„An den Ulmen“

Funde aus römischer Zeit

VON CARL-HEINZ ALBRECHT

Wohl selten hat ein Geländeabschnitt in unmittelbarer Nähe von Ahrweiler eine solche Fülle von Nachrichten aus der römischen und wahrscheinlich auch aus der vorrömischen Besiedlungszeit erkennen lassen: Hier Gräber, dort eine Unmenge von römischen Dachziegelbruchstücken, vielfältige Keramik sowie mannigfache Brandspuren von Holzkohle, gehäufte Anreicherung von Tierknochen und als Abschluß: Fundamente eines sehr großen Gebäudes. Der Überblick (siehe Skizze) über die vermutlich zusammenhängende Besiedlung „An den Ulmen“ läßt die ungefähren Entfernungen der einzelnen bisher erkannten Fundstellen erkennen. Hart an der Straße nach Lantershofen ist beim Ausheben eines Grabens zur vorübergehenden Verlegung des Lantershofener Baches das Gräberfeld angeschnitten (I) worden. Beim Anlegen der Fundamente für die Pfeiler der Hochstraße sind in unmittelbarer Nähe des ehemaligen TÜV-Gebäudes Siedlungsschichten mit viel Keramikbruchstücken und Brandspuren erkannt (II). Südlich des TÜV-Gebäudes wurden immer wieder mehr oder minder mächtige Lagen von zerbrochenen Dachziegeln erkannt. In dieser Umgebung fand sich auch ein „Depot“ von Tierknochen (III). In einem Abschnitt sind sogar Anzeichen für eine Produktionsstätte, vermutlich eine Ziegelei vorhanden (IV). Überragend ist aber die Fundstelle weit abwärts des Straßendreiecks in westlicher Richtung: Mauerzüge von Fundamenten eines großen Gebäudes (V).

Hier, „An den Ulmen“, sind Funde geborgen, die Kunde geben von der frühesten Besiedlung durch die Römer im Ahrtal. Hatte der Bau der Autobahn im Bengener Tal zur Nachricht über eine großflächige römische Besiedlung Anlaß gegeben, so ist „An den Ulmen“ eine weitere recht bedeutende Siedlungsspur entdeckt. Dort, wo einst fraglos ein Handelsweg, vielleicht schon in vorgeschichtlicher Zeit, dem Austausch der Waren von Süden nach Norden oder umgekehrt gedient hat, im Randgebiet der fruchtbaren Lößlandschaft der Grafschaft, wurde ein Gräberfeld entdeckt.

Das Gräberfeld

Unter einer Lehmschicht von nur einem halben Meter konnten die Gräber erkannt werden. Bei einem Grab wurden sehr wertvolle Beobachtungen gemacht. Es war ein Frauengrab. Der einmalige Fund einer Nähnadel aus Stahl mit einem wirklichen Nadelöhr war der eindeutige Hinweis auf die Bestattung einer Frau. Eine größere Schale, eine Milchschale, zahlreiche beziehungsreiche Keramikscherben, ein Faltenbecher sowie zahlreiche Scherben sogenannter belgischer Ware und flache Teller aus Terrasigillata wurden geborgen. Leider war dieses Grab so stark zerstört, daß nur bei sorgfältiger Durchsicht des Lehmaushubes die Scherben erkannt werden konnten. Neben diesem Grab wurde ein großes römisches Brandgrab mit vielen Beigaben geborgen. Was erregte besonders das Interesse der hier unter wissenschaftlicher Leitung schürfenden, suchenden und spähenden kleinen Arbeitsgruppe? Ein großes Bronzestück auf dem Aushub schuf die Sensation dieser Fundstelle. Ein meisterlicher Bronzeguß einer recht großen Öllampe. Klassisch die Formgebung. Ein Füßchen so edel und spielerisch geformt, als ob es Künstler geschaffen hätten, die einst die Sandaletten der Etrusker mit höchstem künstlerischem Ausdruck schufen.

Zeichnung: Landratsamt
Lageskizze „All den Ulmen“

Eine meisterliche Leistung. Ein Bronzeguß war zum Hohlkörper ausgearbeitet. Deutlich zu erkennen: Das Fülloch sowie die Dochtschnauze, die sich am großen Zeh befindet, während das andere Ende eine elegante Deckelöffnung zum Füllen aufweist. Diese Öllampen dienten den antiken Völkern durch Abbrennen von Öl oder Talg mit Hilfe eines Dochtes als freundliche Lichtquelle. Was verriet das andere geborgene Bronzestück? Es war eine Bronzeplatte mit fünf bronzenen Nägeln als Beschlagstück einer Kiste, vielleicht einer Kassette. Schmuckstücke aus Bronze, Ringe und Fibeln, die im Aushub des Grabens entdeckt wurden, bestätigten die Vorstellung vom Vorhandensein einer Kassette mehr und mehr. Neben dem Bronzeschmuck fanden besondere Beachtung Glasscherben einer größeren Schale aus Millefioriglas. Zu damaliger Zeit waren hierzulande noch keine Werkstätten dieser einmaligen Herstellung von Kunstgläsern bekannt. So waren diese Funde eine weitere sehr beachtliche wissenschaftliche Entdeckung in unserem großen römischen Brandgrab. Darüber waren noch Scherben verschiedener anderer Glasgefäße. Die vorsichtigen Schürfungen ließen einwandfrei den Umfang des großen römischen Brandgrabes erkennen, in dem die wertvollen Beigaben einer gewiß hochstehenden Persönlichkeit der damaligen Zeit zugedacht waren. In einer Lehmgrube von drei mal zwei Metern und einer Tiefe von 80 Zentimetern lagerten die Funde. Die Wandungen aus kalkhaltigem Lößlehm waren verziegelt, ebenso die Grundfläche. Diese Verziegclung wurde durch die starke Hitzeeinwirkung bei der Verbrennung erreicht. Auf der Grundfläche lagerten zahlreiche Knochensplitter in Mengenlage mit holzkohleartigen Brandspuren. Die wissenschaftliche Auswertung dieses bedeutenden Fundes wird gewiß noch einige Zeit dauern. Die exakten Grabungen liefern fraglos einwandfreie Datierungen, die von

berufener Seite noch publiziert werden. Doch heute dürfte schon feststehen: Dieser gesamte Fund wird ein Schmuckstück der Vor- und Frühgeschichtlichen Abteilung des Ahrgaumuseums sein.

Wo ist der Gutshof?

Das im tiefen Lößboden gelegene Gräberfeld gab zu allerlei Vermutungen Anlaß. Wo befindet sich wohl der Gutshof oder die Siedlung ? Die Betrachtung der Landschaft könnte einen Hinweis bieten. Das weit geöffnete Tal von Lantershofen in Richtung Bad Neuenahr, in dem sich der Lantershofener Bach durch fast versumpftes Wiesengelände schlängelt, um einen südlich davon gelagerten mächtigen Lößriegel zu umgehen, ist sicher schon in der Vorzeit eine günstige Lage für die Ansiedlung gewesen. Die mäßig ansteigenden Wege aus der Tallage hinauf zu dem fruchtbaren Lößgebiet werden in römischer Zeit genutzt gewesen sein. Heißt doch heute noch die breite Straße von Bad Neuenahr nach Lantershofen Heerstraße. Das Vorhandensein tiefer Lößlehmlagen wurde durch die mächtigen Erdbewegungen erkannt. Bei den Ausbaggerungen wurden erst in sechs bis sieben Metern unter den Lößablagerungen Schotterziegel erkannt. Das nördliche Randgebiet des Ahrtals ist „An den Ulmen“ sicher seit der Eiszeit „trocken“ gewesen, so daß der Anreiz zu einer Besiedlung in diesem Abschnitt gewiß schon sehr früh bestanden hat.

Beigaben eines römischen Brandgrabes
Foto: H. J. Vollrath

Hier sei eine kleine Beobachtung erwähnt. In den umgelagerten Lößlehmen konnte ein Abdruck eines Wisenthornes entdeckt werden. Zahlreiche Hornteile sind geborgen. Hatte die Fauna ihren Leckerbissen, so wartete die Flora mit einer in drei Meter Tiefe erkannten Waldrebe (clematis) auf. Eine belebte Natur auch schon in sehr frühen Zeiten!

Die Beobachtungen in den tiefen Gräben, die zur Verlegung der Kanalisation ausgehoben werden mußten, ergaben sehr bald wichtige Hinweise auf Siedlungsspuren.

Überraschend waren in einem Abschnitt des Grabens auffallend zahlreiche Knochenfunde. Auf einem begrenzten Abschnitt lagen in einer Tiefe von 1,80 Metern unter der Oberfläche in einer verhältnismäßig flachen Schicht eine Menge von Tierknochen. So wurden erkannt: Knochen vom Pferd, Rind und Wildschwein, während Knochen des Hausschweines nicht einwandfrei zu erkennen waren. Die Knochen des Rindes wiesen in ihrer ungewöhnlichen Stärke auf ein starkknochiges Rind, einen Bullen, hin. Ob der römische Ackerbauer als Zugtier den kräftigen Bullen verwandte ?

Die in diesem „Depot“ erkannten Fragmente wiesen in den Typen römische Keramik des 1. bis 3. Jahrhunderts n. Chr. auf. Weiterhin wurden Brandspuren und Dachziegelfragmente mit starken Kalkanlagerungen erkannt. War es eine Siedlung? Waren es Speisereste, die man in eine Abfallgrube geworfen hatte ? Leider standen für diese Untersuchungen nur wenige Stunden zur Verfügung. Das Arbeitstempo der Bauarbeiten mußte respektiert werden. Von diesen Beobachtungen konnten allerlei Funde geborgen sowie Fotoaufnahmen gemacht werden.

So aufschlußreich auch diese Beobachtungen sein mochten: die Siedlung wurde nicht erkannt. Kein Fundament, keine Mauer zeigte sich.

Die sorgsame Beobachtung eines anderen Abschnittes südlich des TÜV-Gebäudes ergab zum erstenmal recht aufschlußreiche Nachrichten. Neben einer kleinen Münze, die zur Zeitbestimmung dem Staatl. Amt in Koblenz übergeben wurde, wurde in 1,80 Meter Tiefe ein fast durchgehender Horizont erkannt, der fast ausschließlich mit Dachziegelbruchstücken und geringen Brandspuren durchsetzt war. Die Abgrenzung dieses Abschnittes, die Ausdehnung dieser Siedlungsspur wurden sorgsam in die Fundkarte eingezeichnet. Dieselbe Schicht wurde mehrmals bei erneuten Erdbewegungen unmittelbar neben der Straße beobachtet. Schließlich konnten sogar südlich der Straße auffallend stark gebrannte, verklinkerte Fehlbrände von Dachziegeln erkannt werden. Diese Gesamtsituation der auffallend starken Lagerung von Dachziegelfragmenten über eine große Fläche verteilt läßt folgende Vermutung aufkommen: Hier ist in römischer Zeit ein Betrieb – eine Ziegelei – gewesen. Ein Fundament wurde in diesem Abschnitt nicht erkannt. Sollte sich unmittelbar auf der Nordseite des TÜV-Gebäudes eine Siedlung befunden haben? Dank eingehender Beobachtungen bei den Tiefengründungen zu den Pfeilern konnten dort zahlreiche Hinweise erkannt werden. Ein dunkel gefärbter durchgehender Brandhorizont in etwa 1,20 Meter Tiefe war sehr stark mit Keramikscherben durchsetzt : Auffallend viele Keramikbruchstücke aus Terrasigillata, belgische Ware mit Verzierungen und typische römische Keramikbruchstücke, die im wesentlichen dem Typ der schon erkannten Funde aus dem Gräberfeld entsprachen. Von diesen Beobachtungen konnten auch Aufnahmen in Farbe und schwarzweiß gemacht werden. Eine Siedlung ist an diesem Platz wohl zu vermuten. Fundamente konnten aber auch hier nicht erkannt werden.

Der Gutshof ist entdeckt…

Im Gewirr der Erdbewegungen „An den Ulmen“ ging die Suche nach einem Hinweis auf einen Gutshof weiter. Mitten im Schneegestöber eines Spätnachmittags verlockte ein frisch ausgehobener tiefer Graben zur Suche. Fast unvermutet, weit westlich vom TÜV-Gebäude, zeigten sich in der Sohle des ausgehobenen Grabens regelmäßig verlegte Grauwackenplatten. Sollte das eine Mauer, ein Fundament sein? Eine erste Überprüfung bestätigte die Vermutung. Die genauen Aufmessungen erfolgten. Die Mauer war in einer Länge von 16 Metern erkannt. Sie war nach Süden ausgerichtet. Die Grauwackensteine waren ohne Mörtel zu einer Mauer von 60 Zentimetern Breite aneinanderfügt, dazwischen lagerten als Bauelemente Fragmente von römischen Dachziegeln. Die Lagerung dieser Ziegel und Grauwackensteine sollte bei späteren Untersuchungen eine recht entscheidende Beobachtung für die Beurteilung der gesamten Anlage sein. Eine Mauer, fast 1,50 Meter unter der Landoberfläche, war entdeckt. Eine Fundlücke in unserem Mosaik der zahlreichen Beobachtungen „An den Ulmen“ sollte sich schließen. Ein römischer Gutshof, eine Villa? Zahlreiche Funde von Bruchstücken typischer römischer Keramik, die zeitgleich mit den bisher erkannten Keramikfunden an den anderen Stellen waren, konnten geborgen werden. Doch der Arbeitsrhythmus der Baustelle verschlang in wenigen Stunden die erkannte Mauer, die Bauarbeiten gingen weiter, um das „Bett“ für eine neue mächtige Abwässerleitung mit Kies zu schütten. So sorgsam auch die ersten Beobachtungen, Aufmessungen und Zeichnungen waren: Die Deutung der Beobachtung – ein römischer Gutshof – war unbefriedigend. Im Interesse der heimischen Forschung gelang es, dank der spontanen Bereitwilligkeit der Bauleitung einen erneuten Aushub in unmittelbarer Nähe der erkannten Mauer durchzuführen. Ein Team aufgeschlossener Freunde der Vorgeschichte im engeren Heimatgebiet machte sich an die Arbeit. Dieser Aushub sollte erneut eine große Überraschung bringen.

Vorgeschichtliche Spuren

Der erneute, dank der großzügigen Hilfsbereitschaft der Bauleitung mit Großgeräten durchgeführte tiefe Aushub ließ nunmehr einen Einblick in die tieferen Siedlungshorizonte zu, die bisher nicht erkannt waren. Die äußerst vorsichtigen Schürfungen ließen aufgrund der freigelegten Fundamente und Siedlungshorizonte recht interessante Rückschlüsse zu. Unter einer vielfach mit römischen Dachziegeln, vereinzelten Keramikbruchstücken und Brandspuren durchsetzten Schicht stieß man auf eine schwarzgrau gefärbte lockere Schicht. In ihr konnten sehr beziehungsreiche Keramikfragmente aus der Hallstatt- und La-Tène-Zeit erkannt und geborgen werden, sogar ein Spinnwirtel mit einem eindeutig durchbohrten Loch! Besondere Freude erregte eine Feuersteinknolle sowie ein Knochen, der deutlich die Spuren einer Bearbeitung zeigt. Diese Funde stammen aus einer Tiefe von zwei Metern. Unter der verfärbten lockeren Schicht befinden sich Brandspuren. Darunter ist ein Tonboden – sehr fest – als Fußboden erkannt. Nicht unerwähnt bleiben soll ein Fragment eines kleinen runden Mühlsteins mit Radialschärfung. Geben uns diese Beobachtungen einen Hinweis, daß wir es mit Siedlungsspuren aus der Vorgeschichte im engeren Stadtbereich zu tun haben? Diese Fundstelle birgt noch viele Überraschungen. Wird es gelingen, sie zu erkennen, bevor der Rhythmus des Bautempos diese kulturhistorisch äußerst wichtige Siedlungsstelle verschlungen hat ?