Die Verbandsgemeinde Burgbrohl im historischen Rückblick

Die Verbandsgemeinde Burgbrohl im historischen Rückblick

VON KARL SCHÄFER

Im unteren Brohltal, etwa sieben Kilometer von der Mündung der Brohl in den Rhein entfernt, erstreckt sich die Gemeinde Burgbrohl. Bis in die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts verlief die Siedlungsrichtung eindeutig von Westen nach Osten entlang des Brohlbaches und im wesentlichen um den Burgberg, einem steilen Basaltkegel in der Ortsmitte, gruppiert. Erst in den letzten Jahrzehnten wurden durch großzügige Erschließungsmaßnahmen neue Ortsgebiete besiedelt, die insbesondere in Südrichtung aus der Enge des Brohltales das breitere und damit siedlungsfreundlichere Gleestal mit seinen sanfteren Hängen umfassen.

Bestimmend bleiben aber nach wie vor Brohltal und die beiderseitigen Berghänge für die Kennzeichnung der Lage von Burgbrohl. Nach der weitausladenden Talaue des Brohlbaches unterhalb der beherrschenden Ruine Olbrück, die der Landschaft des „Zissener Ländchens“ ein anmutiges Bild verleiht, beginnt im heutigen Ortsteil Burgbrohl-Weiler die Talverengung, die brohlbachabwärts unterhalb von Burgbrohl in den romantischsten Teil des Tales einmündet.

Was sich bei Niederzissen im steilen, bewaldeten Hang des Bausenberges ankündet, wird in Und um Burgbrohl prägend und bestimmend im landschaftlichen Charakter in der Fülle geologischer Besonderheiten im Randgebiet des Laacher-Vulkanraumes. Haben auch gewaltige strukturelle Veränderungen innerhalb der letzten Jahrzehnte manches der Landschaft von ihrem oft herben Reiz nehmen können und scheint auch diese Entwicklung heute noch längst nicht abgeschlossen, so wird sich Burgbrohl doch weiterhin eines Rufes „erfreuen können, hinsichtlich seiner landschaftlichen Lage besonders bevorzugt zu sein.

Es fällt schwer, den Ort nach seiner wirtschaftlichen Orientierung vom Äußeren her einordnen zu wollen, denn trotz der vorhandenen gewerblichen Ausrichtung durch auch für überörtliche Verhältnisse beachtliche Unternehmen bestimmen sowohl im enger bebauten alten Ortskern wie in den Siedlungsstraßen und Gebieten auf der Mittelterrasse des Brohltales und erst recht im bereits erwähnten Gleestal Wohnhäuser das Ortsbild. Bis zum Einsetzen des Baubooms auf privater Initiative, etwa von 1960 an, waren es Werkssiedlungen, die ganzen Straßenzügen das Gepräge gaben, ehe in der heute üblichen Bauweise eine Auflockerung von Straßen- und Ortsbild eintrat. Aus nicht gati7 ersichtlichen Gründen konnte Burgbrohl trotz seiner zentralen Lage keine nennenswert geschäftlichen Impulse für die umliegenden Dörfer ausstrahlen, die sich strukturell im Ort ausgewirkt hätten. Das trifft auch auf die anderthalb Jahrhunderte Amts- bzw. Verbandsgemeindesitz zu. Anfang der fünfziger Jahre brachte der aufblühende Fremdenverkehr Auftrieb mit bis zu 10000 Übernachtungen im Jahr, doch attraktive Anziehungspunkte fehlten für die moderne Massentouristik. Das Jahr 1969 dürfte für den entwicklungsmäßigen Prozeß von Burgbrohl als ein wichtiger Zeitpunkt angesehen werden, denn im Zuge der kommunalen Neuordnung wurden die bisherigen Gemeinden Burgbrohl, Niederoberweiler und Oberlützingen aufgelöst und die neue Großgemeinde Burgbrohl mit einer Einwohnerzahl von über 3000 gebildet. Während die Vereinigung Burgbrohls mit Niederoberweiler in Verlängerung des Brohltales als eine folgerichtige Lösung kommunaler Neuordnung angesehen werden muß, wobei durch die gemeinsamen wirtschaftlichen Verbindungen mit den Betriebseinrichtungen der früheren Brohltal AG für feuerfeste Steine (heute Werk II der Fa. Gebrüder Rhodius) der Zusammenschluß als ein Akt „kommunaler Gerechtigkeit“ betrachtet werden kann, war die Zuordnung von Oberlützingen auf der Brohltalhöhe aus geographischen Gründen wohl nicht ohne weiteres gegeben, dürfte aber wie auch bei Niederoberweiler infolge der starken berufsmäßigen Orientierung nach Burgbrohl den Interessen des überwiegenden Teiles der Bevölkerung entsprechen. 

Burg „Burgbrohl“
Foto: Kreisbildstelle

Das kontinuierliche Zusammenwachsen der jetzigen drei Ortsteile dürfte beim Fortbestand der günstigen konjunkturellen Lage bereits in den nächsten Jahren durchaus im Bereich des Möglichen liegen. Die ersten Baumaßnahmen und Erschließungen innerhalb der zwei Jahre Zusammengehörigkeit lassen solche Vermutungen durchaus nicht als Utopie erscheinen. Eine zweite Straßenverbindung zum Ortsteil Weiler durch das Brohltal — vorerst zwar nur für Fußgänger ausgebaut — führt vom Greimerstal zur Jahnstraße und erschließt damit gleichzeitig weitere Baugebiete in einer ruhigen Wohnlage, abseits der stark frequentierten Bundesstraße 412. Die kürzeste Verbindung zum Ortsteil Lützingen wird durch den „Eselsweg“ hergestellt, der im wesentlichen parallel zur Kreisstraße 42, der Fritz-Beck-Straße, verläuft, durch den steilen Anstieg etwa von der Ortsmitte Burgbrohls aus zwar nicht als ein bevorzugtes und ideales Baugebiet bezeichnet werden kann, aber in einem Wanderwegenetz in und um Burgbrohl mit seinen reizvollen Fernblicken nimmt diese innerörtliche Verbindung heute schon eine wichtige Funktion ein.

Wie der Vulkanismus mit seinen mannigfachen Gesteinsfoimationen und den zahlreichen Kohlensäurequellen das Brohltal vom Landschaftlichen her geprägt hat, so ist das in gleicher Weise auch von der Besiedlung zu sagen. Daß die Römer im unteren Brohltal nicht nur in vereinzelten Landsitzen und Villen wie so oft im Hinterland des Limes und der Rheinlinieansässig waren, sondern eine intensive Besiedlung vorgenommen hatten, zeigte sich in den vergangenen Jahrhunderten in den Fundstücken in den Traßbrüchen unmittelbar vor Burgbrohl und im Ort selbst, und die Anreicherung der Rheinischen Landesmuseen mit Opferaltären und Grabfunden aus römischer Zeit spricht ein beredtes Zeugnis für die frühe Besiedlung des Burgbrohler Raumes. Aus der Frankenzeit sind nur unsichere Spuren und Quellen vorhanden, wiewohl das Gebiet auch in diesen Jahrhunderten besiedelt gewesen sein muß, wenn auf der Brohltalhöhe in den Dörfern Nieder- und Oberlützingen neue fränkische Siedlungen entstanden. Um die Jahrtausendwende beginnt sich das Dunkel in der Geschichte Burgbrohls zu lichten, als in Urkunden nahegelegener Klöster und Rittersitze die Grafen von Brule Erwähnung finden und damit die wechselnden Geschlechter der Burgherren von Burgbrohl das weitere Geschick des Ortes bestimmen. Nach J. Wegeier wird ein Volculdus de Brule im Jahre 1093 in der Stiftungsurkunde der nahegelegenen Abtei Maria Laach als Zeuge genannt, und auch die zweite Stiftungsurkunde durch Pfalzgraf Siegfried 1112 weist wiederum die Herren von Brule als Mitunterzeichner auf. Um 1213 taucht erstmals das Wappen der Herren von Brule auf: 14 röte Kugeln auf goldenem Feld, die 1966 mit den Wappen der späteren Geschlechter von Burgbrohl, der Herren von Braunsberg und Bourscheidt, mit silbernen Rauten und roten Seeblättern zum neuen Burgbrohler Wappen vereinigt werden. Nachdem der Mannesstamm derer von Brule um 1450 erloschen war, kam es im Jahre 1486 zu einer Belehnung des Schlosses Brol und Zubehör durch den Herzog von Jülich an das Geschlecht derer von Braunsberg, und 1495 wird in einem Erbauseinandersetzungsvertrag, dem sogenannten Burgfrieden, die Vollmacht über die Vikarie Oberlützingen neben der Pfarrei Burgbrohl genannt. Die nahe Verbindung zur bereits 972 erwähnten Propstei Buchholz, einer Benediktinerniederlassung von Mönchengladbach aus, zeigt sich des öfteren in Erbstreitigkeiten und Anspruchserhebungen auf die „Herrlichkeit Weiler“, wozu Buchholz gehörte. Die Herren von Braunsberg übten hierbei die Vogtei aus, ließen es dabei aber immer wieder auf Auseinandersetzungen mit der Abtei ankommen, und auch die nachfolgenden Besitzer Burgbrohls, die vom Niederrhein stammenden Herren von Bourscheidt, nahmen es mit den Rechten der Mönche und Brüder von Buchholz nicht sehr genau, so daß selbst der Erzbischof von Köln als oberster Landesherr strenge Drohbriefe erließ. 1756 wird Franz Karl von Bourscheidt als Erbauer der Burgbrohler Kirche genannt, wobei in der Stiftungsurkunde, als Nachbildung auf einer Steininschrift noch erhalten, seine Stellung als die eines Reichsfreiherrn der uralt kaiserlichen Reichsherrschaft zu Burgbrohl angegeben wird. Nach dem Tode von Johann Ludwig von Bourscheidt im Jahre 1836 erlosch das Herrengeschlecht von Burgbrohl, die Burgbrohler Burg mit den umfangreichen Ökonomiegebäuden wechselte verschiedentlich den Besitzer. Trotzdem wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts umfassende Renovierungs- und Erweiterungsbauten geplant, gelangen aber nur teilweise zur Ausführung. Der schloßartige Gartenteil der Burg mit seiner herrlichen Freitreppe zum Gleestal hin verdankt dieser letzten Epoche der Burggeschichte seine Entstehung. 

Wenn auch in Chroniken und Urkunden die Geschichte der Geschlechter von Burgbrohl relativ umfangreich anmutet und demzufolge eine gewisse Bedeutung der „Herrschaft Burgbrohl“ über die Jahrhunderte hinweg bestanden haben müßte, so wird diese Vermutung widerlegt durch die Tatsache, daß der Ort selbst im Jahre 1792 nur 17 Bürger zahlte. Als Hemmnis einer gedeihlichen Entwicklung des Ortes wird die Gutsuntertänigkeit genannt, deren Aufhebung erst 1796 erfolgte. Noch um die Jahrhundertwende, so berichten Chronisten, war nach mündlicher Überlieferung die Prügelstrafe als ein Relikt der einstigen Gutsherrschaft in höchst unguter Erinnerung. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte mit dem Aufschwung der Industrie, in der Ausbeutung der Traßlager und der zahlreichen Kohlensäurequellen im Brohltal einen raschen Anstieg der Einwohnerzahl, die 1910 mit 1096 Einwohnern einen vorläufigen Höchststand erreichte. 

Burgbrohl
Foto: Kreisbildstelle

Verwaltungsmäßig wurde Burgbrohl in der Zeit der französischen Besetzung dem Arrondissement Koblenz zugeordnet und war Sitz einer Mairie, die die Gemeinden Kell, Wassenach, Niederoberweiler, Niederlützingen mit der Schweppenburg und Oberlützingen umfaßte. Mit der Neueinteilung durch die preußische Verwaltung wurde 1817 die Bürgermeisterei Burgbrohl geschaffen, die außer den genannten Orten um Wehr, Brenk und Galenberg im oberen Brohltal vergrößert wurde. Diese Verwaltungsgliederung hatte über anderthalb Jahrhunderte Bestand, ehe im Zuge der Verwaltungsreform im Lande Rheinland-Pfalz die neue Verbandsgemeinde „Brohltal“ entstand und Burgbrohl den Amtssitz an das zentraler gelegene Niederzissen abtreten mußte. Der erste Bürgermeister von Burgbrohl, Heckmann, nahm sein Amt im sog. „Siegerlohrschen Hause“ auf, der einstigen Kellerei der Gutsherrschaft und heute nach historisch gehaltener Renovierung als repräsentatives Hotel „Zur Krone“ neugestaltet. Ein besonderes Amtsgebäude entstand 1865, das durch Erweiterung und Modernisierung einer sich vergrößernden Verwaltung jeweils angepaßt wurde.

Eine weitere Bedeutung als Unterzentrum erhielt Burgbrohl im Jahre 1900 mit der Einweihung eines Krankenhauses, das von Schwestern aus Waldbreitbach bezogen wurde und mit einer chirurgischen und inneren Abteilung bei 90 verfügbaren Betten, die durch moderne Anbauten noch in den fünfziger Jahren die zentrale Lage Burgbrohls zweifellos unterstrichen, heute zwar im Zeichen der Krankenhausreform im Fortbestand nicht ganz gesichert, im sozialen Wirken über Jahrzehnte hinweg für das gesamte Brohltal als durchaus segensreich empfunden. — Im schulischen Bereich entstand 1969 ein Schulzentrum für rund 600 Schüler, das neben der Grundschule Burgbrohl Einzugsgebiet für den 1966 geschaffenen Schulverband Burgbrohl ist und in dem alle Hauptschüler aus den früheren Gemeinden der Verbandsgemeinde Burgbrohl außer Brenk und Galenberg (aus geographischen Gründen Niederzissen zugeordnet) nach neuzeitlichen Aspekten unterrichtet werden.

Die Traßbrüche und -mühlen des unteren Brohltales, bis Ende des 19. Jahrhunderts auch im eigentlichen Ortsbereich von Burgbrohl ansässig, trugen ebenso zum Aufschwung des gewerblichen Lebens bei wie die zahlreichen Kohlensäurequellen. Mit nachhaltigerem Einfluß auf die industrielle Entwicklung des Ortes trugen jedoch die Rhodiuswerke und die Brohltal AG für feuerfeste Industrie bei. Während die letztere Firma, die zeitweise bis zu 600 Beschäftigte aufwies, um 1960 ihre Fabrikation aus betriebswirtschaftlichen Gründen nach Urmitz bei Koblenz verlagerte und die leerstehenden umfangreichen Fabrikanlagen schließlich verkaufte, entwickelte sich die Farbenfabrik Gebrüder Rhodius zu einem Unternehmen, das vom traditionellen Fabrikationsprogramm in der Herstellung von Farben auf Kohlensäurebasis eine Umstruktuierung vornahm und in der Erschließung neuer Produktionszweige von Jahr zu Jahr steigende Tendenzen aufweist und damit in bezug auf Leistungsfähigkeit und Krisensicherheit die vorgenommenen beachtlichen Investitionen in jeder Weise rechtfertigt. Das 1827 gegründete und noch heute im Familienbesitz befindliche Unternehmen hat die fast 150 Jahre lang betriebene Herstellung von Bleiweiß und Zinkweiß eingestellt, vom herkömmlichen Programm wird lediglich noch Bleimennige erzeugt. Seit 1953 ist das Arbeits- und Produktionsprogramm der Firma durch Hinzunahme weiterer Abteilungen umgestellt und vielseitiger geworden. Zu den maßgeblichen Unternehmen gehören noch die Agefko-Kohlensäure GmbH und die Baufirma Rick KG.

Es wäre unvollständig, wenn in diesem Rahmen die Brohltalbahn unerwähnt bliebe, die um die Jahrhundertwende als Schmalspurbahn von Brohl am Rhein aus gebaut wurde und wesent-‚ lieh zur Erschließung des Brohltales beitrug und auch auf die Burgbrohl« Industrie verkehrsbelebende Impulse ausübte. Zwar wurde inzwischen der Personenverkehr auf der Schiene längst eingestellt, und durch Rationalisierungsmaßnahmen im Verkehrsbereich spielt der Güterverkehr nur noch eine untergeordnete Rolle und ist auf den Transport des Brenker Phonoliths und Lavakrotzen aus dem unteren Brohltal beschränkt, für die Entwicklung der Burgbrohler Industrie war sie ein mitbestimmender Faktor.