Rang und Bedeutung der Heimatkunde in der Geschichtsforschung

P. Dr. Emmanuel v. Severus OSB

Das Thema

In der europäischen Geschichtsforschung hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg ein bedeutender Wandel vollzogen. Nicht mehr die politische Geschichte der Völker, ihr staatliches, in Verfassung und Recht verbundenes Leben, auch nicht die geistes-, Ideen- und kulturgeschichtlichen Entwicklungen sind seit einigen Jahrzehnten die bevorzugten Forschungsgebiete, sondern der Mensch in seinem Alltag:

Wie lebt und handelt der Bauer, Handwerker, Kleriker, Mönch und Ritter? Was sind beständige und wechselnde Elemente seines Alltagslebens, was seine Empfindungs- und Vorstellungswelt? Wie wirkt sich dies alles in seinen Eß- und Trinkgewohnheiten und in der Mode aus?

Die französische Geschichtsforschung hat für diese Gebiete vor allem den Begriff der Mentalitätsgeschichte geprägt1), die österreichische Akademie der Wissenschaften, ein vorbildlich und engagiert arbeitendes Spezialinstitut für mittelalterliche Realienkunde, also der Sachkultur der einzelnen Bevölkerungsschichten und -gruppen eingerichtet.

Der Heimatkunde kommt, so meinen wir, im Zusammenhang dieses Forschungsgebietes eine besondere Aufgabe und Bedeutung zu. Denn sie vermittelt uns in bester Weise die Kenntnis der Mentalität in eng begrenzten Landschaften, in den Siedlungsformen von Stadt und Dorf. Sie fördert außerdem das Geschichts-bewußtsein und entwickelt es auch für den größeren Verbund von Stämmen in einer Gesellschaft und in einem Staat. Sie hilft, föderalistische Strukturen zu verstehen, aber auch, diese in größeren Einheiten zusammenzufassen. Sie vermittelt uns aus der Kenntnis der Vergangenheit den Mut. die Gegenwart zu bestehen und gemeinsam – nicht in Rivalität. Gegensätzlichkeit und Streit – einen Weg in die Zukunft zu suchen. Minderheiten zu achten. Menschenrechte und Menschenwürde zu wahren. Heimatkunde ist darum eine große Hilfe für das Selbstverständnis, um das sich die Gruppen der Gesellschaft stets neu bemühen sollten, um nicht in unbeweglichen Systemen zu erstarren.

Rang und Bedeutung der Heimatkunde in der Geschichtsforschung

Naturgegebene Voraussetzungen für die Entfaltung der Vorstellungswelt, der Geistesund Denkart In der Heimat

Mentalität setzt zunächst bestimmte Gegebenheiten der Natur und Landschaft voraus. In einer Gebirgslandschaft zum Beispiel wählt der Mensch andere Mittel, um Kontakt aufzunehmen und Beziehungen zu knüpfen – der Älpler jauchzt und jodelt überweite Entfernungen von Berg zu Berg, um sich der Gemeinschaft von Mensch und Herde in Arbeit, Freude und Werktag und Festtag zu versichern. Der Mensch gestaltet im Flachland und Mittelgebirge die Natur leichter zur Landschaft und entwickelt dazu verschiedenes Gerät. Im weitflächigen Münsterland trägt er seine Lasten in der Kiepe, im Strom- und Flußgelände an Rhein, Main und Mosel ist ebenso wie an der Donau die Butt‘ oder Butt’n üblich. Natur und Landschaft bringen weithin in Legende und Sage verschiedene Gestalten hervor: Neben dem Bergschrat und Kobold im Gebirge stehen verführerische oder feenhafte Frauen, die eher die Sagenwelt der Stromtäler und Binnenseen bevölkern und oft genug maßgebend für seltsame Namen markanter Punkte der Landschaft sind, wie die Loreley am Rhein und die Bunte Kuh im Ahrtal. Fürstliche Verordnungen über Hexenverfolgung und Hexenprozesse zeigen, wie geschichtliche Vorgänge die Mentalität prägen können, wie Dorfstreitigkeiten des Spätmittelalters in Vereins- und Gesellschaftsnamen bis heute weiterleben2).

Ausdrucksformen von Heimatmentalität

Die Mentalität vieler Landschaften gewinnt vor allem durch die Arbeit ihrer Bewohner Gestalt:

Sie sind uns aus dem Genossenschafts- und Zunftwesen bekannt. Bergleute und Steinhauer schließen sich ebenso wie Handwerker und Kaufleute in Zünften zusammen, denen anzugehören Verpflichtung und Ehre bedeutet und bei denen eswieder verschiedene Formen und Abstufungen gibt: Berufsgilden des führenden Bürgertums in den Städten, Zwangsinnungen, die Nachfrage und Absatz regeln und das wirtschaftliche Gleichgewicht erhalten. Viele Zünfte und Gilden, die in gleicher Weise Dienstleistungsbetriebe für den Gottesdienst der Kirchen sind. schließen sich in Bruderschaften zusammen, die aus vielen Regionen bis auf den heutigen Tag nicht wegzudenken sind. Sie scharen sich um geistliche Zentren und werden oft Grundvoraussetzung für ein blühendes Wallfahrts- und Prozessionswesen. Die Wallfahrten als „Badereise des kleinen Mannes“. wie man es nennen konnte, als es noch kein breitgestreutes soziales Gesundheitswesen gab. markierten oft einen Fixpunkt im Ablauf des Jahres für Bauern und Winzer. Sie brachten häufig genug ein reiches, frommes Brauchtum hervor. Sie sind vielfach Spiegel und Gütezeichen eines religiös und kirchlich geprägten Berufsethos und bieten dem Einzelnen wie den Genossenschaften Hilfen zur christlichen Lebensgestaltung. Heimatliche Bräuche helfen manchmal, die großen Zusammenhänge geschichtlichen Lebens zu verstehen, sie halten gelegentlich als „Verlöbnis“ die Erinnerung an natürliche Katastrophen und Heimsuchungen wie Seuchen und Erdbeben fest und zeigen dem Menschen der Gegenwart den Standort seiner Vorfahren in der Geschichte. Heimatkunde führt darum in allen Bereichen zur Universalgeschichte, beide ergänzen einander in Aufgaben, die heute oft der einzelnen Gemeinde gestellt sind: In der Wahl von Partnergemeinden in unserem Kontinent, in der ästhetisch schönen und richtigen Komposition von Gemeindewappen, in der Zeitbestimmung für die Feste und Feiern der bürgerlichen und kirchlichen Gemeinde.

Heimatkunde und Kontinuität

Vom Schweizer reformierten Theologen und Poeten Kurt Marti wird neuerdings ein Wort zitiert, in dem er von der Ehe sagt. er erlebe sie „inmitten einer Gesellschaft, die auf ständigen Wechsel aus ist. als eine Lebensform schöner Langsamkeit und Verläßlichkeit3)„. Der ständige Wechsel, von dem Marti spricht, hat sich in Europa zu einem Ideal der Mobilität entwickelt, das noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen ist und das sich in Zukunft noch steigern wird. Die wirtschaftlichen und politischen Beschleuniger dieser Entwicklung brauchen hier nicht aufgezählt zu werden. Die Massenmedien stellen sie uns stündlich vor Augen und tun das ihre, sie als normal und unvermeidlich anzupreisen. Der Heimatkunde kommt hier eine wichtige Aufgabe zu: Sie weckt das Empfinden. daß auch in der vom raschen Tempo bestimmten Gegenwart Dauer und Beständigkeit Werte unseres Lebens sind. Die Heimatkunde zeigt, daß Geschichte keineswegs nur Mülldeponie vergangener Zeiten, sondern Wurzelgrund für das menschliche Dasein der Gegenwart ist. Von der Römerzeit an. die uns in Rheinland-Pfalz durch viele Ausgrabungen sehr gut erschlossen ist, ergibt sich bis in die Neuzeit ein dichtes Beziehungsgeflecht, in dem Beständiges und Wandelbares gefiltert wird. wenn dieser Vergleich gestattet ist4). Gerade die Heimatkunde des Kreises Ahrweiler findet hierdas bis heute Dauernde in vielen Denkmälern und Funden und kann so die Sensibilität seiner Bewohner für die großen geschichtlichen Zusammenhänge entwickeln. Erst recht kann sie zur Universalgeschichte führen und die Bauwerke der Kirche und der mittelalterlichen Standesordnungen mit Burgen und Schlössern als elementare Gegebenheiten der Universalgeschichte erfahren. Unverzichtbares und Verzichtbares kann so deutlicher erkannt werden, gleich, ob dem großen Ganzen in einer Epoche der Name Reich gegeben wurde oder ob man heute vom gemeinsamen Haus Europa spricht. Nur aus der langen Geschichte werden Flurnamen wie Montert oder Pellenz verständlich oder sie erzählen uns umgekehrt von erloschenen Gewerben oder Industriezweigen, wie der Hüttenberg bei Glees und der Eiberg im Breisiger Ländchen5).

Bedeutende Persönlichkeiten in der Heimat

Wichtiger als Dokumente aus Stein und Ton. Urkunden aus Pergament und Papier sind allerdings die Beziehungen, die von Menschen von der Heimat zur großen Welt und umgekehrt geknüpft werden. Das kann an einem Orte wie Maria Laach in besonderer Weise erlebt werden. Es gilt von Gestalten aller Jahrhunderte – zum Beispiel von den Stiftern des Klosters, von bedeutenden Mönchen wie dem Prior Johannes Butzbach (+ 1516)6), König Albrecht (+ 1302)7), aber auch von den fünf Besuchen Wilhelms II. (1897-1913)8). Johann Wolfgang Goethes (28. Juli 1815)9). der Politiker und Staatsmänner wie Robert Schumann und Heinrich Brüning, die 1913 in Maria Laach die Karwoche mitfeierten10), Konrad Adenauer. der 1933/34 hiervon seinem Klassenkameraden Abt lldefons Herwegen (1913 – 1946 Abt) aufgenommen wurde11). Aber auch von anderen Orten der engeren Heimat gilt dies. Wer von den deutschen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg in Orel an der Oka im fernen Rußland das wiedererstandene Turgenjew-Museum besuchten, wußte wohl, daß dieser russische Erzähler 1857 sechs Wochen in Sinzig zur Kur weilte12)?

Heimatkunde und Gegenwart

Mit Absicht nannten wir in der Themenstellung unseres kleinen Beitrags nicht die Bedeutung der Heimatgeschichte für die Geschichtsforschung, sondern die der Heimatkunde. Sie bezieht auch die Mentalität der Menschen in ihr Arbeitsgebiet mit ein. Sie widmet sich nicht nur der Geschichte, sondern auch der Gegenwart. Sie sieht den Menschen in allen seinen Lebensäußerungen. Dazu gehören die alten und neuen Kirchen, die das Gott zugewandte Antlitz der Menschen offenbaren, und die Quelle, von der ihr Leben Sinn erhält. Das zeigen zahlreiche kleine Kunstschätze, die oft Jugendlichen eine vertiefte Beziehung zur Heimat ermöglichen. Die Heimatkunde leistet wichtige Hilfen. den geistigen Haushalt eines Kreises gesund zu erhalten, der neben kulturellem Erbe auch die moderne Welt mit ihrem Sport, der hohen Technik, der Medizin und allen Erscheinungen modernen Lebens, wie zum Beispiel auch einer Spielbank. Heimat bietet. Sie erhellt die Welt. aus der wir kommen, und weckt unsere Verantwortung für Gegenwart und Zukunft.

Anmerkungen

  1. Vgl. dazu Rolf Sprandel. Mentalitäten und Systeme. Neue Zugänge zur mittelalterlichen Geschichte Stuttgart: Union Verlag 1972, ferner: C. Meckseper E, Schraut (Hg.) Mentalität und Alltag im Spätmittelalter. Göttingen: Vandehhoek und Ruprecht 1985, Nach wie vor grundlegend und richtungsweisend der Beitrag „Mentalität“ von G. Tellenbach in: Geschichte. Wirtschaft, Gesellschaft. Festschrift für Clemens Bauer zum 75. Geburtstag hg. von Erich Hassinger und anderen. Berlin. Duncker u Humblot 1974. 11 – 30: Nachdruck in: Ideologie und Herrschaft im Mittelalter. Darmstadt Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1982. 385 -407,
  2. Zur Sagen- und Legendenwelt des Laacher Seetals vgl. Th. Begier (Hg.) Münster am See Landschaft. Kunst. Kultur. Geschichte. Gegenwart. Honnef a. Rhein, Peters 1956. 11 7 – 127 Eine Neuauflage dieses Werkes wird vorbereitet. – Für das Ahrtal finden sich Beiträge in fast allen Banden dieses Jahrbuchs Zu den von mir erwähnten Tatsachen vgl besonders Beitrage im Hesmatjahrbuch 47, 1990
  3. Ich entnehme das Zitat der Herder Korrespondenz 44. 1990. 301
  4. s. Heinz Cüppers (Hg.) Die Römer in Rheinland-Pfalz, Stuttgart Theiss 1990 710 S.
  5. s. Carl Bertram Hommen. Das Kupferbergwerk im „Eip“ und die Schmelzhütte am Brohlbach. Aus der Geschichte des Bergbaus im „Breisiger Ländchen, Heimat.iahrbuch 47 1990. 125 . 132,
  6. s. E. v. SeverusOSB, Johannes Butzbach, *1478 + 29.12.1516 Heimatjahrbuch 36. 1979, 25 – 28. Ich zitiere zunächst Beiträge aus dem Heimatjahrbuch, selbst wenn sie von so vielen Druckversehen beeinträchtigt sind wie dieser. Vgl. außerdem E. v Severus OSB. Johannes Butzbach (1478 – 1516). in: Aschaffenburger Jahrbuch 10. 1986. 207 – 212
  7. s. J. Wegeier. Das Kloster Laach. Geschichte und Urkundenbuch.Bonn: Coheh 1854,33
  8. Die Daten im einzelnen sind in der ordensinternen Chronik aus Maria Laach im Archiv der Abtei verzeichnet.
  9. s. L. Janta. Goethe am Laacher See. Anmerkungen zum Neptunismus und Vulkanismus. Heimatjahrbuch 42. 1985. 101 – 104
  10. Gedenkbildchen im Archiv der Abtei Maria Laach. Ebendorf Gastbuch der Abtei Maria Laach 1913. 3 – 6. April Nr. 300 – 302.
  11. s. Hans Peter Schwarz, Adenauer Der Aufstieg: 1876 – 1952 Stuttgart:Deutsche Verlagsanstalt 1986. 356 – 371, 382f, 385 501
  12. s. K. Deres. Iwan Turgenjew – ein früher Sinziger Kurgast. Heimatjahrbuch 47, 1990. 76f