Der Maler Carl Weisgerber

Ein Blatt der Erinnerung

VON DR. WALTHER OTTENDORFF-SIMROCK

Foto: Dolf Siebert

So sah er aus: Ein Mann von schmalem, aber spannkräftigem Wuchs. Aus seinen Gesichtszügen spricht jene heiter-ernste Art, die nur ein künstlerischer Mensch zu einer Harmonie zu verschmelzen vermag. Hinter den großen Brillengläsern funkeln zwei lebendige Augen, die den scharfen Beobachter verraten. Der vollippige Mund zeigt gebändigte Kraft, das „Ja“ zum Leben, das auch seinem Pinsel warmes, lebensechtes Kolorit verleiht. — Am 22. Februar 1968 legte der Siebenundsiebzigjährige Palette und Pinsel für immer aus der Hand.

Spüren wir den Anfängen von Carl Weisgerber nach, so können wir es mit seinen eigenen Worten tun. In den Mitteilungen des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen (6. Jahrg. 1935, Heft 2) spricht der am 25. Oktober 1891 in der Kreisstadt geborene Künstler liebevoll und humorgewürzt von seinem Werdegang: „Schon das Elternhaus war nicht ohne Dinge, die irgend etwas mit Kunst, wenn man will, zu tun hatten. So ungefähr das ganze Jahr hindurch war eine der großartigen Ideen‘ meines Vaters in Vorbereitung, der so nebenbei als Direktor sämtlicher Dilettantenbühnen der Gegend funktionierte und als erste geschätzte Nummer allen willigen Zuhörern teils die Gemüter, doch noch mehr die Zwerchfelle erschüttert hat.— Auch mein Maltalent mußte schon seiner Sache dienen. Theaterhintergründe von kühnen Ausmaßen entstanden, und ich wurde neben meinem Vater eine ,Berühmtheit‘.“ Von entscheidender Bedeutung für das Streben des jungen Künstlers sollte die Bekanntschaft mit dem anerkannten Düsseldorfer Maler, Professor W. Spatz, werden: „Ich vergesse nie die erste Audienz bei ihm, als ich an einem Sonntagmorgen einen halben Zentner Tier- und Landschaftsstudien in sein Hotel schleppte. Durch ihn angeregt, machte mein Studium größere Fortschritte, so daß sich meine künstlerischen Interessen durchsetzten und ich den Mut fand, Maler zu werden.“ Der Weg führte Carl Weisgerber auf die Kunstakademie nach Düsseldorf zu den berühmten Professoren Max Clarenbach und Julius Paul Junghanns, die seine Lehrer wurden. Jahre harter Arbeit lagen nun vor dem Mal schüler, und auch die Akademieferien, die er häufig im Ahrweiler Elternhaus verlebte, nutzte er zu eifrigen Studien. Sein künstlerisches Bemühen fand freilich in der Heimatstadt nicht immer volles Verständnis: „Carl, deis du nit mie arbeide? Deis du nur noch moole?“ So fragten ihn die Klassenkameraden von einst, die daheim im väterlichen Betrieb oder Weinberg werkelten.

Jugendjahre in Ahrweiler

Dem „zum Schauen bestellten“ Künstler wurde die Landschaft zum Ziel seiner malerischen Leidenschaft. Wenngleich ihn in späteren Jahren auch Studienreisen in viele Länder, von Schweden, Holland, Belgien und Frankreich bis Spanien, Italien, Jugoslawien und in die Schweiz führten, Carl Weisgerber fand „seine“ Landschaft in der herben Weite und Einsamkeit der Hohen Eifel; er fand sie auch in den Bergen des Sauerlandes. Der Niederrhein und der „königliche Park“, der Düsseldorfer Hofgarten, kehren ebenso häufig als Motive wieder. Die Eifel- und Ahrheimat, das Land der Jugend, stand aber dem Herzen des Künstlers auch in späteren Lebenstagen, als er längst in Düsseldorf heimisch geworden war, wohl besonders nahe. Von dieser Zuneigung sprechen Ölgemälde, Pastelle und Zeichnungen in ihrer genialen Eigenwilligkeit. Vor allem fesselten ihn der Winter in der Eifel und besonders die Zeit der Schneeschmelze. Da leuchten überraschend reiche Farbnuancen aus einer Mischung von Weiß und Grau auf und reizen den Koloristen zu immer neuen Kompositionen. Als winterliche Motive sind eindrucksvoll „Weinfelder Maar“ und „Garten in Daun“, „Brücke bei Ahrweiler“ und „Bahnübergang bei Adenau“.

Carl Weisgerbers malerische Liebe gilt der ungebrochenen Natur, in der Landschaft und Siedlung, Mensch und Tier noch geruhsam verbunden sind — ohne jedes störende Element. „Ich bin mit Jägern und Förstern aufgewachsen“, berichtet er selbst, „Durch die Jagd kam ich zur Tiermalerei. Ich kann mich noch gut erinnern, wie mich, als ich Schüler war, meine Eltern einmal am Weihnachtsabend suchten, während ich bei einem Förster einen toten Reiher zeichnete.“ Schon als Kind war ihm eines Tages eine von dem Berliner Kunstverlag Cassirer herausgegebene Kunstmappe mit Drucken nach Bildern des schwedischen Tiermalers Bruno Liljefors in die Hände fallen. Carl Weisgerber blieb zeitlebens ein Verehrer dieses Künstlers und ebenso dessen Lehrers, des großen Tiermalers Heinrich Zügel.

Unzweifelhaft ist die Begegnung zwischen Mensch und Tier bei ihm zur Meisterschaft gewandelt. Er beherrscht nicht nur die Anatomie — die Flugtechnik des Vogels, den tänzerischen Schritt des Pferdes, das Wild auf der Fährte, das Tier in Spiel und Kampf —, er zeichnet mit „brüderlicher“ Liebe und überzeugender Faszination. Seine Jagdbilder, Szenen, die sehr oft zu Kitsch und Klischee verleiten, sind lebensecht, ja lebensstrotzend, eine Aussage von hohem künstlerischem Wert.

Schon seit seiner Kinderzeit war die Welt des Zirkus für ihn ein Magnet, daher seine ausgezeichneten Impressionen aus der Arena, Bilder von naturalistischer Eindringlichkeit, mit fast verspielter Leichtigkeit farbig demonstriert.

Seine Palette ist vielgestaltig: Aus der Vogelwelt „Junge Raubvögel im Horst“, „Wildenten im Winter“, „Schwäne im Hofgarten“, „Kämpfende Hähne im Schuppen“, Jagdmotive „Durchbrechendes Schwarzwild“, „Der Fuchs im Hühnerstall“, „Eber, von Hunden gestellt“. Immer wieder gilt sein Interesse dem Gefährten des Menschen, dem Haustier: „Schafherde am Niederrhein“, „Pferd und Kühe auf der Weide“, „Hengstparade im Landgestüt Wickrath“. Und die Hand des Künstlers illustriert die schillernde Farbigkeit des Zirkusmilieus: „Im Zirkuszelt“, „Zirkusarena im Freien“, „Elefanten im Zelt“. Seinen Stift reizt das Muskelspiel des Tieres; seine Arbeiten spiegeln Erlebnisse im Zoo, vollendete Reitkunst, Dressur- und Jagdspringen meisterhaft wider.

Der Landschafts- und Tiermaler

Carl Weisgerber hat sich als einen der „letzten Romantiker“ bezeichnet. Er wollte damit wohl zum Ausdruck bringen, daß er den Weg zu den Avantgardisten nicht gefunden hat oder nicht finden wollte. Wenn er auch einmal mit einem leisen Anflug von Resignation feststellte: „Der Lorbeer gehört immer dem Neuen“, so überzeugen gerade seine Tierbilder durch einen gesunden Realismus, der auch in einer modernen Kunstära durchaus seinen Platz behaupten wird. Zweifellos hat Carl Weisgerber das Verdienst, die Beziehung zur Natur, die uns heute vielfach verloren geht, wachzuhalten und zu vertiefen, zugleich eine Zwiesprache zwischen Mensch und Tier im Sinne eines Franz von Assisi.

In seiner Laufbahn hat der Maler und Zeichner manche verdiente Würdigung erfahren. So verlieh ihm die Stadt Düsseldorf den Cornelius-Preis. Bedeutende öffentliche Sammlungen kauften seine Bilder an. Sie hängen aber auch als liebgewordener Besitz in vielen Privathäusern im Kreis Ahrweiler und in Düsseldorf. Die Galerie G. Paffrath in Düsseldorf veranstaltete zu seinem Gedächtnis im September/Oktober 1968 eine umfassende Ausstellung — seine künstlerische Aussage hat auch heute in vollem Umfang Gültigkeit.