Der Schatz des Neunzigjährigen

Dem Neuenahrer Verkehrsdirektor a. D.
Kristian Kraus
zum 90. Geburtstag am 27. Februar 1970

Gewiß: der Anfang ist auch mir das Wort.
In jedem Volke hat es ändern Laut.
Es lebt in ihm der Menschheit Urkraftfort,
die Sonnentempel, Dome und Pagoden baut,
Musik gestaltet, Dichtung und Gebet
und weckt das Hirn-Geheimnis Denken,
formt der Jahrhunderte Gesicht und Lenken!
So bleibt’s dem Ewigen verschworen!

Und dennoch: wirkt‘ es ohne dich — die Schrift?
Ist sie nicht Größtes, was der Geist erfand?
Was wäre ohne Gras die Weidetrift?
Was wären Völker ohne Alphabetenband?
O Gutenberg, wie ich dich loben muß:
Genie, das schuf den Druck der Lettern!
Dir danke ich Homer und Kleist als Vettern.
In dir wird Goethe neu geboren!

Du, Bücherei: du weihst mein stilles Fest.
Du kündest mir. In dir bin ich der Gast
des Weitem, den die Reife schauen läßt,
der sich nicht fürchtet vor der Stunden Höllenlast!
Fast ein Jahrhundert baute ich an dir.
Berlin, die Weltstadt, ließ gelingen,
was mir nun hütet, krause Ahr, dein Singen,
und ich blieb Herr vor tausend Toren.

Wenn sie sich öffnen, krönt mich Weisheitglück.
Ägypter locken, Araber sind da.
Chinesen deuten, Tagschein fällt zurück,
und ständig ist mein Deutsches mir vertraut und nah.
Du Schatz der tausend Quellen hieltst mich jung.
Und ob Atome triumphieren:
du mahnst in mir den Fortschritt, zu sinnieren!
So blieb ich Ewigem verschworen
!

Theodor Seidenfaden

Der am 4. Februar verstorbene Jubilar — am 27. Februar hätte er seinen Neunzigsten feiern können — besaß eine kostbare Privatbücherei, die er der Stadt Bad Neuenahr vermachte.