,Helije Zante Mätes, dat wor en jode Mann…‘

VON FRIEDHELM SCHNITKER

Der Martinstag galt früher als Rechts- und Zinstermin, wie Regelung der Pacht, Abgabe von Zehnt und Naturalien, Wechsel des Gesindes und Abschluß des Wirtschaftsjahres. Er war wegen dieser Verpflichtungen bei den Erwachsenen wohl oft ein gefürchteter Tag.

Bei den Kindern dagegen stand und steht er noch heute hoch im Ansehen. Wohl keines der Feste im Jahresablauf ist nach Vorbereitung und Feier heute so sehr ein Fest der Kinder wie der Ehrentag des hl. Martin, Bischof von Tours.

In Sabaria in der römischen Donauprovinz Pannonien geboren, in Pavia erzogen, tritt der Sohn eines römischen Tribunen mit 15 Jahren in die römische Armee ein und dient in der Garde unter Constantius, später unter Kaiser Julian. In diesen Jahren kommt es in Amiens zur bekannten „Szene der Wohltätigkeit“, der Mantelspende Martins an einen Bettler, die um 1240 der Naumburger Meister in einem seiner Hauptwerke, einem Hochrelief, dargestellt hat, das sich heute in der Pfarrkirche zu Bassenheim befindet.

Die besondere Verehrung, die der hl. Martin in unserer engeren Heimat genießt, läßt sich geschichtlich bis in die Zeit des Frankenreiches zurückverfolgen. Der hl. Martin war der merowingisch-fränkische Nationalheilige. Sein Mantel, seine „cappa“, war fränkisches Heiligtum, sein Grab war im Mittelalter berühmte Wallfahrtsstätte. Aus dem Mittelalter stammen auch die Mysterienspiele, bei denen aus der Osterliturgie herausgewachsene Darstellungen des Ostergeschehens nach dem biblischen Wortlaut in der Kirche gesprochen wurden, wie auch die Mirakel- und Legendenspiele, die dramatische Darstellungen von Episoden aus dem Leben der Heiligen zum Inhalt haben. Wurden die Mirakelspiele zuerst in der Kirche dargestellt, so wurden sie in der Folge meist in der Volkssprache vor der Kirche oder auf dem Marktplatz aufgeführt.

Vielleicht bestehen hier Beziehungen des Martinszuges zu solchen Episodendarstellungen, worauf auch die heute noch in einzelnen Dörfern geübte Tradition hinweisen könnte, wenn Sankt Martin bei seinem Ritt durch den Ort mit einem unter einem Torbogen kauernden Bettler seinen Mantel teilt.

Aber lange bevor der Martinszug in den Abendstunden des 10. Novembers durch die Straßen zieht, hat die Schuljugend bereits mit dem „Schläfe“, dem Zusammentragen von Brennmaterial begonnen. Bei dem „Dotzen“, dem Bittgang durch den Ort, werden die alten Heischelieder gesungen.

So tönt es in einem Dorf an der Ahr:

„Helije Zante Mätes, dat wor en jode
[Mann;
He deilt senge Mantel met änem arme
[Mann.
Ohjitosjet, oh lootosjet, miehannoch
[weit eröm zu john.
Ibelidü, en Erwel Strü, nen Merteskorf.
Dat Jeldche en dat Täschje, dat
[Wingsche en dat Fläschje;
Dat Wingsche mos jedrunke sen, dat
[Jeldche mos vezeeht sen.
Lot os net su lang he ston, denn mie
[mösc weide jon, weide jon.“

Erhalten die Jungen keine Gaben, dann rufen sie den folgenden Spottvers:

„De Jeiz, de Jeiz, de jitt net jähn.“

Der Heischevers im Zissener Land bittet wie folgt:

„Dotz, dotz, dü.
Än Beu Strü,
Äne ahle Beierom. Dotz, dotz, du.“

(Beu = Bausch; Strü = Stroh; Beierom = Bineromp = Bienenkorb.)

Viel begehrtes Brennmaterial für das Feuer sind „Strü“ und „Mäteskörf“, alte, unbrauchbar gewordene Körbe, die wohl zum Zeichen, daß die Ernte vorbei ist, verbrannt werden.

Nicht überall vollzieht sich das Sammeln und Abbrennen der Feuer unbehelligt. Mit Kämpfen, Überlisten und Wetteifern beim Abbrennen werden die Fehden zwischen einzelnen Dörfern ausgetragen. So wachten wir Jungen der Oberstufe an den Abenden bei unserem zusammengetragenen Holzstoß, wobei sich eine Art rheinischer Mannbarkeitsprobe vollzog. Wir saßen um ein kleines Feuer, sangen die alten Martinslieder und die Dorfhymne und rauchten aus irdenen Tonpfeifen getrocknete Knollenblätter und Strangtabak. Stillschweigend duldete unser Lehrer dieses Rauchen, da er wohl nur zu gut wußte, daß wir nach derartiger zeremonieller Tabakrunde das Rauchen wegen Übelkeit freiwillig um ein oder mehrere Jahre verschieben würden.

Und dann ging am Vorabend des 11. Novembers der Martinszug, unser Zug, wobei sich das Martinsfeuer in den Lichtern, Fackeln, Laternen und den Rnolleköpp, den ausgehöhlten Rüben, abgeschwächt wiederholte.

Wir 14 Jungen der Oberstufe durften denn auch Sankt Martin, der hoch zu Roß in voller Ritterausrüstung saß, mit Pechfackeln begleiten. War es nun die dichtgedrängte Folge, in der wir gingen, um immer unserem Heiligen nah zu sein, oder war es der widrige Wind ? Als wir auf dem Marktplatz ankamen, waren unsere Gesichter vom rußenden Rauch der Pechfackeln tief geschwärzt. Der Bürgermeister hielt seine Rede, doch Sankt Martin, hoch zu Roß, blickte immer wieder auf uns nieder. Grübelnd fragte er sich, der von Beruf Friseurmeister war, durch welches kosmetische Mittel wir eine solche schnelle Gesichtsschwärzung erreicht hatten. Der irdische Sankt Martin grübelte, brauchte er doch als Schminkmeister der Narrenzunft und des Knecht Ruprechts geeignete Schwärze. Der himmlische Sankt Martin freilich, der an seinem Ehrentag bei jedem Zug dabei ist, wird still vor sich hingelächelt haben über die seltsamsten Ehrenbegleiter, die er je hatte: vierzehn dunkelgesichtige, rußgeschwärzte Schuljungen der Oberstufe.