Das Wirtz`sche Haus – ein Stück Alt-Oberwinter

Das Wirtz’sche Haus – ein Stück Alt-Oberwinter

Hans Atzler

Die Schauseite des alten Winzerortes Oberwinter, seine Rheinfront, ist um einen Glanzpunkt reicher: das altehrwürdige sogenannte Wirtz’sche Haus mit seinem Torbogen über die Ankergasse erstrahlt in neuem Glanz.

Viele Jahre sahen die Überwinterer, wie das Anwesen mehr und mehr verfiel; der Putz bröckelte, Dach und Fenster wurden undicht und die Türen mußten vermauert werden. Die meisten hatten das verfallende Anwesen schon aufgegeben, als Frau Ursula Gemein im Jahre 1987 die Liegenschaft mit verschiedenen Auflagen des Denkmalschutzes erwarb.

Der Abschluß der Restaurierungsarbeiten, die von Herrn Dr. Custodis vom Landesamt für Denkmalschutz in Mainz begleitet wurden, gibt Gelegenheit, der Geschichte des Anwesens nachzugehen.

Bau und Bauherr

Das Haus in der Ankergasse, die früher „Grabengasse“ hieß, ist 1780 erbaut bzw. fertiggestellt worden. Das ergibt sich aus der Jahreszahl über dem Sturz der Haustür. Neben dieser Angabe finden sich im Türsturz der christliche Sinnspruch „Nicht Spot mit Gott“, ein Herz sowie die Buchstabengruppen F-F-B und M-G-R. Die gleichen Buchstaben sind auch im Schlußstein des Torbogens eingemeißelt, der die Ankergasse überspannt. Hier finden sich weiter das Bild eines Ankers sowie die Jahreszahl 1781. Der Torbogen ist offensichtlich erst kurz nach dem Haus fertiggestellt worden.

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Der alte Zustand in neuem Glanz: Das Wirtzsche Haus.

Zur Frage, wer Haus und Torbogen errichtet hat, schweigen die alten Ortsunterlagen. Es lag nahe, in den beiden Buchstabengruppen in Sturz und Schlußstein die Initialen der Erbauer zu vermuten.

Der entscheidende Hinweis auf die gesuchten Namen fand sich im Überwinterer Urkataster von 1829: Obwohl erst rund 50 Jahre nach der Erbauung des Hauses angelegt, waren dort als Eigentümerdes Grundstücks Grabengasse „Fer-dinand Faßbender Wittib Erben“ verzeichnet. Die Abkürzung M-G-R ließ sich sodann mit Hilfe deraltenKirchenbücherderKatholischen Pfarrgemeinde Oberwinter entschlüsseln: Maria Gertrudis Ringels, seit dem 20. Oktober 1768 mit Faßbender verheiratet. Nach den Kirchenunterlagen ist der Bauherr am 4. November 1732 in Oberwinter geboren. Da das Oberwinte-rer Taufregister den Namen der Ehefrau nicht nennt, können wir davon ausgehen, daß sie „von auswärts“ stammte.1) Dieser Ehe entstammten 10 Kinder, 6 Mädchen und 4 Jungen.2)

Das Aussehen des Hauses

Bei dem Gebäude handelt es sich um einen zweistöckigen Verputzbau mit gewalmtem Mansardendach und einem kleinen Mittelgiebel.3‚ Das Haus hat sein Aussehen zur Rheinfront hin in den vergangenen 200 Jahren nicht verändert. Wir sind in der glücklichen Lage, über eine Zeichnung aus den „Kindertagen“ des Anwesens zu verfügen. Am 9. Februar 1784 hat nämlich der Geometer Michael Haßelbeeck, der für das Kölner Stift „Maria im Capitol“ tätig war, den seinerzeit vollständig zugefrorenen Rhein vor Oberwinter „zum Denkmale“ gezeichnet.

Am linken Bildrand erkennt man – neben der „Bleiche“ – unschwer das Wirtz’sche Haus mit dem charakteristischen Mansardendach und seinem Giebel.

Gut ist auch zu erkennen, daß das Anwesen unmittelbar am Rhein lag (die heutige Situation wurde erst später künstlich geschaffen). Vom Wasser war es nur durch den schmalen Lein(en)pfad getrennt. Der über das Eis gezeichnete Fußweg mündet in den Torbogen Ankergasse. Leider istdas Original dieserZeich-nung verschollen.

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Der Rhein war 1784 – wie alte Chroniken berichten – wochenlang zugefroren. Ende Februar „ging er auf“. Ein plötzlicher Temperaturanstieg und heftige Regenfälle ließen das Wasser auf eine bislang nicht wieder erreichte Höhe ansteigen. Zur Erinnerung an dieses „Jahrtausendhochwasser“ ließ man in einem Eichenbalken über den Torbogen den Hinweis anbringen:
1784 HAT TAS WASSER HIER GESTANDEN, DEN 29. FEBRUARIUS.

Die erste Nutzung des Anwesens

Aus alten Oberwinterer Unterlagen4) ergibt sich, daß das Anwesen als „Gasthaus zum Anker“ genutzt wurde. Es soll insbesondere von den Rheinhalfen, die mit ihren Pferden die Schiffe rheinaufwärts treidelten, besucht worden sein. Halfen und Schiffer konnten sich also ab 1780 im neuen „Gasthof zum Anker“ einquartieren, der wegen seiner Lage nicht zu übersehen war. Auch für die Tiere war gesorgt: sie wurden in dem Anwesen, das heute der Familie Blumenberg gehört, untergebracht. Zu den Stallungen wurde, vom Rhein her, ein neuerWeg angelegt, der noch heute „Pferdeweg“ heißt. Im Blumen-bergschen Hause hat sich ein Teil dieser Stallungen erhalten. Das Zeichen des Ankers findet sich übrigens auch im Schlußstein des 1779 errichteten Torbogens am Pferdeweg 5.

Es fällt auf, daß der „Gasthof zum Anker“ südlich der Grabengasse und damit außerhalb der alten Oberwinterer Befestigungsanlagen errichtet worden ist. Faßbender hat als Gastwirt, der Schiffer und Halfen unterbringen wollte, den Platz am Rhein mit Bedacht gewählt. Dabei hat er in Kauf genommen, die – relative – Sicherheit der Mauern zu verlassen. Die schlimmen Kriegswirren des 17. und des beginnenden 18. Jahrhunderts waren gottlob vorbei und es ging – wirtschaftlich – wieder bergauf. Auch die Stallungen am Pferdeweg wurden außerhalb des Grabens gebaut. Trotz allem hat Faßbender den Eingang zum Gasthof nicht zur Landseite, sondern geschützt zur Grabengasse hin eingerichtet. Den Durchgang zur Grabengasse vom Rhein aus hat er schnellstmöglich (1781) durch die Toranlage verschlossen. Denkt man sich schließlich die Aufschüttungen fort, die später durch Hafen- und Straßenbau verursacht sind, so bemerkt man, wie hoch die Fenster des Erdgeschosses zum Rhein und zum Leinpfad hin liegen. Faßbender hat offensichtlich nach dem bewährten Grundsatz gehandelt: sicher ist sicher!

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Oberwinter vor dem Bau des hafens und der Umgehungsstraße nach Louis Krevel (c. 1850, linkds das Wirtzsche Haus mit seinem Torbogen)

Die Geschäfte mit den Rheinhalfen scheinen guten Gewinn abgeworfen zu haben: Wie sich aus den Eintragungen im Überwinterer Urkataster ergibt, standen 1829 nach seinem Tod (1809) nicht nur das Gasthofsgrundstück im Eigentum von „F. Faßbender Wittib Erben“, sondern auch die Stallungen am Pferdeweg. Auch das in der Rheinfront liegende Haus (heute „Am Jachthafen“ Nr. 8) zählte zu seinem Besitz.

Den Wein für die durstigen Halfen- und Schifferkehlen hat Faßbender mit hoher Wahrscheinlichkeit selber produziert. Ein sicherer Hinweis dafür ergibt sich aus der Katasterkarte, die der bereits erwähnte Geometer M. Haßelbeeck 1789 für das Stift Maria im Capitol gefertigt hat. Haßelbeeck hatte seinerzeit ein Verzeichnis aller Parzellen, die zum Überwinterer Marienhof gehörten, anzufertigen.

Faßbender ist dort als Nachbar einer Wein-bergs-Parzelle des Stiftes verzeichnet, die in der Gemarkung „Im Speerbaum“ (südlich der Lage „Im Friedrichberg“) liegt. Auch die Baulichkeiten am neuen Hause, insbesondere dertiefe, gewölbeartige Keller, sind in Oberwinter typisch für eigenen Weinbau. Wie lange Faßbender beziehungsweise seine Witwe Maria und seine Kinder das Gastwirtsgewerbe ausgeübt haben, ist nicht überliefert.

Ein Hinweis dazu findet sich lediglich in der Postchronik Oberwinters5): Dort ist ein Gastwirt Faßbender (ohne Vorname) als „Postexpediteur“ für die Zeit vom 1.9.1850 bis zum 1.2.1851 verzeichnet. Dabei dürfte es sich um einen Sohn oder Enkel Ferdinands gehandelt haben. Da in unserem Ort das Postamt bis 1925 im Wohnhaus des jeweiligen Postexpediteurs untergebracht war, hat das Wirtz’sche Haus kurzfristig, bis zum „freiwilligen Ausscheiden“ Faß-benders, auch als Überwinterer Postamt und Relaisstation für die Postpferde gedient.

Niedergang des „Gasthofs zum Anker“

So günstig die Lage des Hauses am Leinpfad zunächst auch war, die Uhr lief unerbittlich gegen das Unternehmen. Seit den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts revolutionierten die Dampfschiffe den Verkehr auf dem Rhein. Diese Schiffe fuhren aus eigener Kraft bergauf, brauchten also nicht mehr getreidelt zu werden. Das ging schneller und war erheblich billiger als der Gütertransport mit von Pferden gezogenen Schiffen.

Die sich durchsetzende Dampfschiffahrt und die Fertigstellung der linksrheinischen Eisenbahn in den 50er Jahren dürften zum endgültigen „Aus“ des Gasthofs zum Anker geführt haben. Um ihre Arbeitsplätze besorgte Oberwinter sollen damals vom Ufer aus Dampfschiffe beschossen haben.6) Grund genug dafür dürften wohl auch „Ferdinand Faßbender Wittib Erben“ gehabt haben…

Spätere Eigentümer des Anwesens

In der Zeit nach 1850 ist das Hausgrundstück in der Grabengasse ins Eigentum Wilhelm Ho-sters gekommen, über den ich leider keine näheren Informationen finden konnte.7)

1876 findet sich in den Sinziger Grundakten der Eintrag, daß die Liegenschaft von Johann Georg Wolf erworben worden ist. Wolf, 1820 in Wetzlar geboren, war 1840 in die einzige Lehrerstelle an der kath. Volksschule in Oberwinter eingewiesen worden. Möglicherweise hat Wolf schon vor 1876 in der Grabengasse gewohnt.8)) Lehrer Ludwig Pfahl hat seinen Vorgänger Wolf in der Schulchronik91 als fähigen und „sehr energischen Herrn“ beschrieben. Zur näheren Illustration führt er aus, Wolf habe ein „strenges Schulregiment“ geführt. Wegen seiner harten Strafen sei er von sehr vielen angefeindet worden. „Schikanen aller Art. selbst Mißhandlungen kamen vor“. Noch heute wird im Ort erzählt, Wolf habe als Strafarbeit die älteren Schüler besonders gern mit Graben und Unkrautjähten auf seinem Grundstück beschäftigt.

Seine Witwe Agnes – geb. Hattingen – überlebte ihn noch einige Jahre. Im Jahre 1900 ging das Haus ins Eigentum seines Neffen Heinrich Joseph Schloesser über, da die Ehe Wolf kinderlos geblieben war.

In die Wolfsche Zeit fällt die wohl bedeutendste Landschaftsveränderung Oberwinters: der Bau des Hafens in den Jahren von 1888 bis 1891.10)) Wie wichtig diese Maßnahme gerade für das Haus Grabengasse 8 war, machen alte Oberwinterer Ansichten deutlich; lag es doch in unmittelbarer Nähe zum Rhein. Jedes Hochwasser und jedes Rheineis „nagten“ am Leinpfad und an der Bausubstanz.

Der Bau des schützenden Hafendamms ist von den Oberwintern, unabhängig von den wirtschaftlichen Vorteilen eines Hafens, als Schutz empfunden worden, auch wenn sich die Aussicht auf Wasser und Schiffe verschlechterte.

Durch Erdanschüttungen konnte gerade vor dem Haus Grabengasse zusätzliches Land gewonnen werden. Ein Teil wurde für die neuen „Rheinanlagen“-die ehemalige Lindenallee und heutige B9 – verwandt. Den Rest erwarben die Anrainer als Gartenland.

Praxis Sanitätsrat Dr. Felix Wirtz

Der Eigentumswechsel von Wolf auf den Oberwinterer Kolonialwarenhändler Heinrich Joseph Schloesser führte zu einer ganz andersartigen Nutzung des Hauses: Der Arzt Dr. Felix Wirtz heiratete im Jahre 1900 Schloessers Tochter Gertrud und verlegte noch im selben Jahr seine Praxis in das schwiegerväterliche Anwesen in der Grabengasse.

Dr. Wirtz stammte aus Lengsdorf bei Bonn. Nach seiner medizinischen Ausbildung war er in den neunziger Jahren als Landarzt nach Oberwinter gekommen. Er war der erste in Oberwinter niedergelassene Arzt. Bis zu seiner Heirat hatte er im heutigen Haus „In den Gärten 7″ praktiziert.11)

Über 50 Jahre lang – bis 1952 – hat Dr. Wirtz nicht nur die Menschen in Oberwinter und an der Rheinschiene zwischen Godesberg und Remagen, sondern auch Patienten in Unkelbach, Ödingen sowie große Gebiete des ..Ländchens“ medizinisch versorgt. Bis in die Zeit nach dem 1. Weltkrieg zählten auch Scheuren und Rheinbreitbach auf der anderen Rheinseite zu seinem „Bezirk“.

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Beim Rheinhochwasser vom 16. Januar 1910: Der Torbogen des Wirtz’schen Hauses (l.) vom Wasser „geschlossen“

Die Erinnerung an sein langjähriges Wirken im Ort wird nicht zuletzt daran sichtbar, daß das Anwesen Ankergasse 8 noch heute das „Wirtz’sche Haus“ genannt wird.

Zwei seiner Kinder haben das Haus noch bis 1976 bewohnt. Danach stand das Anwesen viele Jahre lang leer. Die Frage der Rettung der alten Bausubstanz, in die auch die Denkmalschutzbehörden eingeschaltet waren, war Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre wiederholt Gegenstand von Diskussionen und Presseberichten. 1987 ist die gesamte Liegenschaft auf Frau Ursula Gemein übergegangen.

Viele – auch skeptische – Stimmen waren seinerzeit zu hören. Ich glaube, die inzwischen verwirklichte Lösung kann sich sehen lassen: das wunderschön sanierte Wirtz’sche Haus und der Neubau im alten Garten, der – wenn auch im Volumen viel größer – Stilelemente des alten Hauses aufnimmt.

Möge dem Wirtz’schen Haus, seinen Eigentümern und Bewohnern eine glückliche Zukunft beschieden sein.

Anmerkungen:

  1. vgl. Kirchenbücher der kath. Pfarrgemeinde Oberwinter. 1702-1798, Bistumsarchiv Trier: für diesen Hinweis danke ich Herrn B Blumenthal
  2. Das ursprüngliche Monogramm M G R Im Torbogen ist • wohl von späterer Hand – ergänzt worden. Dem M ist ein J“ angefügt, dem G ein „P“ und dem R wohl ein ..V“ Es ist denkbar, daß diese Änderungen auf den ältesten Sohn Ferdinand Faßbender. Johannes Petrus, * 7 Juni 1770, zurückgehen. In alten Quellen wird die Familie Faßbender häufig auch mit „V“ geschrieben, so daß sich auch die Ergänzung des „R“ um ein „V“ erklären ließe.
  3. vergl. P. Clemen, Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, Kreis Ahrweiler, 1938, S 492 f.
  4. Schulchronik Nr. 1 der Kath Volksschule Oberwinter, o. Jahr, angelegt von Hauptlehrer L. Pfahl
  5. Heinz Schmalz, Zur Postgeschichte von Oberwinter, unveröffentlichtes Manuskript, o. Jahr
  6. vgl. Sebastian, Festschrift zum 800jährigen Jubiläum der Pfarrei Oberwinter, Oberwinter 1931. S. 49.
  7. Mündliche Auskunft von Herrn Strohe, Katasteramt Sinzig.
  8. Die Chronik der Stadt Remagen berichtet über ein Hochwasser im März 1862: „Das Innere des Häuschens von Lehrer Wolf in Oberwinter, worin der Bäcker Maldaner pachtweise wohnte, stürzte zusammen“. Vgl, Chronik der Stadt Remagen von 1813 • 1879, veröffentlicht von Klaus Flink in RIGOMAGUS 3. 1972, S. 30.
  9. vgl. Anmerkung 4
  10. vgl dazu im einzelnen, B. Blumenthal, „Hafen Oberwinter 1891-1991″, 1991. S. 13f1
  11. Mündliche Mitteilung von Herrn Karl Wirtz, Oberwinter