildet. Die Befruchtung tritt eist in der abgefallenen Samenanlage ein, nachdem zwei Monate vorher die Bestäubung und dann die Entwicklung eines verzweigten Pollenschlauches erfolgte. Die befruchtenden Zellen sind noch wie bei den Farnkräutern bewimperte Spermatozoiden.

Die reifen Samen sind etwa so groß wie Mira bellen, gelblichgrün, später verbreitet die fleischige Außenhaut einen üblen Geruch nach Fettsäuren. Der innere steinharte Teil des Samens, meist fälschlich als Steinkern oder Nuß bezeichnet, wird in Ostasien auf den Märkten unter dem Namen Pa-Kwo verkauft und geröstet wie Kastanien gegessen. Bei uns sind weibliche Bäume Selten, meist haben wir die hohen schlanken männlichen Bäume) wie ein solcher vor der Villa Sophia in der v. Ehrenwallschen Anlage in Ahrweiler steht. Auch die jungen Bäume, die z. B. zwischen Ahrtor und Kanonenturm, im Dahliengarten und anderswo gepflanzt wurden, scheinen männlich zu sein. In Andernach sieht man von der Eisenbahn aus eine Straße, die mit männlichen und weiblichen Ginkgobäumen bepflanzt ist.

Und nun wollen wir noch zweier Ginkgo-bäume gedenken, die zwar nicht in. unserer engeren Heimat stehen, die aber beide ein hohes kultur-geschichtliches Interesse haben. Im Wiener Botanischen Garten steht ein männlicher Bäum, der vor fast 200 Jahren zu einem bemerkenswerten Versuche diente. Als der Baum noch ein kleines Bäumchen war, wurde ihm von Jacquin die Knospe eines weiblichen Baumes eingesetzt. Jetzt erhebt sich ein großer Baum, dessen meiste Äste Pollenblüten tragen, von dem aber auch ein großer Ast mit Fruchtblüten abzweigt. Das Experiment ist später oft wiederholt worden, und auch am Poppelsdorfer Schloß steht ein solcher durch Pfropfung einhäusig gewordener Baum. Der Wiener Baum erinnert an jene Zeit, da Kaiser Franz L den Baron Nicolaus Joseph v. Jacquin nach Wien berief und damit die Wiener Gärten zu den berühmtesten machte. Denn Jacquin bereiste in, des Kaisers Auftrag sechs Jahre lang Westindien, um neue Pflanzen für Wien und Schönbrunn zu holen. Seine Ausbeute füllte sieben Schiffe. Der Name Jacquin erinnert aber auch an das

Wien Mozarts, denn es ist derselbe Jacquin, der als väterlicher Freund des 30 Jahre jüngeren Wolfgang Amadeus in Mozart-Biographien eine Rolle spielt.

Der andere Ginkgobaum, von dem wir noch sprechen wollen, steht auf der Schloßterrasse zu Heidelberg. Es ist jener Baum, von dem Goethe am 24. oder 25. September 1815 ein Blatt abnahm und es der Marianne v. Willemer überreichte. Dieses „wunderliche Blatt“, wie es Goethe nennt, wurde für ihn ein Musterbeispiel seiner gesamten Natur- und Sittenauffassung, derzufolge jeder physische und ethische Vorgang auf Trennung und Vereinigung beruht, auf Auseinandertreten und Zusammenschließen polarer Gegensätze. Vor allem aber wurde ihm das Ginkgoblatt ein Symbol innigster Freundschaft: „Man weiß nicht, ob es eins ist, das sich in zwei Teile teilt, oder zwei, die sich in eins verbinden.“

In Heidelberg schrieb er seiner Freundin am 27. September: „Da jedoch jenes bekannte wunderliche Blatt, durch seine prosaische Auslegung einigen Anteil gewonnen, so stehe hier die rhythmische Übersetzung:

Dieses Baums Blatt, der von Osten 
Meinem Garten anvertraut, 
Gibt geheimen Sinn zu kosten, 
Wie’s den Wissenden erbaut. 
Ist es Ein lebendig Wesen, 
Das sich in sich selbst getrennt? 
Sind es Zwei? Die sich erlesen.
Daß man sie als Eines kennt. 
Solche Fragen zu erwidern 
Fand ich wohl den rechten Sinn; 
Fühlst Du nicht an meinen Liedern, 
Daß ich Eins und Doppelt bin?“