Heimat und Jugend

VON ERWIN HAHN

Ein Spiel zur Entlassungsfeier 1968 der Volksschule, dargeboten durch die Klassen 7a/7b. Vorspiel:

Demonstration — Provokation — Attentate! Die einen sagen, sie seien nötig; die anderen dagegen behaupten, so zerstöre man alles; wieder andere meinen, wer sich so aufführt, gehört hinter Gitter.

Wer hat nun recht? — Wer sägt uns, wie wir uns richtig verhalten? — Ich weiß überhaupt

nichts mehr! — Können wir den Älteren glauben, die unsere Probleme nicht kennen? — Dürfen wir den Jungen folgen, die den rechten „Weg noch nicht wissen? — Sollen wir auf eigene Faust unser Leben gestalten, ohne Rücksicht auf andere? — Was benötigen wir? — Woran sollen wir uns halten? — Wo findet die Jugend ihr Leitbild? — Wer weist uns einen Weg? 1. Sprecher: Die Frage der Jugend — vielleicht heute etwas lauter als früher — kein Wunder in unserer Zeit. Wer von den Erwachsenen hätte nicht ähnliche Fragen gestellt, als er sich erwachsen fühlte? —

Vielleicht sind heute einige Vorbilder fragwürdiger denn je — oder sind die Umwälzungen und Veränderungen in der Welt größer? — Jedoch die Fragen sind alt, uralt, so alt wie die Generationen, so alt wie menschliches Leben. Sehen wir uns die Geschichte an. Sie wird klären, wie alt die Frage ist; sie wird zeigen, wie man sie bewältigt hat. — Bleiben wir in der Heimat; auch sie gibt Antwort.

2. Sprecher:

Wir drehen das Rad der Geschichte, es eile die Zeit zurück, und hören ihre Berichte, daß sie öffne unseren Blick. Vor 2100 Jahren lebten im Ahrgau die Eburonen. Auf dem Gymmich, der heutigen Landskrone, kamen sie zum Thing zusammen, um über die Anliegen des Gaues zu beraten.

Szene I:

„Warst Du auf dem Gymmich, als gestern das Thing abgehalten wurde? Was ist mit Wolfhart?“ — „Er wurde beschworen, den Freien Sigurd auf der Metbank erschlagen zu haben.“ — Die Jugend von heute: Unsichere Zeiten, wenn man nicht mehr alleine zum Fluß gehen kann. — Wo soll das noch enden? Die Jugend hat keinen Glauben mehr an die Götter. — Aber unser Gaugraf hat unabdingbar auf dem Recht bestanden, auf dem Recht von uns Freien. —

JA, WIR BRAUCHEN DAS RECHT UND DIE FREIHEIT!

2. Sprecher:

Wir drehen das Rad der Geschichte, es eile die Zeit zurück, und hören ihre Berichte, daß sie öffne unseren Blick. Wir schreiben das Jahr 52 v.Chr. Vor 1000 Jahren lebten in den Tälern der Ahr die Römer. Weitab ihrer Heimat gründeten sie ihre Kultur auf unserem Land. Die Eisenhütte bei Ahrweiler und die Reben an unseren Hängen geben heute noch ein beredtes Zeugnis. Doch das Volk der Eburonen konnten sie nicht bezwingen.

Szene II:

„Salve, Actius! — Sei gegrüßt! Ich komme gerade vom Heerlager aus Colonia.“ — „Was gibt es Neues zu berichten?“ — Die Eburonen haben sich erneut erhoben, so daß Cäsar wieder gegen sie ins Feld ziehen will. — Bei Mithras, das darf nicht wahr sein. — Doch; die Kohorte unter Cicero wird hier die Straße an der Ahr hinauf in die Eifel ziehen. — Diese Eburonen, die sich vor nichts fürchten, woher nehmen sie die Kraft? — Sie fürchten weder unsere Legionen, noch Cäsars Zorn. —

SIE HABEN SELBSTVERTRAUEN IN IHR KÖNNEN.

2. Sprecher:

Wir drehen das Rad der Geschichte, es eile die Zeit zurück, und hören ihre Berichte, daß sie öffne unseren Blick. Wir schreiben das Jahr 739. Vor 1230 Jahren bereiste Bischof Willibrord die Eifel. Auf seiner “ Fahrt von Utrecht, seinem Bischofssitz, kam er den Rhein herauf, um durch den Ahrgau nach Echternach zu gelangen. Dabei besuchte er die Kirche des Hl. Stephanus zu Beuel, an deren Stelle um 990 die Willibrorduskirche trat.

Szene III:

„Der greise Bischof Willibrord wohnte gestern der Messe bei. — Ja, ich habe gesehen, wie er das Amt zelebrierte. — Ein Mann, dem vieles widerfahren ist. Gestern sind doch einige Junge von Hemmingeshoven an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten.“ — „Ja, ja, die Jugend. Sie ist nicht mehr aus dem gleichen Holz wie wir. — Aber hast du gehört, wie Willibrord gestern unser Land pries und segnete?“ (Tonbandeinblendung):

„Seid gesegnet, ihr Berge, die ihr noch träumt von schaffenden Feuerwelten! Seid gesegnet, ihr Quellen, die ihr auf und unter der Erde rinnet als späte Schwestern der Pafadiesesquellen! Seid gesegnet im Zeichen des heiligen Herrn, der alle sieht- und unsichtbaren Welten in sein göttliches Herz genommen hat durch seine Liebestat am Stamme der Schmach! Seid gesegnet!“ Ja, ein Mann voll Gottvertauen und Energie. —

AUCH WIR BRAUCHEN DEN TIEFEN UND FESTEN GLAUBEN UND EIN STARKES WOLLEN.

2. Sprecher:

Wir drehen das Rad der Geschichte, es eile die Zeit zurück, lind hc’ren ihre Berichte, daß sie öffne unseren Blick. Wir schreiben das Jahr 1583. Vor 375 Jahren trat Graf Adolf von Neuenare in den Dienst des Truchseß von Waldenberg, um im Kölnischen und Truchseßischen Krieg für ihn zu streiten. Seine Gemahlin Walburgis verwaltete die Länder der Grafschaften Neuenare und Moers.

Szene IV:

„Unsere Herrin, die Gräfin Walburgis, ist wieder allein in den Ahrgau gekommen. Graf Adolf ist mit den Truppen aufgebrochen, Neuß zu erobern. — Sie ist eine tapfere Frau. Wie sie geschickt Land und Volk verwaltet. — Hast du gesehen, wie sie gestern selbst in Wadenheim Kranken zu Hilfe eilte? — Ja, unsere Herrin hat auch uns schon geholfen. — Ja, ja, ich weiß. Wo sie nur die Zeit und die Kraft aufbringt, auch noch den Armen beizustehen? — Sie ist eine tapfere Frau. — Gebe Gott ihr seinen Schutz! — GEBE GOTT IHR DEN MUT UND DIE KRAFT!“

2. Sprecher:

Wir drehen das Rad der Geschichte, es eile die Zeit zurück, und hören ihre Berichte, daß sie öffne unseren Blick! Das Jahr 1852 hat begonnen. Vor 116 Jahren gediehen die Reben des Weinhändlers Georg Kreuzberg am Kesselberg zwischen Wadenheim und Heppingen nur mäßig. Den Arbeitern prickelten die Ausdünstungen des Bodens in der Nase. Kreuzberg ließ den Boden untersuchen und fand die Quelle.

Szene V:

„Was habt ihr denn heute getan? Du siehst ja ganz schmutzig aus!“ — „Stell dir vor, wir haben den Boden des abgetragenen Bergstücks untersucht und haben eine zweite Quelle gefunden. — Das ist aber ein Erfolg! — Ja, sie ist noch wärmer als die erste, die wir vor Wochen fanden. Herr Kreuzberg war auch da, als wir

sie heute freilegten. —. Kreuzberg wird noch berühmt werden! — Gewiß, aber die Quelle ist schon alt, wir,fanden ein altes Glas nahe dem Sprudel; Kreuzberg meinte, es sei von den Römern. — Herr Kreuzberg will beide Quellen fassen lassen und das Wasser verkaufen. — Als Apollmaris!“ —

JA, DEN FORSCHERGEIST UND TATENDRANG MÜSSTE MAN HABEN.

2. Sprecher:

Wir drehen das Rad der Geschichte, es eile die Zeit zurück, und hören ihre Berichte, daß sie öffne unseren Blick. Wir schauen das Jahr 1868. Vor genau 100 Jahren fand die zehnjährige Quellenweihe statt. Aus Anlaß dieses Geschehens wurde ein großes Festkonzert gegeben, bei dem auch Johannes Brahms im neuen Kurhaus aus seinen Werken spielte.

Szene VI:

„Wart ihr gestern auch im Konzert?“ — „Ja, es hat uns gut gefallen! — Uns haben besonders die beiden Lieder von Brahms zugesagt! — Das Lied ,Der Jäger und sein Liebchen‘ soll er eigens für Bad Neuenahr und das Ahrtal ge^ ‚ schrieben haben. — Der jitnge Brahms scheint auf dem Wege zu sein, ein bedeutender Komponist zu werden.“ — Erst in der Osterzeit wurde im Bremer Dom sein „Deutsches Requiem“ uraufgeführt.

(Tonbandeinblendung: Teil des Requiems) „Brahms wird seinen Weg machen. —

LASST UNS DEN SINN FÜR DAS SCHÖNE UND ERHABENE BEWAHREN.“

2. Sprecher:

Wir drehen das Rad der Geschichte, es eile die Zeit zurück, und hören ihre Berichte, daß sie öffne unseren Blick. Wir schreiben das Jahr 1906. Vor 62 Jahren wurde neben dem Großen Sprudel im Kurgarten der Willibrordussprudel in 375 m Tiefe erbohrt. Direktor Felix Rütten hatte sich zum Ziele gesetzt, aus der dörflichen Gemeinde ein Weltbad zu machen. Unter seiner Leitung entstanden die großen Bauten, die heute unser Bad prägen.

Szene VII:

„Was der Rütten wieder vorhat, noch eine Quelle zu erbohren. — Nun hör aber auf, kommen nicht jährlich immer mehr Kurgäste zu uns? — Sind wir nicht alle froh, daß es so ist? Denk doch mal nach, wie es früher war! — Ja, ja, die jungen Leute von heute! — Sogar die Berliner Illustrierte berichtete neulich von uns. Wenn das keinen Aufschwung gibt? — Schon, aber es war doch nicht nötig. — Das viele Geld.“ (Tonbandeinblendung: Kurkarteninhaber: 1859: 166; 1862: 727; 1872: 2009; 1890: 3186; 1900: 8833 und 1906: 12137) Hätten wir nicht unseren Kurdirektor! —

WAS WIR BRAUCHEN, IST DER DIENST AM NÄCHSTEN!

2. Sprecher:

Wir drehen das Rad der Geschichte,
es eile die Zeit zurück,
wir hören ihre Berichte,
daß sie öffne unseren Blick.

Wir schreiben das Jahr 1932. Aus Mönchengladbach kam Heinrich Lersch zur Ahr, hier eine neue Heimat zu finden. In vielfältiger Weise beschreibt er die neu hereinbrechende Zeit der modernen Arbeitswelt.

Szene VIII:

„Ich bin gestern Heinrich Lersch begegnet. — Der sieht aber gar nicht wie ein Dichter aus.“
— „Über was habt ihr euch denn unterhalten?“
— „Wir sprachen von Neuenahr, der Ahr und seiner Heimat. —
Ich finde, er versteht es, unsere Arbeitswelt wie kein anderer in einfachen Worten zu beschreiben:“

(Tonbandeinblendung):

„Leuchte, scheine, goldne Sonne
über dieses freie Land;
Felder, Wälder, Städte hülle
in dein helles Lichtgewand.
Laß die weiten Äcker reifen
und die kleinen Gärten blühn,
leuchte hell in die Fabriken,
wo wir uns im Schatten mühn:
Leuchte goldne Sonne, scheine,
Spende deines Segens Kraft.
Bruder, deine Hand! Hier meine!
Arbeitsbrüder, uns vereine
eine heilge Leidenschaft.
Leuchte, scheine, goldne Sonne,
unserm Vormarsch in die Welt,
uns, die nun im Anfang stehen,
Keine Macht noch Fessel hält.
Alte? Junge? Neue Menschen!
Werkbeglückt einander nah’n,
Menschen, keinem ändern Geiste
 als der Liebe Untertan.
Drum, mein Hammer, schwing und schalle,
läute Frieden, Hammerschlag!
Ruf mit deinem Stahlgesange
Stadtvolk, Landvolk, Brüder alle
in den großen Arbeitstag.“

Er hat erkannt, DIE ARBEIT GIBT ERFÜLLUNG.

Nachspiel: 1. Sprecher:

Laßt genug sein der Beispiele aus unserer Heimat und seiner Geschichte. Zeigen sie uns doch, wie wir heute zu leben haben?

Vorspieler:

Wir wissen immer noch nicht, was wir benötigen, unser Leben zu bestehen. — Woran sollen wir uns halten? — Wer weist uns den Weg? 1. Sprecher:

So laßt uns gemeinsam hören, was Heimat, was Geschichte uns zu sagen haben: „Wir brauchen das Recht und die Freiheit! — Wir brauchen Selbstvertrauen und Vertrauen in unser Können! —

Wir brauchen einen tiefen und festen Glauben! — Gott gebe uns Mut und Kraft! — Forschergeist und Tatendrang sollen wir entwickeln! —

Laßt uns den Sinn für das Schöne und Erhabene bewahren! —

Was wir brauchen, ist der Dienst am Nächsten! — Die Erkenntnis, daß die Arbeit Erfüllung gibt.“ Schluß:

„Halt! — Das ist die Jugend von heute, die Jugend von gestern, die Jugend von irgendwann.

Sie denkt nur daran, was sie für später benötigt, was sein soll. Sie vergißt den Dank! — Den Dank an die Generationen, die sie leitete, die sie lenkte. Wir wollen es nicht vergessen. Der Schule, die uns führte, sei gedankt,!“