Die St. Wendelinus-Kapelle zu Koisdorf

Die St. Wendelinus-Kapelle zu Koisdorf

Horst Müller

Wenn im Jahre 1992 der Sinziger Stadtteil Koisdorf seine 800-Jahrfeier begeht, dann erstrahlt das Wahrzeichen des Dorfes, die St.-Wendelinus-Kapelle, innen und außen wieder in neuem Glanz. Alle Renovierungsarbeiten der letzten Jahre sind beendet. Sie wurden mit großzügiger Unterstützung des Landes, des Kreises und der Stadt durchgeführt. Die Dorfgemeinschaftselbst trug durch Spenden und Eigenleistungen ihren Teil zum Gelingen des Werkes bei.

Die Kapelle in Koisdorf war seit ihrer Gründung Filialkirche der Pfarrei St. Peter in Sinzig. Wie die Mutterkirche, so wurde auch unsere Kapelle wohl in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts zur Zeit der Stauferkaiser erbaut. Beweis dafür sind die kantige Apsis, die flache Decke des Schiffes sowie einige Kunstwerke in der Kapelle.1)

Die Kapelle war ursprünglich vermutlich dem hl. Sebastian geweiht, was in Quellen der Jahre 1301 und 1460 belegt ist.2)Noch bis zur Liturgiereform im Anschluß an das Zweite Vatikanische Konzil schmückte den Hauptaltar eine Steinfigur des hl. Sebastianus.

Ein Visitationsbericht von 1829 spricht vom Bau der Kapelle im Jahre 1630 und nennt im Zusammenhang damit erstmals das Wendelinus-Pa-trozinium. Möglicherweise handelt es sich bei diesem erwähnten »Bau« um einen Umbau oder Wiederherstellungsarbeiten; es war die Zeit des 30jährigen Krieges, die vielleicht mit einer neuen Weihe und einem Wechsel des Patroziniums verbunden war.3)

Der hl. Wendelinus wird als Helfer bei Tierkrankheiten angefleht, sicherlich ist dieses Patrozini-um der Kapelle eines bäuerlich geprägten Dorfes sehr angemessen.

Von 1959 bis 1969 fand, angeregt von Pfarrer Peter Käuser aus Sinzig – St. Peter, eine entscheidende Veränderung des Baus statt. Das Schiff wurde um ca. 6 Meter nach Westen verlängert, dabei nahm der Anbau die Empore auf. Der Haupteingang wurde auf die Nord-Ost-Seite verlegt, wo man noch heute die Kapelle durch das alte Portal mit dem Schlußstein von 1776 betritt. Ebenso wurde eine Sakristei an der Nordwand der Kapelle errichtet. Im Zuge der letzten Liturgiereform ersetzte man den alten Hochaltar durch einen schlichten Steintisch. Das romanische Chorfenster konnte von rechts wieder in die ihm zukommende Mitte rücken. Fußboden und Innenanstrich wurden erneuert, als letzte Maßnahme erfolgte ein neuer Außenanstrich, der die Gliederung der Architektur, vor allem des Chores mit den weißen Mauern und den roten Lisenen, deutlich macht.

Eine letzte Renovierung erfolgte ab dem Jahre 1986, bei der die Kapelle einen neuen Innenanstrich erhielt, der ihren Charakter weitgehend veränderte: nach sorgfältigen Untersuchungen wurden im Chor mehrere übereinanderliegende Farbschichten gefunden, die man entfernte, um den ältesten Zustand der romanischen Malereien möglichst weitgehend wiederherzustellen. Die Hoffnung, größere zusammenhängende Bilder zu finden, wurde jedoch enttäuscht, weil sie einmal schon sehr grob freigelegt worden waren oder einfach bei den früheren Renovierungen abgebürstet worden sind. Einige freigelegte Malereireste, die sich nicht zu restaurieren lohnten, wurden mit Seidenpapier abgeklebt und wieder überstrichen. Erkennbar waren im Bogen rechts eine Gruppe mit zwei Figuren, von denen die Füße der einen Person sowie die Schulter der anderen auszumachen waren. Auf der linken Seite des Bogens befand sich wohl eine Kreuzigungsgruppe: sichtbar war   der Querbalken des Kreuzes mit den ausgestreckten Armen Christi und die Füße einer weiteren Figur.

Im Jahre 1985 wurden zwei neue Glocken geweiht, gegossen in Brockscheid. Sie ersetzten die nach dem Krieg angeschafften Glocken. Die ursprünglichen aus dem 19. Jahrhundert, dem hl. Sebastianus und dem hl. Wendelinus gewidmet, waren eingeschmolzen worden, um einem weniger heiligen Zweck zu dienen.

Der Chor ist der älteste Bauteil unserer Kapelle. Den Übergang vom Langhaus, dem Versammlungsort der Gläubigen, zum Chor, dem Platz des Allerheiligsten, bildet ein Bogen. In der kirchlichen Symbolik wird ihm die Rolle des Triumphtores zuteil, durch das die Seligen ins ewige Leben des himmlischen Jerusalem eintreten. Vier Balken in rotbrauner Farbe, von denen die oberen Dreiecksmotive zeigen, schmücken den Bogen. Sie sind größtenteils im Original erhalten. Die dem Chorraum zugewandte Innenseite des Bogens ist mit Ranken, Blättern und Blüten in rotbrauner Farbe geschmückt. Auch diese Malerei ist zum Teil im Original zu bewundern. In einer kleinen spitzbo-gigen Nische auf der rechten Seite desTriumphbogens befindet sich ein modernes, aus Messingblech getriebenes Reliquienkreuz mit geschwungenen Armen, das eine aus St. Wendel/ Saar stammende Reliquie des Kirchenpatrons St. Wendelinus enthält. 1942 erhielt die Kapelle diese Reliquie, die beigefügte Urkunde trägt die Jahreszahl 1947.

In wiedererstandener alter Schönheit bieten sich die Chornischen dar. Im unteren Teil des Chorraums wurde nach dem vorgefundenen Bestand die alte aufgemalte Sockelquaderung ergänzt. Die Ränder der Nischen schmücken nun wieder graue Blätterranken. Originale und ergänzte Teile sind deutlich voneinander geschieden.

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Koisdorfer St Wendelinus-Kapelle

Kostbarstes Schmuckstück der Kapelle ist das zentrale Chorfenster aus dem 13. Jahrhundert in der Größe 142mal 58 cm. Das Fenster ist zweiteilig. Der untere Teil besteht aus weißem Stabwerk mit kleinen gelben und violetten Quä-derchen im Hintergrund, der obere Teil zeigt im Rundbogenfeld die Kreuzigung Christi. Der rote Kreuzesstamm steht auf einem gelben Hügel, der in der Hüfte stark geknickte Körper Christi trägt ein bauschiges blaues Lendentuch. Das Obergewand der Maria ist rotbraun. Johannes trägt einen gelben Leibrock und einen rot-violetten Mantel. Maria hat die Hände zum Gebet geformt, Johannes schmiegt den Kopf nachdenklich und schmerzvoll in die rechte Hand. Die Heiligenscheine Christi und Marias sind gelb, der des Johannes dunkelblau. Das Fußbrett Christi ist stahlblau und gelb umrändert. Die Gesichter und alle Fleischteile, bis auf die Füße Christi, sind – vermutlich nach alten, heute fehlenden Stücken – erneuert.4)

Im Gewölbefeld über diesem Fenster können wir nun wieder das älteste Fresko der Kapelle bewundern: Christus auf dem Regenbogen, möglicherweise Teil einer Weltgerichtsdarstellung, wie wir sie z. B. in Oberbreisig finden. Rechts und links von Christus können sehr wohl wie üblich seine Mutter Maria und sein Lieblingsjünger Johannes angeordnet gewesen sein, doch sind sie nicht erhalten. Das Bild wurde 1986 freigelegt und teilweise ergänzt. Original sind die gelbe Fassung des Nischenrandes, der Regenbogen, Beine und Füße mit den Wundmalen, der untere Teil des linken Armes, die rechte Hand mit dem Lilienzepter sowie der Umriß des Nimbus. Gewandteile und Antlitz Christi wurden nach alten ähnlichen Vorlagen ergänzt und sind als Ergänzungen für den Kunsthistoriker erkennbar.

Die Darstellung steht in einer sinnvoll zu deutenden Beziehung zu dem Chorfenster darunter. Zeigt dieses den Gläubigen den Erlösertod Christi, so stellt das Fresko den Himmelskönig, den Allherrscher dar, der am Ende der Zeit kommt, um die Gerechten in sein Reich zu führen und die Bösen zu verdammen. Der Regenbogen ist seit alttestamentlicher Zeit (vgl. Arche Noah) Zeichen der Versöhnung und des Neubeginns, der die Erde überspannt von einem Ende zum ändern. Das Lilienzepter ist Symbol der königlichen Macht Christi, zugleich aber auch seiner Reinheit und Barmherzigkeit, die er als Richter walten lassen wird.

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Kapelle Koisdorf: Chorfensfer aus dem 13. Jahrhundert

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Ältestes Fresko in der Kapelle Koisdorf: Christus auf dem Regenbogen

Die gesamte romanischeAusmalung der Kapelle und die Fenster sind wohl auch in Koisdorf die Bilderbibel des Volkes gewesen, in der den Gläubigen das Heilsgeschehen sinnfällig vor Augen geführt wurde.

Auf zwei neu angebrachten Konsolen rechts und links vom Triumphbogen sind wertvolle Statuen aufgestellt. Links im Winkel zur Sakristei befindet sich eine gekrönte Madonna, die auf dem linken Arm das Jesuskind trägt. In der rechten hält sie das Zepter, ihr linker Fuß steht auf der Mondsichel. Sie ist dargestellt als Königin des Himmels. Rechts sehen wir die aus dem 15. Jahrhundert stammende Steinfigur des Kirchenpatrons Wendelinus, die nach dem Krieg farbig gefaßt wurde, mit Tieren zu seinen Füßen, für deren Heilung er als Fürbitter gilt.

An der Südwand des Kirchenschiffes wurde nach der Renovierung die kleine Statue der hl. Barbara mit ihren Symbolen Turm und Kirche aufgestellt. Die Nordwand schmückt seitdem  der restaurierte Altaraufsatz des ehemaligen barocken Hochaltars aus dem 17. Jahrhundert. Die Bildnische wird von zwei gedrehten, weinumrankten Säulen flankiert, die Wangen sind mit Ohrmuscheln und Knorpelwerk geschmückt. In der Nische stand früher eine Steinfigur des hl. Sebastianus, die ihn als jungen geharnischten Soldaten zeigte mit Helm, Keule und Lilie. Die jetzt aufgestellte Holzfigur ist älteren Datums: es ist die bekannte Darstellung des von Pfeilen durchbohrten Märtyrers.

Die Brüstung der Orgelempore wurde um 1800 geschaffen. Sie ist an den Rändern stark profiliert und hat einen betonten Mittelrisalit. Klassizistische Kreuzgehänge zieren die rechteckigen Füllungen.

Die Kapelle besitzt einige wertvolle liturgische Geräte, so ein Weihrauchgefäß aus Messingguß, das vermutlich schon im 14. Jahrhundert gearbeitet wurde.

Das bei feierlichen Anlässen verwendete Vor-tragskreuz ist ein Kunstwerk des 17. Jahrhunderts, aus dem 18. stammen die Weihwassereimer mit geschweifter Wandung.5)

Die von Clemen erwähnten wertvollen Messingleuchter, die die Jahreszahl 1777 tragen und zu einem gleichen Leuchtersatz in der Kapelle zu Schloß Ahrental gehören, werden an einem Ort außerhalb der Kapelle aufbewahrt und nur noch an hohen Feiertagen benutzt. Neu sind Lesepult und Ambo sowie der aus Kupfer getriebene Ständer für die Osterkerze, der Szenen aus dem Alten und Neuen Testament zeigt. Der früher vorhandene Beichtstuhl wurde schon vor längerer Zeit entfernt.

Nach der gelungenen Restaurierung erscheint unser kleines Gotteshaus rechtzeitig zur Jubiläumsfeier des Dorfes wieder als ein Kleinod romanischer Kunst, das zu bewahren uns und nachfolgenden GenerationenAufgabe und Verpflichtung sein sollte.

Anmerkungen:

  1. Paul Clemen, „Die Kunstdenkmäle“ des Kreises Ahrweiler Düsseldorf 1938, S. 23
  2. J. Haffke/’B. Koll, Sinzig und seine Stadtteile gestern und heute. Sinzig 1983. S. 514
  3. Clemen. a.a.O.. S. 366. und Haffke/Koll a.a.O S. 514
  4. 5. Clemen. a.a.O.. S, 367
    Alle mir vorliegenden schriftlichen Quellen schreiben den Namen „Wendelinus“, nur die Urkunde von 1947, welche die aus St. Wendel/Saar übergebene Reliquie begleitete, schreibt in der lateinischen Fassung „St. Wendalinus“. Der Stempel der Urkunde hat die Form „Wendelinus“. wie sie auch in diesem Text verwendet wird