Aus der Geschichte des Heilbades Neuenahr:

Die öffentlichen Schwimmbäder im Wandel der Zeit

Hubert Rieck

„Der Gesamtkomplex dieses neuen Bades präsentiert eine Anlage, die nach den modernsten Gesichtspunkten des Schwimmbadwesens errichtet worden ist. Neuenahrs Schwimm-und Gartenbad darf als die schönste und neuzeitlichste Anlage ihrer Art in Deutschland bezeichnet werden. Die Badestadt kann stolz sein. diese wesentliche Bereicherung des Kurortes ihr Eigen nennen zu dürfen.“ Dieses überschwengliche Urteil der Rhein-Zeitung ist nicht auf das „TWIN“ des Jahres 1991 gemünzt, sondern es entstammt der Ausgabe vom 26./27. Mai 1951 und gilt folglich dem Vorläufer des „TWIN“,

Jener 27. Mai 1951 war ein dreifacher Festtag für Bad Neuenahr, denn zum einen verlieh der damalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz Peter Altmeier die Urkunde mit den Stadtrechten. des weiteren weihte man die Kurgarten-Brücke und das Gartenschwimmbad ein. Jene beiden Bauprojekte waren Ausdruck einer beginnenden Aufwärtsentwicklung des Heilbades Neuenahr nach dem tiefen Einschnitt des 2. Weltkrieges, der den Kur- und Badebetrieb vollständig zum Erliegen gebracht hatte. „Trotz wirtschaftlicher Sorge und Ungewisser Zukunft“. so ein Chronist der Festschrift anläßlich der Verleihung der Stadtrechte aus dem Jahre 1951, habe man den Glauben an die Zukunft des Heilbades nicht verloren und setze alle Kräfte zum Aufbau und zur Vervollkommnung ein. Jener Chronist formulierte stolz: „Ein großes Werk ist vollendet, das sich – rein geldlich gesehen – kaum amortisieren wird, aber unsere aufstrebende Stadt wurde um einen wesentlichen Anziehungspunkt reicher.“ Heute würde man dies – in unserem Sprachgebrauch – nüchtern als eine „Investition zur Steigerung der Attraktivität des Heilbades“ bezeichnen. An das jetzige städtische Freizeitbad „TWIN“ oder gar an das geplante Projekt „Ahr-Thermen“ dachte 1951 noch niemand, solche Dimensionen lagen außerhalb der Vorstellungskraft.

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Einweihung des Gartenschwimmbades anläßlich der Stadtrechtsverleihung am 27. Mai 1951

Das damalige Gartenschwimmbad zog allerdings nicht nur Kurgäste und Touristen an, sondern ebenfalls in starkem Maße die hiesige Bevölkerung, insbesondere die Kinder und Jugendlichen. Für den Badespaß sorgten 1951 weder eine Riesenrutschbahn, ein Strömungskanal, noch ein Wasserpilz. Eine klein dimensionierte Rutsche, ein Sprungturm, ein Schwimmbecken (50 x 15 m), ein Nichtschwimmerbekken (10 x 15 m) sowie die ansprechende Gartenarchitektur waren die Aktivposten der Badeanlage des Jahres 1951. Für einen großen Unterhaltungswert, der aber eher ungewollt war, sorgten in den 50er und 60er Jahren die Lautsprecherdurchsagen des Bademeisters Fritz. Seine sehr „rustikal“ vorgetragenen Warnungen bezüglich verschiedenster Zuwiderhandlungen gegen die Bade- und Hausordnung, z. B. zu lautes „Dudeln“ eines Kofferradios bzw. unerlaubtes Ballspielen im Ruhebereich, erschreckten zunächst die zu meist jugendlichen „Täter“. Jedoch im Laufe der Zeit wandelte sich manches unwohle Gefühl beim öffentlich verkündeten Ertapptwordensein -aufgrund des ungewöhnlich plastischen Sprachschatzes von Seiten des „Sheriffs“ – in verhaltene, dann aber offen zur Schau getragene Heiterkeit. Auch dies gehörte zum Badespaß der 50er und 60er Jahre.

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Strandbad im Lenépark aus dem Jahre 1931

„TWIN“ und das „Gartenschwimmbad“ hatten ihren Vorläufer im sogenannten „Strand-, Licht-und Luftbad im Lennepark.“ Dieses 1930 erbaute Bad hatte eine 75 m lange und 50 m breite Wasserfläche, bestehend aus Planschbecken für Kinder, abgetrennte Bassins für Schwimmer und Nichtschwimmer. Im offiziellen Führer für Kurgäste des Jahres 1931 warb man mit folgender Aufzählung: „Sprungbrett, Wasserrutschbahn, Spielplatz. Einzel- und Gemeinschaftskabinen. Ringsherum große Rheinsand- und Rasenfläche: Liegekuren.“ Sport. Spiel und Unterhaltung, jene Faktoren gehörten auch zum Kurleben des Jahres 1931. da -so die erwähnte Informationsschrift – „der Zerstreuung. der Ablenkung von körperlichen Mißhelligkeiten größte Bedeutung beigemessen wird.“

Zu Beginn der 30er Jahre schloß mit der Eröffnung des „Strand-. Licht- und Luftbades“ eine andere Badeanstalt für immer ihre Pforten, die über Jahrzehnte hinweg der Treffpunkt der Neuenahrer Jugend gewesen war. Man ging eben zu „Ännchen“. benannt nach dem Vornamen der Besitzerin dieses Privatbades. Die Badeanstalt trug den patriotisch gefärbten Namen „Germania“ und befand sich im Besitz der Familie Hochgürtel. Das Bad – im Ortsteil Hemmessen, am heutigen Herderweg gelegen – bestand aus 2 Schwimmbecken, wobei das größere dem männlichen, das kleinere dem weiblichen Geschlecht zugewiesen wurde. Beide Areale waren durch eine hohe Wellblechwand voneinander getrennt. Jene geschlechtsspezifische Trennung bildete die Initialzündung zu einem reizvollen Badespaß, der sich mit der französischen Redewendung vom „cherchez la femme“ in etwa beschreiben läßt; es gab folglich viele Versuche, diese Trennwand zu überwinden. Nachdem zu Beginn der 30er Jahre die trennende Wellblechwand fiel, die Geschlechtertrennung aufgehoben wurde, verlor jenes „Spiel“ merklich an Reiz.

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Treffpunkt der Neuenahrer Jugend: Das Privatbad „Germania“ im Jahre 1932. Inmitten seiner Schwimmfreunde der jüdische Mitbürger Josef Voss (3. v. r.. obere Reihe)

Die Badeanstalt Hochgürtel fand schon im Jahre 1908 in einer Schrift aus Anlaß des fünfzigjährigen Gedenktages der Gründung des Bades Neuenahr Erwähnung. Es hieß dort u. a.: Für den Sommer bestehen seit einer Reihe von Jahren an den beiden Mühlen von Hochgürtel und Steinheuer Wellenbäder mit Zuleitung von Wasser aus dem Mühlteich. Nach Möglichkeit ist durch Rechenanlage eine Reinigung des Wassers geschaffen. Außerdem ist von A. J. Wershofen die Anlage eines Schwimmbassins und Wellenbäder geschaffen worden; die Anlage entnimmt das Wasser ebenfalls aus dem Mühlteich; die Klärung erfolgt durch Klärkästen.“ Ca. 1910 wurde eine weitere Badeanstalt, im Besitz des „Ahl Voß“, in Betrieb genommen. Sie befand sich wenig unterhalb des Bades Hochgürtel, hatte 2 Bassins und wurde ebenfalls vom „Fleißeje Baach“ gespeist. Über die hygienischen Verhältnisse, der vom „Ahr-weiler Bach“ gespeisten Badeanstalten, läßt sich Vieles, aber sicherlich nicht allzu Gutes, erahnen. Aber zurück zum Freizeitbad „TWIN“:

13.6 Millionen Mark kosteten die Sanierungs- und Umbaumaßnahmen. Laut konzeptionellem Selbstverständnis ist „TWIN“ ein Zwilling von „Badespaß drinnen und draußen“. Am 17. Juni 1989 wurde dieses zweifelsfrei schöne Bad im Rahmen eines lockeren, fröhlichen Programms eröffnet, in dessen Verlauf Bürgermeister Rudolf Weltken durch das aktive Zutun der Fraktionsvorsitzenden im Stadtrat im guten Anzug „baden“ ging. 1951, bei der Eröffnung des Gartenschwimmbades, erschienen hingegen einige Honoratioren der Stadt im Cutaway und Zylinder: ein öffentliches Bad ä la Rudolf Weltken war für den damaligen Bürgermeister Wilhelm Bloser schier undenkbar.

Ob in 40 Jahren ein zukünftiger Autor im Heimatjahrbuch die Thematik dieses Beitrages fortschreiben wird, z. B. indem er die Geschichte der „Ahr-Thermen“ aufrollt? Der Autor dieses Beitrages hofft jedenfalls, daß sein Kollege im Jahre 2031 bei dem möglichen Schreibversuch „nicht baden geht“.

Anmerkungen:
Mein herzlicher Dank gilt Herrn Philipp Bichler. der sich als Zeitzeuge zur Verfügung stellte und dessen Manuskript einer Dialekt-Lesung De fleißeje Baach“ eine wertvolle Hilfe darstellte. Ein besonderer Dank gilt Herrn Knechtges (Stadtverwaltung Bad Neuenahr-Ahrweilen sowie Frau Helena Jülich (Foto Steinbom)

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Das neue Freizeitbad TWIN aus dem Jahre 1989