Der Kreis Ahrweiler und seine Lebensaufgaben

Gedanken zur künftigen Entwicklung des Kreises

VON DR. JOSEF RULAND

Wenige Kreise gibt es in der Bundesrepublik, die in ihrer Gestalt, ihrer Lage und vielleicht auch in ihrer Aufgabe so faszinierend sind wie der Kreis Ahrweiler. Da haben wir im Westen des Kreises in der Hohen Acht den höchsten Eifelberg mit einer Höhe von 746 Metern und im äußersten Norden des Kreises die Rheininsel Nonnenwerth, die 60 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Die Längsachse des Kreises bildet immer noch die Ahr, während die östliche Querachse dazu vom Rhein gebildet wird. Zur Ahr gibt es aber noch einige Paralleltäler, vor allem das Vinxttal und das Brohltal, das nunmehr nach der territorialen Verwaltungsreform auch mit einem großen Teil zum Kreisgebiet gerechnet wird. Während im Ahrtal selbst Rotwein angebaut wird, gibt es südlich der Ahr einen quarzitreichen Bergrücken mit Mauchertskopf, Düsselberg, Schöneberg, Petersberg, Hohe Acht und Nürburg, der weithin unfruchtbar ist und heute noch dem Fremden sehr klar veranschaulichen kann, was unsere Väter und Großväter unter Eifel verstanden. Drei Wochen später als im Rheintal erreicht der Frühling Hohe Acht und Nürburg, und wenn dort oben bereits zum erstenmal Schnee, Reif und Frost eingefallen sind, gehen die Menschen in Remagen und Sinzig noch ohne Mantel spazieren. Aber weiter im Katalog der Merkwürdigkeiten, der uns nur helfen soll, den Platz des Kreises in Gegenwart und Zukunft zu finden. Ein Blick auf die Karte zeigt den enormen Waldreichtum unseres Kreises. Da sind die großen Waldkomplexe an der Oberahr, die Wälder der rechten Ahrhöhen, des Vinxt- und Brohltales und der Berge um den Laacher See. Mit knapp 49 Prozent einer von Wald bedeckten Kreisoberfläche liegt der Kreis Ahrweiler weit über dem Bundesdurchschnitt, der etwa 29 Prozent beträgt. Dazu wiederum kommt die Vielgestaltigkeit der Kleinlandschaften, die im Osten, im Rheintal, mit der Talweitung der Ahrmündung und der südlich anschließenden Niederterrasse bis hin nach Bad Breisig beginnt. Die /um Kreisinnern hochsteigenden Hügelzüge beiderseits der Ahrmündung gehen nördlich in die Grafschaft über, deren Lößböden ungemein fruchtbar sind, während südlich der Ahr bereits um Königsfeld, Niederzissen der Fuß der Eifel auch vom Fremden deutlich wahrgenommen wird. Und dahinter, nach Westen, folgt nördlich die Ahreifel bis hoch zum Aremberg und südlich die Hocheifel hinauf zur Hohen Acht und zum Nürburgring, während die Vulkanberge um Laacher See und Bausenberg schon wieder einen ganz anderen Landschaftscharakter haben. Wer auf dem viel zu wenig besuchten Scheidskopf hinter den großen Obstplantagen den Blick südwärts gehen läßt an der Landskrone vorbei auf den Pflugskopf bei Schloß Vehn oder zum Berg Neuenahr, der ahnt nicht einmal, daß genau zwischen beiden Bergen die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler liegt, daß dort unten eine stark befahrene Bundesstraße von Ost nach West verläuft und eine Bahnlinie mehrmals täglich Menschen und Güter ahrauf und ahrab befördert. Der Kleinballungsraum um das Weltbad Neuenahr wird von da oben gar nicht geahnt, trotz der sich abhebenden Autobahnbrücke zwischen Bad Neuenahr und Heimersheim.

Und damit wären wir bei einer weiteren Einzigartigkeit. Kein anderer Kreis in Deutschland, nicht einmal in Europa, kann derart viele Heilbäder, warme Quellen und Säuerlinge aufweisen wie der Kreis Ahrweiler: Neuenahr, Heppingen, Bodendorf, Sinzig, Kripp, Breisig, Brohl – wo gibt es das noch ? In diesem Dreieck von wenigen Quadratkilometern zwischen Brohl-Lützing, Sinzig und Neuenahr könnte eigentlich jeder Bewohner Kurgast zugleich sein. Um die Betrachtung ein klein wenig fortzusetzen und zu ergänzen: Der Kreis Ahrweiler ist offensichtlich von der Natur gesegnet worden mit all ihrem Formenreichtum, dessen sie fähig ist. Das eingekerbte Flußtal mit den jähen Felswänden bei Altenahr und das weitgestreckte Hochplateau der Grafschaft, die schwermütige Landschaft um die Hohe Acht und die lieblichen Bachtäler von Vischel und Sahr, Vinxt und Brohl. Dieser Segen hat dem Kreis weite Raumeinheiten als Landschaftsschutzgebiete eingebracht und wenige ausgesuchte Gebiete als Naturschutzgebiete. Landschaftsschutzgebiete sind solche, in denen der Eingriff durch Menschenhand von besonderen Genehmigungen, Bestimmungen und Erfordernissen abhängig ist; Naturschutzgebiete sind absolut geschützt. Landschaftsschutzgebiete beanspruchen fast das ganze Kreisgebiet, alle Taleinheiten und erholungsreiche Höhengebiete. Naturschutzgebiete sind Teile des Brohltales, der Wacholderheiden und vor allem nach 1970 der große Kessel des Laacher Sees.

Demgegenüber stehen die dicht besiedelten Gebiete des Kreises. Da ist vor allem die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler, die mit den eingemeindeten Orten bereits eine stattliche Verdichtung im Räume der Unterahr gebracht hat und ein mittleres Einkaufs- und Versorgungszentrum ist. Zu erwähnen wäre auch Adenau als ländliches Einkaufs- und Versorgungszentrum; im mittleren Ahrtal die Gemeinden Altenahr, Mayschoß, Rech und Dernau; Remagen mit den Stadtteilen Kripp, Oberwinter, Rolandseck; Sinzig mit den Stadtteilen Bad Bodendorf, Westum, Löhndorf; Bad Breisig und Brohl-Lützing; ferner Burgbrohl und Niederzissen. In diese Orte strömt zusätzlich ein gewisser Verkehr der Besucher, vor allem der Käufer, der Arbeitnehmer und der Besucher von Behörden, Ärzten, Schulen und ähnlichem. In der Umgebung dieser Orte findet sich auch vorwiegend diejenige Industrie, die innerhalb des Kreises ansässig ist. Wichtig für den Kreis scheint mir, daß nach der Neugliederung im Südosten des Kreises, im Räume Wehr – Wassenach – Burgbrohl, nunmehr weitere Betriebe der Natursteinindustrie zu den bereits vorhandenen der Räume Hoffeld und Unkelbach getreten sind.

Die landwirtschaftlich bevorzugten Gegenden sind vor allem die „Grafschaft“, ferner die Winzerorte der Mittel- und Unterahr, die „Goldene Meile“ der Ahrmündung und das Zissener Ländchen. So finden wir entlang der Flüsse und Bäche, wie auch in den Quellmulden größere Siedlungen und siedlungsreiche Streifen, die wie Schnüre zum Rheintal und seinen Verkehrsbändern führen. Dazu gehört wiederum das Straßen- und Schienennetz, das im Grunde von zwei großen Kreuzungsstrecken bestimmt ist.

Ahrabwärts laufen die Bundesstraßen 266/ 267, die bei Remagen – Sinzig auf die B 9 stoßen; ahrabwärts laufen die Schienen der bei Dümpelfeld vereinigten Bahnlinien Oberahr und Adenau-Remagen. Eine zweite Richtung stellt sich senkrecht dazu. Das ist die Bundesstraße 257 Bonn – Adenau, die Bundesstraße 266 Rheinbach-Bad Neuenahr und neuerdings die Bundesautobahn Krefeld-Ludwigshafen, die bei Gelsdorf das Kreisgebiet erreicht, zwischen Bad Neuenahr und Heimersheim die Ahr kreuzt und es am Laacher See wieder verläßt. Mit all diesen Angaben, die wohl jedem bekannt sind, aber manchmal entfallen, wird die Problematik der künftigen Entwicklung des Kreises angeschnitten. Der gesamte Kreis steht im Spannungsverhältnis der Verkehrswege, damit natürlich auch der Entwicklungsrichtungen und gleichzeitig vom Innern heraus vor der Aufgabe, welche die Landschaft ihm erteilt hat, und das seit Jahrtausenden.

Foto: Kreisbildstelle
Bad Neuenahr-Ahrweiler

 Da ist im Norden nun der gesamte Großraum Bonn, anschließend der Großraum Köln, Leverkusen, Düsseldorf. Die Menschenmengen dieser Räume sehen, besonders nachdem die Verkehrswege sie geradezu einladen, im Kreis Ahrweiler eines ihrer Erholungsgebiete. Dort finden sie vermeintlich alles, was sie daheim vermissen. Romantisches Ahrtal, gesunde Luft, herrliche Wälder, entzückende Dörfer und Siedlungen, spannungsreiche Rennen auf dem Nürburgring und dazu noch im Alter mögliche Gesundung an den warmen Quellen. Sie sehen im mittleren Ahrtal die ideale Kombination schöner Landschaft und angebotener Gemütlichkeit bei einem guten „Roten“. Darüber hinaus betrachten viele Menschen der Bundeshauptstadt das Kreisgebiet als wohnungsmäßiges Refugium. Dort ist nach ihrer Auffassung erstens viel Platz, sehr viel Platz, dort sind die Grundstückspreise niedriger, dort hat man gute Luft, besseres Wasser – also kurz und gut – den erwünschten Feierabend und darüber hinaus Lebensabend.

So wohltuend sich dieser Wunsch anhört, er birgt seine Probleme. Bevorzugt werden nämlich vor allem landschaftlich reizvolle Wohngebiete und solche, die günstig zu den Straßen und Eisenbahnen liegen. Das wiederum verlockt so manchen Ort im Kreise Ahrweiler, Wohngebiete auszuweisen, die er aus dem eigenen Bedürfnis heraus gar nicht ausweisen könnte. Der Fremde wird also angelockt, siedelt und betrachtet – das wollen wir doch einsehen – in vielen Fällen diese Wohnung jedoch nur als eine Art zweiten Wohnsitz. Denn Bonn oder Köln, das bleiben die begehrten Ziele. Man möchte zur großen Welt zählen und nicht als Adresse irgend einen kleinen, vielleicht unbekannten Ort angeben. Der gastgebende Ort hat für die Erschließung zu sorgen, Straßen zu bauen, Wasser- und Elektrizitätsanschlüsse zu schaffen, Versorgungsdienste zu gewährleisten. Ob finanzielle Nutzen im Endeffekt für den Ort abfallen, ist noch die Frage.

Foto: Kreisarchiv. Freigegeben unter Nr. 05088 Bezirksregierung für Rheinhessen
Sinzig

 Das Problem ist da, und dafür ein Beispiel: Betrachten wir einmal die Ahrmündung. Da haben wir an den Flanken die beiden Orte Remagen und Sinzig, im Trichteransatz die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler und davor noch die Orte Bad Bodendorf und Heimersheim. Ganz an der Ahrmündung liegt dann Kripp. Alle diese Orte wachsen, und sie wachsen naturgemäß aufeinander zu. Diese Häufung von Menschen bzw. Ortschaften ist wahrscheinlich einer der Gründe gewesen, weshalb auch noch die Industrie gerade diesen Raum bevorzugt. Er bietet ja nicht nur die notwendigen Arbeitskräfte, sondern gleichzeitig auch die ideale Verbindung zur großen Durchgangsstraße, der B 9, zur Schiene und auch zum Rhein als Verkehrsader. Nicht zuletzt ist der Plan des Rheinischen Elektrizitätswerkes, zwischen Bad Breisig und Sinzig ein Kernkraftwerk zu installieren, auf diese günstige Konstellation zurückzuführen. Diese Einrichtungen, die Siedlungen, die Straßen, die Schienenwege drängen auf die notwendige Vergrößerung zur Aufnahme des wachsenden Potentials. Neben die B 9 tritt in Zukunft die Bundesautobahn, die ihre Anschlüsse nach Bad Neuenahr und zum Sinziger Kreisel haben muß. Vom Sinziger Kreisel wieder wird irgendwann einmal die notwendige Verbindung erfolgen müssen zur rechtsrheinischen Autobahn, was eine Brücke über den Rhein erfordert, gleichzeitig aber auch technisch sehr schwer zu bewältigende Probleme aufwirft, z. B. dieses: wie überwindet man von der verhältnismäßig niedrig gelegenen Ahrmündung den Anstieg der Autobahn auf die jenseitigen Westerwaldhöhen ? Für die Menschen und die Industrien im Dreieck zwischen Rhein und Ahr ist Wasser notwendig, das hier auch im Überfluß vorhanden ist. Darüber hinaus zwingt nun der Wasserbedarf im übrigen Kreisgebiet, dieses Wasservorkommen in verstärktem Maße durch weitere Brunnen und Schutzzonen zu erschließen. Neben diesen Forderungen und Erfordernissen einer relativ dichten Besiedlung, einer florierenden Industrie sowie der vermehrten Wassergewinnung stehen aber die berechtigten Wünsche und Notwendigkeiten der Kur- und Badeorte, die rund um das Mündungsgebiet der Ahr liegen. Daneben möchte und muß sich die Landwirtschaft – in diesem Falle der heimische Winzer, der durch die Flurbereinigung wieder günstige Möglichkeiten einer intensiveren Bearbeitung seiner Weinberge an die Hand bekommen hat, gerade in diesem Gebiet behaupten, weil der Weinbau zu den charakteristischen Erscheinungsformen dieses Gebietes gehört und hier günstige Absatzmöglichkeiten vorfindet.

Dieses Beispiel der Ahrmündung, das um andere aus dem Kreisgebiet ergänzt werden könnte, wird deshalb etwas ausgebreitet dargestellt, weil sich hier einerseits das Leben des Kreises besonders deutlich zeigt, andererseits aber auch für einen Laien ohne weiteres die Schwierigkeiten zu erkennen sind, alle diese Interessen klug und ausgewogen aufeinander abzustimmen.

Wie lange macht eine Landschaft das alles mit? Wie lange machen die ständig in ihr lebenden Menschen das alles mit? Von der Landschaftsbelastbarkeit haben wir noch keine genauen Zahlen. Wir wissen heute aber um deren Grenzen. Auch das reich gesegnete Gebiet des Kreises hat seine Grenzen. Der Müll, der Verbrennungsschmutz, der Lärm, der künstliche Nebel und gefiltertes Wasser sind auch im Kreis Ahrweiler zu finden. Daß der Massentourismus und seine Folgen sich mit einer echten Erholung nicht immer vertragen, diese Erfahrungen hat man mittlerweile im ganzen Kreisgebiet und nicht allein an der Mittelahr machen können.

Nun zum Menschen: Als der Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Josef Ertl, am 15. März 1973 in der kreisbenachbarten Gemeinde Wachtberg vor der Volkshochschule zu dem Thema sprach, sagte er: „Inzwischen vollzieht sich ein grundlegender Bewußtseinswandel, und zwar mit einer Schnelligkeit, wie man es vorher wohl kaum für möglich gehalten hätte. An die „Qualität des Lebens“ werden weltweit völlig neue Maßstäbe angelegt, es wird die Frage gestellt, ob das wirtschaftliche Wachstum uneingeschränkt und auf Dauer Vorrang um jeden Preis behalten soll.“

Unter qualitätvollem Leben versteht die Menschheit nicht mehr die Sicherung der reinen Existenz. Qualitätvolles Leben bedeutet Leben in einer Umwelt, in der man sich wohlfühlen kann, die heimelig ist, die auch den nüchternen Mitmenschen sagen läßt: „Es ist doch schön bei uns.“ Darauf strebt unsere Jugend zu, darauf muß sie zustreben können, wenn sie im Kreisgebiet bleiben und ihr Brot verdienen soll. Ich glaube, das ist ganz wichtig für unsere Gemeinden und den Kreis. Nur wer sich die Jugend erhält, erhält sich das Leben. Sinkende Bevölkerungszahlen sind echte Warnsignale. Die überaus hohe Zahl der Zweitwohnungen im Kreisgebiet ist kein Merkmal für gleichbleibende Bevölkerung oder gleichbleibendes Einkommen. Alle noch so gut gemeinten Maßnahmen der Gegenwart verkehren sich morgen ins genaue Gegenteil, wenn diese berechtigten Forderungen der einheimischen Bevölkerung nach einem qualitätvollen Leben auch für sie nicht über allem wirtschaftlichen Denken, über aller Siedlungsaufblähung und über den einseitigen Forderungen bestimmter Erwerbszweige stehen. Nur mit einer intensiven und die Nachbarregionen beobachtenden Planung läßt sich dieses anziehende Bild des Kreises erhalten. In einem Zeitalter, da gutes, unverseuchtes Wasser mehr als je Mangelware wird, geht es nicht mehr um den Kirchturm einer Gemeinde und ihre Politik. Der beliebte Anrufungsspruch des hl. Florian gilt in dieser Zeit nichts mehr. Dafür sind die Verflechtungen gerade auf dem Gebiete der Umwelt und der Lebensqualität zu deutlich hervorgetreten. Luft und Wasser, aber auch Grün und gesunder Boden kennen keine Grenzen. Der Rhein führt durch den Kreis Neuwied ebenso gut wie durch den Kreis Ahrweiler oder die Stadt Bonn. Der zum Nürburgring fließende Verkehr staut sich bei Altenahr ebenso lästig wie am Verteilerkreis Bonn oder in Bad Breisig. Diese Probleme der Umwelt und des qualitätvollen Lebens gehen eben jeden an, machen sich bei jedem bemerkbar. Sie werden in allernächster Zukunft in nicht zu ahnendem Ausmaß auf unseren Lebensstil Einfluß nehmen. Das wird auch in denjenigen Teilen des Kreises der Fall sein, in denen bis vor kurzem oder gar bis heute, härteste Arbeit und strenges Klima das tägliche Leben bestimmten und bestimmen. Zwar weiß gerade die Bevölkerung in diesen Teilen, daß man die Natur nicht vergewaltigen kann, ohne gleichzeitig das menschliche Dasein in arge Bedrängnis zu bringen, aber auch diese Menschen werden ihren Anteil am qualitätvollen Leben fordern und im Interesse ihrer Kinder auch fordern müssen.

Will man alles Gesagte in wenige Sätze zusammenziehen, so ergibt sich folgendes: Der Kreis Ahrweiler ist ein von der Natur gesegneter Kreis. Er besitzt viele Güter, um derentwillen Tausende und aber Tausende Woche für Woche zu ihm gepilgert kommen, zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit dem Auto und mit der Eisenbahn. Diese weitläufigen Erholungsteile, Wald und Wasser, romantische Felspartien und idyllische Bachtäler sind seine Erstausstattung und sein bestes Hab und Gut. Damit haben seine Bewohner jahrhundertelang gelebt, nicht gerade reich, aber doch so, daß sie nicht das Armenhaus waren. In einer späteren Zeit kam zur Landwirtschaft, zum Holzeinschlag, zum Weinbau und zu den kleineren Bergbauunternehmen die Erschließung der Heilwässer, die Kur- und Heilbäder sowie eine bedeutende Getränkeindustrie entstehen ließ. So gesehen bestimmten die natürlichen Gegebenheiten die gesamte bisherige Entwicklung des Kreises.

Ich bin der Meinung, daß das auch für die Zukunft so bleiben muß. Eine Verlagerung der Schwerpunkte des Erwerbs und der Gewerbe innerhalb des Kreises unter Außerachtlassung oder gar unter Vernichtung der natürlichen Gegebenheiten würde die genannten Erwerbszweige beeinträchtigen. Zugleich würde eine völlig neue Struktur des Kreises entstehen. Mit Tradition oder Verharren beim Alten haben diese Überlegungen nichts zu tun. Eine gute, dem Kreise notwendige Gesamtplanung kann diese naturgegebenen Grundzüge nur hervorheben. Für jede Planung und Vorbereitung muß das Leben im Mittelpunkt aller Überlegungen stehen, das Leben im allgemeinen und das Leben im Kreis Ahrweiler. Das Leben hat dem Kreis bisher seine Aufgaben zugewiesen und zugleich die Rohstoffe geliefert. Wenn die Grundlagen des Lebens, Luft, Wasser, Erde, geregeltes Klima und Regenerationsmöglichkeiten zuviel beansprucht werden, muß das Leben so weit zurückgehen, bis es mit dem Wenigen auskommen kann. Wenn auch das Wenige noch genommen wird, erlischt das Leben. Das muß man klar sehen, mit allen Konsequenzen. Mit dem Leben im Kreise schwänden natürlich auch die Lebensgrundlagen und die Lebensaufgaben. Wer das nicht wahrhaben will, der soll einmal ausprobieren, wie lange er mit schlechter Luft, schlechtem Wasser, ausgelaugtem Boden, wie lange er ohne Möglichkeiten zur Erholung und Gesundung leben kann. Das soll er aber nicht den 110000 Einwohnern des Kreises zumuten, und auch nicht den vielen echten Kur- und Badegästen, die aus dem Kreis Ahrweiler geheilt und weitgehend gesund nach Hause zurückkehren möchten.