Hunnensage

Hunnensage

Johannes Friedrich Luxem

Dort, wo heute auf festem, fruchtbarem Boden Getreide, Rüben, Kartoffeln und Mais wachsen, erstreckte sich vor Jahrhunderten auf der Westseite des Laacher Gebietes ein großes Moor in der Mulde eines erloschenen Kraters. An seinen Rändern wuchsen seltsame Pflanzen: Schilf, Seggen, Binsen, Wollgräser, Moose und Sonnentau. Krüppelbirken und niedrige Weiden bildeten einen grünen Kranz um die weite Fläche des Moores. Sie täuschten festen Boden, sicheres Erdreich dort vor, wo der schwankende, trügerische Morast begann, Binsen und Entengrütze schwärzliches Gewässer bedeckten. In Röhrricht und Moospolstern lebten Frösche und Salamander, Libellen schwirrten in sommerlicher Hitze über Tümpeln, und in der Dämmerung hallten unheimliche Rohrdommelschreie aus dem Schilfdickicht.

Nur wenige Bauern aus der kleinen Siedlung am Rande des Moores wagten, die unheimliche Ödnis zu betreten. Beim Suchen eines Weges waren schon manche im zähen Morast versunken; nie wieder hörte man von ihnen, nie fand man sie, das Moor behielt seine Opfer.

Vor vielen hundert Jahren, so erzählte die Muhme, als die Hunnenscharen in der Schlacht auf den Katalaunischen Gefilden von den Heeren der Römer und Westgoten unter Aetius vernichtend geschlagen wurden, strömten die Reste des wilden asiatischen Reitervolkes nach Osten. Sie flohen zurück dorthin, woher sie einst kamen, hin zur Donau, den endlosen Ebenen Ungarns, alles niederstampfend, raubend und plündernd, Angst und Tod verbreitend unter Attila, der Geißel Gottes. Versprengte Scharen wilder Reiter kamen auf ihrer Flucht auch durch die einsame Eifel, raubten und brandschatzten, brachten Tod und Verderben.

Ein einziger Bewohner der Siedlung am Moor kannte das gefährliche, unheimliche Gebiet seit seiner Kindheit, der bucklige Servaz. Er war ein Sonderling, hauste in einer armseligen Hütte am Ende des Dorfes. Die Menschen fürchteten sich vor ihm; er habe den bösen Blick, sagten sie, wisse Zaubersprüche der Altvorderen, habe die Kraft und die Gabe Geister zu bannen. Im Moor sammelte er Pflanzen, Blüten und Wurzeln, aus deren Säften er braunen, klebrigen Absud braute, der Heilkraft besaß. Er kannte die Geheimnisse der Wirkung seltener, giftiger Krauter, besprach krankes Vieh, wußte um geheime Orte, an denen sich in den Sturmnächten Geister versammelten und ihr Unwesen trieben.

Vor seinem stechenden Blickfürchteten sich die Bauern; sie mieden ihn; Kinder gaben dem Gnom schlimme Namen, verspotteten und kränkten ihn. Einst entdeckte Servaz bei seinen Gängen durchs Moor etwas Seltsames: Mitten im Morast, in der tödlichen Einöde erstreckte sich ein Stück festes Land wie eine Insel. Hier wuchsen Bäume und saftiges Gras, nisteten Scharen von Vögeln. Dieses Fleckchen Erde war eine wunderbare Zufluchtsstätte, ein Ort der sicher blieb vor Gefahren und Feinden-eine Fliehburg mitten im Moor!

Als sich der Hunnensturm näherte, als in der Ferne Dörfer und Gehöfte brannten, schlug die große Stunde des Servaz. Er gab dem Dorfältesten sein Versteck, die sichere Insel im Moor preis, erbot sich zugleich, die Bauern samt Vieh und Hab und Gut hinzuführen durch die Gefährnisse des Moores, hin zur Sicherheit des unbekannten Ortes.

So brachte er Männer_und Frauen, Greise und Kinder, Vieh und Vorräte auf schmalen, gefahrvollen Pfaden endlich hin zur verborgenen Zufluchtsstätte.

Doch als man ihm danken wollte für seine Hilfe blieb er verschwunden; nirgendwo auf der Insel im Moor war er zu finden; man suchte vergebens, war ratlos.

„Ins Dorf ist er zurückgeschlichen“, riefen die Leute, „er wird unsere versteckten Ersparnisse ausgraben. Vielleicht wird er sich rächen für Spott und Unbill, für unsere Mißachtung; erwird den Hunnen unser Versteck verraten!“ –

Gegen Mittag des folgenden Tages erblickten die Geflohenen im Westen eine große dunkle Rauchwolke. „Unser Dorf brennt!“ riefen sie,

„die Hunnen sind da – was wird der Bucklige tun?“ Ratlos starrten sie hinüber auf die Qualmwolke, Männer ballten ihre Fäuste, Frauen und Kinder begannen zu weinen. –

Als die wilden Reiter entdeckten, daß alle Bewohner des Dorfes geflohen waren, als sie außer zwei mageren Ziegen und einer kranken Kuh nichts fanden, entbrannte ihr Zorn. Vergebens suchten sie in Häusern, Scheunen und Ställen nach verborgenen Reichtümern. Im Dorfbackes fanden sie zwei Körbe mit angebrannten Roggenbroten: das blieb die einzige Beute der Plünderer.

Bild1.gif (25289 Byte)

Reiter entdeckten schließlich den Buckligen; im Stroh hinter seiner Hütte hatte er sich versteckt. Schreiend schleppten sie ihn, an einen Roßschweif gebunden, vor ihren Anführer. In Goldhelm und kostbarem Brustpanzer, mit seinem wehenden schwarzen Bart bot er einen schrecklichen Anblick; Servaz erstarrte das Blut in den Adern. Ohne Zögern packte der Hunne den Gefangenen, hob ihn hoch und setzte ihm den Krummsäbel an die Kehle.

„Wenn du uns nicht das geheime Versteck der Bauern verrätst, bist du verloren; grausam wirst du sterben, elender Gnom!“ In seiner Todesangst schrie der Bucklige wie am Spieß. „Laßt mich los, schenkt mir mein Leben und ich will euch hinführen zum Versteck, zur reichen Beute – wenn ihr mir einen Beutel Silber zum Lohn versprecht!“ Ohne Zögern gingen die beutegierigen Reiter auf das Angebot des Verräters ein, trafen mit ihm die Abmachung, wenn er sie auf der Stelle hinführe zum verborgenen Zufluchtsort. Unter den Klängen einer großen Kesseltrommel versammelten sich die Hunnenreiter. Unverständliche Worte murmelte der alte Schamane. Blanke Knöchelchen warf er auf ein Hasenfell, stieß seltsame Schreie aus, warnte die Reiter vor drohendem Unheil. Zum Aufbruch riet er, ostwärts, nur fort vom Dorf, vom Moor.

Doch er sprach zu tauben Ohren, zu groß war die Beutegier der Reiter. Mit Fackeln begannen sie ihr schändliches Werk der Brandschatzung; auf alle Dächer setzten sie den roten Hahn. Am Rande des brennenden Dorfes sammelte sich schließlich die wilde Meute, formierte sich zu langer Reihe. An ihrer Spitze schritt Servaz – ins Moor hinein, hin zum Versteck der Bauern.

Schritt für Schritt auf Zickzackpfaden führte Servaz die Reiter in die Öde des Moores, auf schwankendem Boden immertiefer hinein in die unheimliche Wüstenei. Allmählich verstummten die Rufe der Hunnen; sie sprangen von ihren zottigen Pferdchen, führten sie behutsam am Zügel, befallen von der Ahnung drohender Gefahr.

Schmaler wurde der Pfad, verlief schlangenför-mig, geheimnisvoll immer weiter hinein in die düsteren gefährlichen Gefilde. Zu beiden Seiten erstreckte sich die schier endlose Fläche des Moores, dunkel, bedrohlich. Lachen waren gefüllt mit braunschwarzer Brühe; unter Erlengesträuch schwankten Röhricht und Wollgräser im Wind.

Bild2.gif (25299 Byte)

Zeichnungen Johannes F Luxem

Allmählich näherte sich die Kette der Reiter dem geheimen Zufluchtsort. Die Bauern auf der Insel sahen schreckensbleich die Gefahr näher und näher kommen, erblickten die lange Reihe derHunnen und erkannten an ihrer Spitze den verwachsenen Pfadweiser, Servaz. den Verräter.

Doch während noch die Männer die Fäuste ballten, ihm ihre Flüche und Verwünschungen entgegenriefen, geschah urplötzlich etwas Seltsames. Mit grotesken Sprüngen floh Servaz zur Seite, watete durch Tümpel, hielt sich am Erlengeäst fest. Übers Moor hallte seine dünne Stimme: „Fahrt zur Hölle, Mördervolk, Brandstifter, Plünderer, Teufelsboten. Zur Hölle mit euch, wo ihr hingehört!“

Er winkte den angsterfüllten Menschen auf der Insel zu, erhob noch einmal seine Stimme – da traf ihn der Pfeil des Anführers der Reiter und er versank im Moor.

Nun war kein Halten mehr; die Warnungen des Schamanen waren Wirklichkeit geworden, drohende Gefahr und Untergang hatte er vorausgesagt – umsonst! Panik erfaßte die wilden Reiter, ihre Rosse flohen seitwärts, versanken sofort in den Tümpeln. Die Hunnen hatten den Weg verloren, kaum hundert Schritte entfernt vom Versteck der Bauern ereilte sie ihr Schicksal. Vergebens versuchten sie sich zu retten, den Pfad zurück zu finden, doch der, der ihn hätte weisen können war schon versunken im zähen Morast. Schweigend sahen die Bauern den Untergang der Reiterschar. Die Hunnen liefen um ihr Leben, niemand entging dem Unheil, mit Rössern, Waffen und Beute versanken sie im Moor. Schaurig hallte den Geretteten auf der Insel ihr Geschrei in den Ohren.

Dann war plötzlich alles still, man sah nichts mehr. Wie ein Spuk, eine Nachtmahr, waren Roß und Reiter verschwunden. Still lag das weite Moor, stumm blieben die Bauern. Nur einer, der Dorfälteste sprach aus, was alle, erfüllt von Scham dachten: „Für einen Lumpen, einen Verräter haben wir ihn gehalten, den Servaz – aber er hat uns gerettet durch seine List und seinen Mut.“ Und als die Herbstsonne wie eine Kupferscheibe hinter den Kegeln der erloschenen Vulkane unterging, beteten sie für seine arme Seele.

Niemand weiß, wie die Flüchtlinge den Weg zurückfanden ins zerstörte Dorf. Doch das schier Unglaubliche gelang; heil brachte man Menschen, Vieh, Hab und Gut durchs unheimliche Moor heim auf sicheren Boden. An anderer Stelle des Berghanges bauten die Bauern ihr Dorf wieder auf, größer und schöner. Noch vor Jahren erzählte die Muhme bei flackerndem Herdfeuer diese unheimliche Geschichte aus längst vergangenen Zeiten. Heute ist sie vergessen, wie so viele Geschehnisse im Land der Eitel, und dort, wo sich einst das Moor ausbreitete, weht jetzt der Sommerwind über goldene Weizenfelder….