Eifelweihnachten

VON HEINRICH RULAND

Wieder klingen die Weihnachtsglocken in den Tälern und auf den Höhen der Eifel. In das Brausen der dunklen Wälder fallen die Töne, sie mischen sich mit dem Sang der Flüsse und Bäche in den Gründen. Wieder spannt die Heilige Nacht ihren Bogen, der voller Sterne ist, über dem einsamen Lande aus. In den Fenstern der Dörfer und Städte leuchtet ein Abglanz der himmlischen Pracht, Sternbilder glänzen auf, ja in allen Stuben und Zimmern sind Sterne entzündet und glitzern aus den Zweigen vieler, vieler Tannen. Das große Lied, so fremd und doch dem Herzen so vertraut, hebt zu singen an. Es klingt mächtiger als das Brausen der Wälder und das Rauschen der Flüsse. Es klingt sanfter als das Lallen und das Beten kleiner Kinder. Voll unheimlicher Gewalt jagt es daher wie ein Sturm, der den Brand entfacht. Es ist wie ein Säuseln, das die Blüten aus der Erde lockt. „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden den Menschen auf Erden.“ Alle Jahre wird die Botschaft dem stillen Lande da oben verkündet; alle Jahre um dieselbe Zeit schlägt sein Herz leiser als sonst, denn es wird erfaßt und gerührt von der Gnade, die sich in der geweihten Nacht vom Himmel auf die Erde ergießt. Hinter den Fenstern stehen die Menschen des Landes, schauen den Himmel an und den lichterfunkelnden Baum und neigen in Demut und Glauben den Kopf, wenn der Engel über die verlassenen Fluren kommt und von den Wundern und Geschehnissen der Weihnacht kündet. Immer wieder kommt er zu ihnen, immer wieder neigen sie den Kopf in Demut und Glauben. Sie werden warm in ihren kalten, zugigen Zimmern hinter Eisblumen und Schneewehen. Sie fassen einander an den schwieligen Händen. Sie dünken sich mit einem Male reich in ihrer Armut und ihrem Elend. Die Sorge und die Not eines ganzen Jahres sjnd vergessen. Die Enttäuschungen schmerzen nicht mehr. Ob auch das Feld am Hang nichts brachte als ein paar Büschel Gras, die nicht einmal zur Viehweide taugten, ob auch die beste Kuh aus dem Stalle fortgeführt worden war, weil nichts anderes da war, die Größe der Schuld zu decken; sie achten es nicht in dieser Nacht, denn über dem First des Hauses steht der Stern von Bethlehem, dessen Licht hell genug ist, die Trübseligkeit ihres Daseins zu durchleuchten und zu vergolden.. Für einige Stunden sind sie geborgen und behütet, einbezogen in das beseligende und beglückende Geschehen; sie sind Mitwisser göttlicher Geheimnisse. Sind die Hirten, deren Pferche da drüben schwarze Streifen in die helle Fläche zeichnen, nicht ihres Geblütes und aus ihrer Verwandtschaft? Sie waren die ersten, die um die großen Dinge wußten! Sind es nicht die Lichter von Jerusalem, die ihren Schein an den samtenen Himmel werfen? Vielleicht, daß in der basaltenen Grotte unter dem Berggipfel der Heiland geboren worden ist und es nur eines Ganges durch das verschneite Feld bedarf, um ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Oh, ihr Gemüt ist kindlich und einfältig, und unablässig baut es weiter an den überwältigenden Wundern. Sie schauen ganz nahe, was andere Menschen nur von Ferne, verdeckt von Worten und Buchstaben, sehen. Sie können alles greifen und verstellen wie die Figuren ihres Krippleins unter dem Baume. Sie schauen ohne Zweifeln und Grübeln. Ihr Haus ist ein Haus in Bethlehem, ihre Flur ist die Flur der Verkündigung. Der Wunderstern steht wahrhaftig über ihnen.

Schönes stilles Eifelland, braves, stilles Eifelvolk: Wenn die Gnade doch bliebe und der Stern nicht unterginge! Wenn das seltsame Lied nie seinen Klang verlöre! Kinderglaube mache euch glücklich, und die Macht der heiligen Stunde lasse euch nicht untergehen und nicht versinken im Jammer der Zeit. Ihr seid guten Willens, und darum wird dir, o Eifelland, und dir, o Eifelvolk, der Friede!

Diese Nacht ist die heilige Nacht.
In den Dörfern und Höfen geht niemand zur Ruh‘,
die Scheite im Ofen verknistern sacht;
und Bauer und Bäuerin, Kind und Magd
bei der surrenden Lampe halten Wacht
und sprechen die alten Kindergebete,
singen von Hirten auf Bethlehems Flur.
Und wird es stille —: Im Stalle nur
an den Ketten zerren Ochs und Kuh,
und der Sturm springt ans Fenster und macht huhu!

Durch die Täler der Eifel geht,
stärker ah Angst und Not, ein Frohlocken.
Über die Höhen der Eifel weht
der Hall der sturmverlorenen Glocken.
Alle Wege sind hoch verschneit,
vom Schnee verscHüttet sind alle Pfade.
Von Dorf zu Dorf, hurtig und weit,
läuft der Engel, der Kunder der Gnade.
Zwängt sich durch Türen, niedrig und schmal,
drängt sich in dumpfe Stuben hinein,
tritt wie irgendein Nachbarkind
in grobem Mantel, durchfroren und fahl,
zu Bauer und Bäuerin in den Schein . . .

Wie seltsam und tief seine Stimme spricht,
heben die Köpfe sich lauschend ins Licht,
verstummt das Beten mit einemmal.
Im Stall schweigen Ochs und Kuh,
der Sturm legt sich auf der Schwelle zur Ruh.
„Nicht nehme ich Sorgen und Beschwerden,
euer Teil bleibt Armut und Leid —
ich bringe den Frieden, den Frieden auf Erden,
euch, die ihr guten Willens seid!
Weiter sollt ihr bauen und pflügen
mit tropfender Stirne und schwieliger Hand,
in herbem Entsagen, kargem Begnügen
reift ihr zur Heimat und werdet dies Land!
Wachset empor! Seht groß in der Runde
euere Berge, einsam und küh» — 
.
in des Jahres heiligster Stunde
segne die Gnade Arbeit und Müh’n!“

Sie sprechen ein lautes Amen. Weitauf die Tür springt.
Ferne hinter den Bergen ohne Glocke schwingt und klingt.
Über den dunkelbrausenden Wäldern schimmernd die Sterne stehn,
und der Bauer greift nach Wams und Laterne und sagt: „Wir wollen zur Mette gehn!“

aus „Land der Maare“ Areverlag Bad Neuenahr-Ahrweiler