„Es ist schrecklich, das Elend in der Nähe zu sehen“

Die Hungerjahre 1816/17 in den Kreisen Adenau und Ahrweiler

Leonhard Janta

Im Zuge der territorialen und politischen Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongreß 1814/15 fiel das seit 1794 von Frankreich besetzte Rheinland, das ab 1801 auch völkerrechtlich französisches Staatsgebiet gewesen war, an Preußen. Am 5. April 1815 nahm König Friedrich Wilhelm III. die Rheinlande formell in preußischen Besitz. Das neue preußische Staatsgebiet am Rhein wurde verwaltungsmäßig in zwei Provinzen mit sechs Regierungsbezirken aufgeteilt.1)

Die Regierungsbezirke wurden in Landkreise untergliedert, diese wiederum in Bürgermeistereien. Zu dem sechzehn Kreise umfassenden Regierungsbezirk Koblenz gehörten auch die beiden Kreise Adenau und Ahrweiler. Der Kreis Adenau wurde 1932 im Zuge der Neugliederung der Kreise aufgelöst und größtenteils dem Kreis Ahrweiler eingegliedert, der auch die Rechtsnachfolge übernahm. Im Jahre 1818 umfaßte der Kreis Adenau 461 km2 und zählte 18 907 Einwohner, im Kreis Ahrweiler lebten auf einem Gebiet von 371,8 km2 25 662 Menschen.2) Bis zur Ernennung der Königlichen Landräte Anfang 1817 standen an der Spitze der Kreise Kreiskommissare. In Adenau löste Landrat Koller 1817 den Kreiskommissar Freiherrn von Gruben ab. Auf Kreiskommissar Würz folgte in Ahrweiler genannter Freiherr von Gruben als erster Landrat.3)

Von den Kreiskommissaren und ab 1817 von den Landräten mußten monatlich fürdie Königliche Regierung sogenannte Zeitungsberichte (Zeitung im Sinne von Nachricht von Begebenheiten, Ereignissen etc.) erstellt werden. Aus diesen erhielt der preußische Monarch allmonatlich eine Zusammenfassung „über die im Regierungs-Bezirke vorgefallenen Ereignisse, und von dem Zustande und der Verwaltung desselben.“4)

Die Landräte wurden dazu angehalten, ihre Zeitungsberichte nicht nur auf Berichte der Bürgermeister zu stützen, sondern durch häufige Kreisbereisungen ihre Kenntnis der Kreise immer weiter zu verbessern, um dann nach eigener Ansicht urteilen zu können. In den Zeitungsberichten sollten lediglich Tatsachen vorgetragen werden, „weitläufige Raisonnements“ wurden nicht erwartet.5) Beim Abfassen der Berichte hatten sie sich an ein vorgegebenes Schema zu halten, das nachfolgende 11 Punkte umfaßte.

“ 1. Witterung . . .2. Die Preise der Lebensbedürfnisse . . .3. Epidemische, kontagiöse und andere merkwürdige Krankheiten unter den Menschen und dem Vieh.4. Erhebliche Unglücksfälle, Feuersbrünste, Überschwemmungen, (. . .) Todschläge, Selbstmorde. . .5. Das Aufhören und Entstehen bedeutender Polizei-Institute: Armen- und Krankenanstalten, Gefängnisse, öffentliche Communications- und Vergnügungs-Anstalten . . .

6. Wichtige Militär- und Grenz- Vorfälle.

7. Handel. . .

8. Industrie . . .

9. Communal-Wesen: in den Städten und auf dem Lande, Erweiterung der Städte und Dörfer, Entstehen neuer Ortschaften und      Etablissements, Gemeinheits-theilungen, Anlegung und Bepflanzung neuer Wege. verbesserte Communal-Anstalten, als: Verlegung. Erweiterung und Verschönerung der Begräbnis-Plätze, verbessertes Armenwesen, neues Straßenpflaster, Erleuchtung u.s.w.

10. Sittlicher Zustand: Anzeigen von lobens-werthen und patriotischen Handlungen, wovon Seine Majestät besonders fortlaufend Nachrichten zu erhalten verlangen: Zustand des gesellschaftlichen Lebens: Volksfeste.

11. Einfluß der Gesetzgebung auf den Zustand und die Stimmung des Volkes, wobei Wünsche für das Allgemeine auf bescheidene Weise vorgetragen werden dürfen.“6)

Aus dem beigegebenen Schema geht hervor, was zu den „Lebensbedürfnissen“ (Lebensmitteln) gerechnet wurde. Hier erwartete die Regierung Auskunft über die Preise von verschiedenen Getreidearten (Weizen, Roggen, Gerste, Hafer usw.), Hülsenfrüchten (Buchweizen, Erbsen, Bohnen, Linsen, Spelz). Gemüse (Kartoffeln, Graupen, Weizengrütze, Gersten-, Buchweizen, Hafergrütze usw.), Fleisch, Salz, Wein, Bier, Branntwein, Wolle, Brennholz, Steinkohle, Torf.

Für ein Stimmungsbild aus den Anfängen der Kreise Adenau und Ahrweiler wurden die frühen monatlichen landrätlichen Zeitungsberichte von 1817/18 ausgewertet.7) Sie enthalten eine Fülle an Material für eine Kreisgeschichte. An dieser Stelle wird jedoch in der Hauptsache auf die Notlage der Bevölkerung zu Beginn der preußischen Herrschaft im Rheinland eingegangen.

Es ist nicht verwunderlich, daß Beschreibungen der Witterung in der noch ganz von der Landwirtschaft geprägten Region, in der die Menschen bis ins 20. Jahrhundert hauptsächlich vom Ackerbau, der Viehzucht und dem Weinbau lebten, breiten Raum einnehmen. Die klimatischen Voraussetzungen, Regen, Trockenheit, Temperaturen und alle sonstigen Unwägbarkeiten des Wetters entschieden ja über Menge und Qualität der Ernte. Von diesen vom Menschen nicht beeinflußbaren Faktoren hing es ab. ob die Menschen ihr tägliches Brot essen konnten oder hungern mußten. Die Jahre 1816/17 standen in dieser Hinsicht unter keinem guten Stern. Mißernten in der Landwirtschaft und ein weiterer Fehlherbst im Weinbau führten zu einer für heutige Verhältnisse kaum mehr vorstellbaren Armut und Hungersnot.

Ein deutliches Anzeichen für die ab 1816 sich immer weiter ausweitende Not waren die monatlichen Preissteigerungen, die schließlich dazu führten, daß Lebensmittel, vor allem das äußerst knappe Getreide, kaum noch bezahlbar waren. In Adenau gab es ab Februar 1817 mitunter tagelang kein Brot. Diebstähle von Lebensmitteln häuften sich. weshalb Nachtwachen verstärkt durchgeführt wurden. Bis zum Heranreifen der ersten Feldfrüchte waren viele dem Hungertode nahe. Zum Ankauf von Lebensmitteln versetzten selbst begüterte Familien ihr bewegliches Gut und sogar auch Immobilien. Der Adenauer Landrat vernahm „mit jedem Tage den erbärmlichen Jammer der Nothlei-denden, und die aus dem ganzen Kreise eingehenden Berichte wetteiferten die traurige Lage. in welcher sich die Einwohner in dieser Beziehung befinden, zu schildern.“ Die Qualität der wenigen noch käuflichen Lebensmittel verschlechterte sich rapide. Brot war oft ein aus unreifem Hafer und erfrorenen Kartoffeln ge-backenes Gemisch, das vielen als Hauptnahrungsmittel dienen mußte. Im Mai 1817 sah der Ahrweiler Landrat, Freiherr von Gruben, das Volk fast vor Hunger und Mattigkeit auf der Straße niederfallen. Zu schweren Arbeiten waren diese Menschen nicht mehr fähig. Sobald die Wiesen grünten, beobachtete man in Adenau folgendes: „Die Leute fallen scharenweise in die Wiesen, um sich Krauter zu suchen – als einzige Nahrung! Klee. die Blätter des Kohlsamens etc. werden gekocht und aufgezehrt. Es ist schrecklich, das Elend in der Nähe zu sehen. Auch zu dem höchsten Preise ist häufig kein Brot zu haben.“

Eine Milderung der Hungersnot erhoffte sich die Bevölkerung von ostseeischen Getreidelieferungen, die als Hilfsmaßnahmen der preußischen Regierung im Dezember 1816 versprochen wurden, jedoch nur zögerlich anliefen.

Eintreffende Lieferungen konnten die Not nur für kurze Zeit lindern, z. T. wurde wohl auch mit dem Getreide spekuliert, so daß es oft gar nicht bis zu den Ärmsten kam. Den Vertröstungen auf neue Getreidezuteilungen schenkte man in manchen Orten keinen Glauben mehr. Die Unruhe unter der Bevölkerung wuchs. Als das versprochene ostseeische Getreide im Mai 1817 noch nicht eingetroffen war. erklärten die Schöffen von Dernau und Mayschoß, daß „ihre Gemeinden es höchstens noch acht Tage aushallen (könnten), und sie könnten nicht länger für die öffentliche Ruhe dort stehen. In anderen Orten hat man schon gesagt: wenn sich nur ein Führer fände, so wollte man sich ihm anschließen.“

Der Ahrweiler Landrat führte in seinem Bericht vom Mai 1817 weiter aus: „täglich tönt mir hier das jammervolle Geschrei in die Ohren, die Nothzeit ist so schrecklich und die versprochene Hülfe kommt vielleicht zu spät.“

Die Mildtätigkeit der wenigen Wohlhabenden konnte hier keine Abhilfe mehr schaffen. Zur Speisung der Hungernden hatte die Kreis-Kommission deshalb im Dezember 1816 eine Suppen-Anstalt gegründet. Diese teilte in der Kreisstadt täglich an 103 Bedürftige „ökonomische Suppe“ aus. Im Januar 1817 stieg die Zahl der Hungernden bereits auf 535, von denen jeweils nur noch der Hälfte täglich die „ökonomische Suppe“ verabreicht werden konnte. Je nach zur Verfügung stehenden Zutaten wurde diese Suppe aus Kartoffeln. Erbsen, Bohnen, Linsen oder Gerste zubereitet, an festlichen Tagen eventuell auch mit etwas Reis. Ähnliche Unterstützungsmaßnahmen wie in Ahrweiler leitete man auch in Oberwinter, Remagen, Sinzig und Gelsdorf ein. Daneben versorgten begüterte Familien weiterhin „Hausarme“, die sie durch Lebensmittel und Mahlzeiten vor dem Hungertode bewahrten.

Die Ahrweiler Suppen-Anstalt mußte wegen der ständig gestiegenen Preise Ende Mai 1817 ihre Armen-Speisungen einstellen.

Im Kreis Adenau kamen Suppen-Anstalten gar nicht zustande, weil die Mittel dazu völlig fehlten. Aus diesem Grund waren viele Notleidende zum Betteln gezwungen. Vielfach wanderten hungernde Familien u. a. nach Mayen, um dort Lebensmittel zu erbetteln. In seinem Reisebericht vom 31. Mai 1817 gibt Regierungsrat Fischer der Regierung eine anschauliche Schilderung der Verhältnisse in Mayen. Er stellte fest: „die Straßen (sind) mit Bettlern bedeckt, und die Häuser mit in Lumpen gehüllten Kindern belagert. Bey näherer Untersuchung ergab sich, daß sie von der Eifel aus dem Kreise Adenau, vom Hunger vertrieben zu der Wohltätigkeit in Mayen ihre Zuflucht genommen.“8) Der Mayener Landrat versuchte, die Bettler aus der Eifel zum Festungsbau nach Koblenz zu schicken. Wegen des zu geringen Lohns, der angeblich kaum zum Leben reichte, lehnten das jedoch die Bettelnden ab. Regierungsrat Fischer sah darum in den Bettelnden aus der Eifel durchweg Arbeitsscheue, die nur durch ein organisiertes Arbeitshaus von ihrem „Bettel-Sinn“ geheilt werden könnten. Über die gängige Praxis, Bettler abzuschieben, berichtete der Adenauer Landrat im September 1817. Falls Bettler ohne Ausweis angetroffen wurden und von der Polizei ihr Geburtsort, der für ihren Unterhalt aufkommen mußte, nicht ermittelt werden konnte, wurden sie oft „monatelang ganz zwecklos in den Gefängnissen umhergeschleppt (. . .),weil man nicht wußte, was damit anzufangen.“

Erleichtert vermerkten die Berichterstatter aus den Kreisen Adenau und Ahrweiler, daß trotz der außerordentlichen Not keine Epidemien unter der völlig geschwächten Bevölkerung ausgebrochen waren. In diesem Zusammenhang gingen sie auch auf die medizinische Versorgung in den beiden Kreisen ein.9) Der Kreis Ahrweiler galt 1817 als medizinisch gut versorgt, denn dort praktizierten zwei Distriktärzte: Dr. Veiten in Ahrweiler und Dr. Heymann in Remagen. Dagegen fehlte im Kreis Adenau noch ein Arzt. Ohne ärztlichen Beistand, ja ohne überhaupt jemals von einem Arzt untersucht oder behandelt worden zu sein, verstarben viele Bewohner. Im Raum Adenau war es selbst wohlhabenderen Bürgern bei plötzlich auftretenden Krankheiten kaum möglich, ärztliche Hilfe zu erhalten. Aus diesem Grund bat Landrat Koller im Januar 1817 darum, bei der Organisation des Medizinalwesens dem Kreis Adenau dringend einen Arzt zuzuweisen. Erst im November 1817 trat auf wiederholte Gesuche Dr. Wetz seinen Dienst als Distriktarzt in Adenau an. Anfangs mußte er gegen große Schwierigkeiten ankämpfen. Vielfach waren nämlich Bewohner des Kreises, aufgrund der bis dahin schlechten ärztlichen Versorgung, sehr skeptisch gegenüber einem Schulmediziner und vertrauten lieber weiterhin auf Quacksalber und Scharlatane. Dem Adenauer Landrat war die oft anzutreffende Ergebenheit in das auferlegte Schicksal völlig unverständlich. Kranke lehnten vielfach ärztlich verordnete Arzneimittel ab. Sie schienen „mit einer unglaublichen Resignation den Tod dem Gebrauch rationeller ärztlicher Hülfe vorzuziehen.“ Bei einer solchen Geringschätzung des eigenen Lebens halfen bei ansteckenden Krankheiten nur Zwangsmaßnahmen. Die Einnahme der Arzneien wurde überwacht, Häuser mit Kranken wurden „geräuchert“, um sie zu desinfizieren, mitunter isolierte man ganze Dörfer und verbot alle Zusammenkünfte, darunter auch Totenwachen. Den Grund für die in der Bevölkerung verbreitete Geringschätzung des eigenen Lebens mit den daraus erwachsenden fatalen Folgen für ganze Familien, die beim Tod des Ernährers, selbst bei eigenem Besitz, völlig verarmten und an den Bettelstab kamen, sah der Adenauer Landrat in der mangelnden Bildung. Deshalb galt es, die Volksbildung zu heben, um diese Rückständigkeit zu überwinden. Hierbei sollten die Pfarrer ihren Einfluß und ihre Autorität geltend machen. Landrat Koller bat darum die Regierung, „die öffentlichen Volkslehrer, deren Einfluß auf das Publikum gar zu bekannt ist, anzuhalten, ihren Pfarrkindern durch Lehre und Ermahnung mehr Geist für ihre Selbst-Erhaltung einzuflößen, und denselben begreiflich zu machen, wie die größtentheils verspätete Anwendung der natürlichen Mittel den Tod in die Familien und mit diesem das Elend in ganze Nachkommenschaften sehr oft nach sich zieht.“

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Im Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Coblenz vom 20. Dezember 1816 wird die Zubereitung der „Ökonomischen Suppe“ beschrieben.

Während die Landwirtschaft im unteren Ahrtal, auf der Grafschaft und am Rhein ebenso wie der Weinbau an Ahr und Rhein auf einer hohen Stufe standen und in guten Jahren reiche Ernten erbrachten, fehlte es in den klimatisch und bodenmäßig benachteiligten Höhengebieten an Vorbildern für Verbesserungen. Dort war die Landwirtschaft auf dem alten Stand stehengeblieben, so daß trotz harter Feldarbeit auch in guten Jahren nur kärgliche Erträge erzielt wurden. Die Initiative für Neuerungen mußten von außen kommen. Als einen Ausweg aus der Misere im Kreis Adenau sah der Landrat die Intensivierung der Viehzucht.

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Einwohner des Ahrtals (Winzerin, Winzer, Fischer) in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Lith. von Jean-Nicolas Ponsart (1838).

Als wichtige Voraussetzung zur Verbesserung der allgemeinen Bildung wurden im Sommer 1818 Sommerschulen eingeführt. Bis dahin fand Schulunterricht in den meisten Dörfern nur im Winter statt. Wegen der oft langen Schulwege versäumten bei schlechter Witterung viele Kinder den Unterricht, manche wurden auch von ihren Eltern vom Unterricht ferngehalten. Die neueingeführte Sommerschule stieß bei Eltern, denen der Unterricht ihrer Kinder gleichgültig war, auf Schwierigkeiten. Sie zogen ihre Kinder weiterhin zur Arbeit heran, anstatt sie zur Schule zu schicken. Durch Strafen konnte hier jedoch Besserung erreicht werden, so daß dieses Projekt eine langfristige Verbesserung der Volksbildung und damit die Chance zu Reformen in allen Lebensbereichen erhoffen ließ. Die Sommerschule sollte gleichsam als Hebel angesetzt werden, „das Volk aus seinergroben Unwissenheit“ herauszuziehen.

Aus den Berichten der Landräte geht hervor, daß zwischen den beiden Kreisen Adenau und Ahrweiler ein recht großes Bildungsgefälle bestand. Für den Kreis Ahrweiler konstatierte Landrat von Gruben: „Der Cultur-Zustand in dem größten Theile des Kreises zeichnet sich vor jenem in einigen benachbarten Kreisen sehr vortheilhaft aus; nur die Einwohner der Bürgermeistereien Königsfeld und Altenahr stehen den Bewohnern des nördlichen Theiles und der Rheinufer hierin nach. Jene stehen mit der übrigen Eifel, zu der sie noch gehören, und welche Gegend überhaupt sehr unkultiviert ist, auf einer Stufe; die meisten Männer, wenigstens zwei Drittheil derselben, können weder lesen noch schreiben, wogegen ihre Brüder in den anderen Bürgermeistereien nicht nur hierin besser unterrichtet, sondern die meisten noch im Rechnen erfahren, auch die meisten jungen Weibspersonen des Lesens und Schreibens nicht unkundig sind. Die Kenntniß der französischen Sprache ist in den Bürgermeistereien Ahrweiler, Gelsdorf, Remagen etc. ziemlich allgemein.“

Bei der Beurteilung des Volkscharakters, des „sittlichen Zustands“ und der Stimmung der Kreisbewohner, waren sich die beiden Landräte von Adenau und Ahrweiler weitgehend einig. Trotz Hungersnot sahen sie die öffentliche Sicherheit zu keiner Zeit wirklich erschüttert, wenn es auch bisweilen Unruhe unter der Bevölkerung gab. Der Ahrweiler Landrat verbürgte sich sogar für seine Untertanen und nannte „Treuherzigkeit, Ehrlichkeit, Guthmütigkeit und Besonnenheit (. . .) die am leichtesten bemerkbaren Eigenthümlichkeiten des hiesigen Charakters.“ Er empfahl der Regierung die verstärkte Berücksichtigung von „Eingeborenen“ bei Stellenbesetzungen, wodurch das Vertrauen in die neue Regierung noch gestärkt werden könnte.

Der Adenauer Landrat sparte nicht mit Seitenhieben auf die französische Zeit und versicherte: „Die französische Verderbtheit hatte noch keine tiefen Eingriffe in der innere Menschenleben gemacht und in der Regel findet man gute Menschen mit tiefer Achtung für die Religion.“ Für ihn stand fest: „Einhalt der Sitte und rein teutscher Sinn sind die charakteristischen Züge der Eifelbewohner.“

Als „unerschütterlich“ schilderten die Landräte von Adenau und Ahrweiler, wiederholt die Staatstreue, ja Unterwürfigkeit ihrer Untertanen, deren völliges Vertrauen zur „väterlichen Behandlung“ durch den König und zu allen Regierungsanordnungen sie immer wieder hervorhoben. Schenkt man diesen Bekundungen Glauben, so scheinen trotz der großen Notlage zumindest zu Beginn der preußischen Herrschaft, in den beiden Kreisen Adenau und Ahrweiler weder Skepsis noch Zurückhaltung, geschweige denn Ablehnung10), gegenüber der neuen Staatsmacht bestanden zu haben.

Anmerkungen:

  1. Vgl. Kastner, Dieter: Die Rheinlande vom Wiener Kongreß bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, In: Kleine Rheinische Geschichte 1815 – 1986. Köln 1987, 11,; Görtz Ignaz: Die Entwicklung des Landkreises Ahrweiler. In: Studienbuch Landkreis Ahrweiler. Bad Neuenahr-Ahrweiler 1987 38; Federle: Die ersten Landräte des Kreises Ahrweiler. In: Verwaltungsbericht Kreis Ahrweiler 1928. 8
  2. Vgl. Görtz 38
  3. Vgl. Görtz 39 und 43.; Federle 10.
  4. Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Coblenz Nr. 15 vom 27. Juni 1816.100.
  5. Ebda 101.
  6. Ebda, Schema auf IGOf. zum Abfassen der Zeitungsberichte.
  7. Die Ausführungen stützen sich, wenn nicht anders vermerkt, auf die monatlichen Zeitungsberichte der Landräte von Adenau und Ahrweiler für 1817 und 1818. Landeshauptarchiv Koblenz Abt 441 Nr.989-1012.
  8. Landeshauptarchiv Koblenz Abt, 441 Nr. 1342.
  9. Zur Entwicklung des Medizinalwesens vgl. Hemmen, Carl Bertram : Vor 150 Jahren waren Ärzte und Apotheker zwischen Rhein und Hoher Acht dünn gesät. Aus der Geschichte der medizinischen Versorgung. In: Heimatjahrbuch Kreis Ahrweiler 1987.
  10. Besonders für das südliche Rheinland wird sonst in der Literatur das Gegenteil behauptet, vgl Kastner 12.