Die Siedlungssituation im Raum Ahrweiler vor der Stadtwerdung

Heribert Krahforst

Neue wissenschaftliche Veröffentlichungen geben Anlaß, die Siedlungsverhältnisse im Raum Ahrweiler vor der Stadtentstehung darzustellen1.

Die Gemarkung Ahrweiler ist in der Zeit der Stadtgründung weitgehendst dadurch gekennzeichnet, daß sich dort mehrere Siedlungen mit einzelnen Höfen befunden haben. Einen guten Überblick über diese Siedlungen gibt die nachstehend wiedergegebene Tabelle, die Name, erste urkundliche Erwähnung, urkundliche Ortsbezeichnung, Quellenangabe und weitere Entwicklung ausweist. Die Lage der einzelnen Siedlungen ist aus der beigefügten Karte zu erkennen. Da der Siedlungsraum von Walporzheim, Marienthal und Bachern bis heute unverändert erhalten ist, bleiben diese im Rahmen der vorliegenden Darstellung unberücksichtigt. Zunächst soll kurz auf die zu Wüstungen gewordenen Siedlungen eingegangen werden.

Giesenhoven, das mit dem Jahre 856 den ältesten urkundlichen Beleg aufweist, lag zwischen dem heutigen Obertor und Walporzheim. Durch den Ort floß der von den Ahrhöhen kommende Giesemer Bach zur Ahr hin. Neben dem Hofbesitz des St.-Servatius-Stiftes in Maastricht, worauf noch einzugehen ist, befand sich in Giesenhoven der Turm von Ahrweiler. Dieser Turm wird bereits im Jahre 1140 urkundlich genannt. Die Herren vom Turm hatten später als Grafen Sitz im Grafenstand der Landstände des Erzstiftes Köln. Der Grafenbesitz bestand aus einer großen Wasserburg mit hohem Rundturm, der auch roter Turm genannt wurde. Nach der Hochstaden’schen Schenkung im Jahre 1246 kam dem Burgherrn das bedeutungsvolle Erbschenkenamt des Erzstiftes Köln zu.

Vorstädtische Siedlungen innerhalb der Villa (Gemarkung) Ahrweiler

Die Zweitälteste urkundlich nachweisbare Wüstung in der Umgebung von Ahrweiler war die Siedlung Gerolshoven. Sie lag am Fuße des heutigen Klosters Kalvarienberg. Zur Erläuterung sei hier gesagt, daß das im 30jährigen Krieg untergegangene Dorf im Laufe der Zeit mehrere Namensänderungen erfahren hat. 886 wird in einer Schenkungsurkunde die Siedlung erstmals unter dem Namen »Geroldeshova« erwähnt. In dieser Urkunde schenkt der Prümer Abt Ansbald einem Mann namens Hartmann unter anderem Weinberge in Gerolshoven und Giesenhoven. Von 886 bis 1650 erscheint Geroishoven unter verschiedenen Namen wie z. B.: Gerintshoven, Gernshoven, Girntzhoven und Girntzen. Heute wird Gerolshoven allgemein als Gierenzheim bezeichnet. Wie der Giesemer Bach durch Giesenhoven, so floß der Adenbach durch die 893 erstmals erwähnte Siedlung Adenbach. Aus diesem Ort sind die Ritter von Adenbach hervorgegangen. Bereits 1228 wird ein Rudolf in Adinbach unter den Zeugen der ältesten Urkunde im Stadtarchiv genannt. Ob es sich bei dem Ort Adenbach um eine größere Siedlung mit mehreren Höfen wie Giesenhoven handelte, ist nicht festzustellen.

Ebensowenig wie über die Siedlung Adenbach ist über die Siedlung Bülleshoven bekannt. Weder die genaue Ortslage noch über die Größe der im 14. Jahrhundert zur Wüstung gewordenen Siedlung ist bisher etwas Näheres herausgefunden worden. Zwar nimmt Wirtz an, Bülleshoven habe bei Walporzheim gelegen, Flink hingegen lokalisiert den Ort östlich der mittelalterlichen Stadt Ahrweiler. Erste urkundliche Erwähnung fand Bülleshoven im Jahre 1209. Die Siedlung wird in einer Entschädigungsurkunde des Grafen Gerhard von Are erwähnt. Bei Nentrode, das erstmalig 1108 genannt wird, handelt es sich um ein einsames Gehöft im Ahrweiler Wald zwischen Ramersbach und Steiner Berg, südlich des Heckentals. Aus Urkunden und Literatur ist über die Bedeutung Nentrodes nichts ersichtlich. Wie aus vorstehender Tabelle zu entnehmen ist, wird der Ort Ahrweiler erstmals im Jahre 893 im Prümer Urbar erwähnt. Dabei handelt es sich um das Güterverzeichnis der Benediktinerabtei Prüm. Dieses Kloster wurde im Jahre 721 von Bertrada, einer Schwester Karl Martells, gegründet. Sie schenkte den Mönchen Grund und Boden, auf dem das Kloster gegründet wurde. Die Enkelin Berta der Stifterin Bertrada war mit König Pippin dem Jüngeren verheiratet. Pippin versah das Benediktinerkloster Prüm mit überaus reichen Schenkungen im Eitel- und Rheingebiet. Unter diesen Schenkungen befand sich auch der reiche Grundbesitz in Ahrweiler, der im Prümer Urbar verzeichnet ist. Aus den reichhaltigen Besitzungen in Ahrweiler erklärt sich der überaus große Einfluß der Abteil Prüm in der Geschichte von Ahrweiler. Dieser Einfluß sollte bis zum Niedergang des Erzstiftes Köln im Jahre 1794 — infolge der französischen Besetzung — erhalten bleiben. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, daß bis zum Jahre 1794 die Abtei Prüm stets den Pfarrherrn der Ahrweiler Laurentiuskirche stellte.

Das Prümer Urbar aus dem Jahre 893 wurde von dem Prümer Exabt Caesarius 1222 abgeschrieben und kommentiert. Diese Abschrift ist abgedruckt im Rheinischen Antiquarius, Band 9, S. 616 ff. Aus dem Verzeichnis geht hervor, daß die Abtei Prüm in Arwilre einen großen Hof mit 50 Morgen Herrenland und 29 kleinere dazugehörige Höfe (»Mansen«) besaß. Weiter ist dem Güterverzeichnis zu entnehmen, daß in der Ahrweiler Umgebung in großem Umfang Wein angebaut wurde. So beschrieb Caesarius, daß im Ahrtal schon zu früher Zeit der Weinbau in großem Umfang betrieben wurde. Es waren vor allem Klöster, die am Weinbau interessiert waren. Sie benötigten Wein zum täglichen Gottesdienst und zur Pflege der Gastfreundschaft.

Villa (Gemarkung), Pfarrei und Vogtel Ahrweiler um 1200

Die guten klimatischen Bedingungen des Ahrtals für die Rebenkultur veranlagten selbst weit entfernt gelegene Klöster, in Ahrweiler Höfe mit dem Ziel des Weinanbaus zu unterhalten. So finden wir in der Umgebung von Ahrweiler schon vor der Stadtgründung die Höfe von mindestens 14 verschiedenen Klöstern. Darunter befindet sich neben dem Benediktinerkloster Prüm ein so bedeutendes Kloster wie das St.-Servatius-Stift in Maastricht (Holland). Kaiser Heinrich III hatte im Jahre 1051 dem Servatiusstift sein Gut in Ahrweiler mit allen Hörigen, Hofstätten, Gebäuden, Ländereien, Äckern, Wiesen, Weiden, Wäldern, Jagden, Wasserläufen, Mühlen, Fischereien, Wegen und allen Erträgnissen geschenkt. Der Maastrichter Herrenhof, der im Ortsteil Giesenhoven — zur Zeit aktuell wegen der römischen Ausgrabungen am Silberberg — gelegen war, verfügte auch über ein Kelterhaus.

Ferner hatte die Augustinerabtei Klosterrath (bei Aachen) ebenfalls einen weinanbauenden Hof in Ahrweiler. Abgeleitet von der Kurzform, »Ratherhof« wird der noch heute erhaltene Gebäudekomplex im Volksmund »Rodder Hof« genannt. Unmittelbar neben diesem Hof wurde nach der Stadtgründung das Obertor so errichtet, daß die Anlage innerhalb der Stadtmauern liegt. Zu den Gütern des Klosterrather Hofes gehörten Äcker und Weingärten. Ein drittes Beispiel für geistlichen Hofbesitz bietet die Prämonstratenserabtei Steinfeld in der Eifei. Für diese Abtei ist bereits 1136 Hofbesitz im Dorf Geroldshoven nachgewiesen. Im Jahre 1226 erhielt die Abtei Steinfeld durch Schenkung eine weitere Hofstätte in Ahrweiler. Ob auch weltliche Höfe vor der Stadtgründung bereits in Ahrweiler vorhanden waren, läßt sich nicht sicher belegen. Zwar wird im Jahre 1176 ein Theodericus Blanckart urkundlich erwähnt, doch kann daraus allein nicht geschlossen werden, daß die Ritter von Blanckart schon zu dieser frühen Zeit einen Hof in Ahrweiler besaßen.

Das Dorf Arwilre war der bedeutendste Ort aller bisher erwähnten Siedlungen. Schon 1228 ist urkundlich ein Vogt Arnold als weltlicher Vertreter der Grafen von Are nachgewiesen. Aus derselben Urkunde geht hervor, daß Arwilre Vogtei (»advocatis Arwilre«) der in Altenahr residierenden Grafen von Are war. Dem Vogt kam die Stellung des höchsten Verwaltungsbeamten und des Gerichtsvorsitzenden zu. Das ist den späteren Schöffenweistümern von 1395 und 1501 zu entnehmen. Weiterhin läßt sich aus der ältesten Urkunde im Stadtarchiv Ahrweiler ersehen, daß in Arwilre bereits 1228 Ritter, Kleriker und Mönche lebten. Die Zweitälteste Urkunde im Ahrweiler Stadtarchiv — aus dem Jahre 1241 — zeigt auf, daß Arwilre Pfarrort mit eigenem Kirchherr (ecclesiasticus) war. Der Nachweis einer vorhandenen Pfarrei Ahrweiler ist bereits für das Jahr 1204 gegeben. Das alles spricht dafür, daß Arwilre schon vor der Stadtgründung der wichtigste Ort in der Grafschaft Are gewesen ist. Die Lage Arwilres im Ortsbereich ist umstritten. Nach älterer Auffassung war der Ort zwischen Niedertor und heutiger Post gelegen. Neuerdings wird die These vertreten, daß Dorf Arwilre habe in dem später ummauerten Raum der Stadt gelegen. Für die RichtigKeit der neueren These können folgende Gründe sprechen. Kirchen werden häufig an der gleichen Stelle neuerbaut, an der sich bereits früher eine Kirche befunden hat (vgl. Kölner Dom, Apollinariskirche in Remagen etc.). Die Laurentiuskirche ist also vermutlich auf dem Platz der 1241 abgebrannten Kirche gebaut worden. Das Prümer Urbar beweist, daß der Prümer Herrenhof sich bereits ca. 250 Jahre vor der Stadtgründung in dem Dorf Arwilre befunden hat. Es dürfte daher im Interesse der Pfarrei Prüm gelegen haben, ihr großes Ahrweiler Areal von einer sicheren Mauer geschützt zu wissen. Wie aus der Urkunde vom 5. Juni 1247 hervorgeht, haben sich nach der Hochstaden’schen Schenkung der Erzbischof von Köln und Abt Gottfried von Prüm friedlich über die Herrschaftsverhältnisse in Ahrweiler geeinigt. So verspricht Konrad dem Prümer Abt bezüglich aller Güter seinen Beistand gegen jeden ungerechten Angriff. Bei einer solchen Zusicherung liegt der Schluß nahe, daß der Stadtmauer einbezogen war. Nach Wirtz lag der alte Prümer Herrenhof gegenüber der heutigen St.-Laurentius-Kirche, dort wo jetzt die Weinprobierstube der Kreisstadt steht. Durch den Bau der Stadtmauer in der Zeit nach 1246 wurde die Siedlungssituation dadurch erheblich verändert, daß anschließend viele Bewohner der einzelnen Siedlungen ihre Wohnungen in den Schutz des sicheren Mauerberings verlegten.

Quellenhinwelse:

  1. Unter den neueren Veröffentlichungen ist besonders zu nennen der Aufsatz von Klaus Fink: Der Stadtwerdungsprozeß von Ahrweiler und die »Kurkölnischen Stadtgründungen« (Rheinische Vierteljahresblätter, Jahrgang 39, 1975). Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers wurde die Tabelle und die Karte vorstehender Arbeit entnommen. Im übrigen wurde folgende Literatur verwandt: Bader, Ute: Geschichte der Grafen von Are bis zur Hochstaden’schen Schenkung 1979; Clemen, Paul: Die Kunstdenkmäler des Kreises Ahrweiler, 1938; Federle, Albert: 1 050 Jahre Gierenzheim in: Heimat-Jahrbuch für den Kreis Ahrweiler 1936; Frick, Hans: Quellen zur Geschichte von Bad Neuenahr 1933; Knipping, Richard: Die Regesten der Erzbischöfe von Köln, Band 2 und 3 1901; Kriege, W.: Der Ahrweinbau 1911; Rausch, Jakob: Heimatbuch der Stadt Ahrweiler o. J.;v. Stramberg, Christian: Rheinischer Antiquarius, Abteilung III, Band 9; 1862; Walter, Ferdinand: Das alte Erzstift und die Reichsstadt Cöln 1866; Wirtz, Ludwig: Der Ahrgau im Wandel der Zeiten; Zimmer, Theresia: Inventar des Archivs der Stadt Ahrweiler 1965.