Leben und Tod in zwei Jahrzehnten von 1846 – 1866 in der alten Stadt Ahrweiler

Leben und Tod in zwei Jahrzehnten von 1846 – 1866 in der alten Stadt Ahrweiler

Josef Müller

Zahlenangaben überGeburten, Trauungen und Sterbefälle werden von besonderem Interesse, wenn sie einen längeren Zeitraum umspannen und dabei einen Vergleich mit der Jetztzeit erlauben. Dem Schreiber dieses Einblicks in die Bevölkerungsentwicklung der ehemaligen Stadt Ahrweiler standen die „Bevölkerungslisten der Bürgermeisterei Ahrweiler von .1846 -1866“ zur Verfügung, aus denen das Zahlenmaterial geschöpft und ausgewertet werden konnte. Da für das Jahr 1854 keine Angaben festzustellen waren, ist so ein Zeitraum von genau 20 Jahren im vorigen Jahrhundert erfaßt. Zur Bürgermeisterei Ahrweiler gehörten Ahrweiler, Bachern und Walporzheim sowie ein Teil von Marienthal.

Geburten

In diesen Jahren betrug die weibliche Geburtenzahl 1038 und die männliche 1177, zusammen also 2215 Geburten. Uneheliche Kinderwurden 72 Knaben und ebenso 72 Mädchen, insgesamt also 144 Kinder, geboren. InderGesamtgeburtenzahl waren 78 männliche und 53 weibliche Totgeburten registriert. Diese Zahlen entsprechen zusammengezählt einem Prozentsatzvon etwa 6 v. H. Sie müssen als ausgesprochen hoch bezeichnet werden. Von den 2215 Geburten waren 25 Paare „Mehrgeburten“ (Zwillinge), davon 6 Paare weiblichen und 11 Paare männlichen Geschlechts. 8 Paare hatten verschiedenes Geschlecht.

Die Jahre 1847 und 1850 hatten mit je 80 Geburten die niedrigste und das Jahr 1863 mit 134 Geburten die höchste Geburtenzahl.

Trauungen

Der Standesbeamte von Ahrweiler konnte in dem genannten Doppeljahrzehnt 398 Paare, im Durchschnitt also jährlich 20 Paare, trauen. Dabei schlössen im Jahre 1852 nur 9 Paare, im Jahre 1862 aber 31 Paare den Bund fürs Leben. Im Jahre 1952 heirateten, um einen Vergleich zu ziehen, 54 und im Jahre 1953 86 Paare.

Sterbefälle

Die Gesamtzahl der Sterbefälle belief sich von 1846 – 1866 auf 1651, im Jahresdurchschnitt auf etwa 83 Sterbefälle. Der Geburtenüberschuß betrug demnach 564. Das Jahr 1850 verzeichnete mit 69 die wenigsten und das Jahr 1860 mit 109 Toten die meisten Sterbefälle.

Sehr interessant ist aber folgende Zahl: In der Stadt Ahrweiler starben vor dem vollendeten ersten Lebensjahre 385 Kinder, eine verglichen milden heutigen Sterbefällen erschreckend hohe Säuglingssterblichkeit. Welches Eltern- und besonders Mutterleid hinter dieser Zahl steckt, kann sich der Leser selber vorstellen. Die 385 gestorbenen Kinder waren etwa 23 v. H. aller Sterbefälle vor 120-150 Jahren in der Stadt Ahrweiler. Von den z. B. 127 im Jahre 1859 geborenen Kinder starben 31 wieder bereits vor dem vollendeten ersten Lebensjahre. Das war etwa ein Viertel. Damit war allerdings auch der Höhepunkt dieser Entwicklung erreicht.

Nicht vergessen werden darf die Zahl der Totgeburten. In dem Doppeljahrzehnt wurden noch 78 männliche und 53 weibliche Totgeburten registriert. Mit den vorhin erwähnten 385 gestorbenen Kinder vor dem vollendeten ersten Lebensjahre muß die Zahl von 131 Totgeburten hinzu gezählt werden. l nsgesamt waren es also 516 Kinder, die das erste Lebensjahr nicht vollenden konnten.

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Todesanzeige aus: „Rhein- und Ahrbote. Kreisblatt für die Kreise Ahrweiler und Adenau 1862“

Nach der Statistik über die Bevölkerungsentwicklung von 1846 -1863 – die Bevölkerungslisten sind dann verändert worden, weshalb nur ein Überblick und Vergleich bis 1863 möglich ist – starben im 1. – 3. Lebensjahre 134 Kinder, vom 3. – 5. Lebensjahr 64 Kinder. Danach sinken die Zahlen etwas. Erst vom 45. – 50. Lebensjahr steigen sie wieder an. Vom 70. – 75. Lebensjahr starben 67 Personen, vom 75. – 80. Lebensjahr 57 Personen, vom 80. – 85. Lebensjahr 24 und über 85 Jahren wurden nur noch 25 Personen als gestorben gezählt. Es ist dabei zu erkennen, daß die Lebenserwartung heute ganz anders aussieht, da die Zahl derer, die 85 Jahre und älter sind, immer größer wird, wenn sie sterben.

Todesursachen

Aufschlußreich sind die Todesursachen. So heißt es in den Bevölkerungslisten „Das natürliche Lebensziel haben erreicht und sind an Entkräftung gestorben“ insgesamt 99 männliche und 131 weibliche Personen, zusammen also 230. Durch besondere Unfälle haben in dem Doppeljahrzehnt 5 Menschen durch Selbstmord, 15 durch allerlei Unfälle und 2 Personen durch die Pocken das Leben verloren.

Die weitaus größte Zahl von Sterbefällen wurde durch „innere, hitzige, akute Krankheiten“ verursacht: nämlich 316 Personen, und 788 Personen wurden durch „innere langwierig-chronische Krankheiten“ verursacht. Durch „schnelltödliche Krankheitsfälle, Blut- Steck und Schlagflüsse“ starben 55 Personen und durch „äußere Krankheiten und Schäden“ 48 Personen.

Die Bevölkerungslisten von Ahrweiler geben den Wortlaut der einzelnen Todesursachen und Krankheiten wie folgt an: „Zu den in der Schwangerschaft und im Kindbett Gestorbenen sind zu zählen: Eklampsie der Schwangeren und Gebärenden, Verblutung bei und nach der Entbindung, Wochenbettfieber“.

„Zu den an inneren, akuten Krankheiten Gestorbenen sind zu zählen: Cholera, Ruhr, Typhus, Wechselfieber, Scharlach, Masern, Keuchhusten, Rotzkrankheit, sporadisches gastrich-ner-vöses Fieber, akuter Rheumatismus, Rothlauf, Zellgewebsverhärtung der Kinder, Brechdurchfall (sporadische Cholera, Durchfall der Kinder), Entzündung des Gehirns, Entzündung der Luftröhre (häutige Bräune), Entzündung der Lunge und der Pleura, Entzündung: des Herzens, des Baufells, der Leber, der Harnwerkzeuge, der Geschlechtsorgane, der Blutgefäße (Phlebitis)“. „Zu den an inneren chronischen Krankheiten Gestorbenen sind zu zählen: Organische Krankheiten: des Gehirns, des Rückenmarks, des Herzens, der großen Gefäße, der Lungen, der Leber, des Magens und des Darmkanals, sonstige organische Krankheiten des Unterleibs, Scorbut, Blutfleckenkrankheit, Wassersucht, Gicht, Steinkrankheit, Harnruhr, Scrofeln und Rachitits, Lungenschwindsucht, Krebs, chronische Vergiftung, Entkräftung, Zehrfieber, selbständiger Starrkrampf (Tetanus, Trismus der Kinder), Epilepsie der Kinder, Säufer-Wahnsinn, andere Geisteskrankheiten“. „Zu den durch plötzliche (schnell tödliche) Krankheitszufälle Gestorbenen sind zu zählen: Ge-hirnschlagfluss, Lungen- und Herzschlag, Nervenschlag (tödliche Ohnmacht), Ruptur eines inneren Organs“.

„Zu den an äußeren Krankheiten Gestorbenen sind zu zählen: Caries und Nekrose, chronische Entzündung der Gelenke, Brucheinklemmung, Carbunkel, Wasserkrebs (Noma), Hospitalbrand, Altersbrand, Vereiterung des Zellgewebes, tödlicher Ausgang von chirurgischen Operationen (Verblutung usw.)“. Das ist die genaue Beschreibung der Krankheiten in den erwähnten Bevölkerungslisten.

Quellen:
„Die Bevölkerungslislen der Bürgermeisterei Ahrweiler“ Der „Bericht über die Verwaltung und den Stand der Kreiskommunalangelegenheiten des Kreises Ahrweiler – Kalenderjahr 1930“.

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Die Ahrweiler Niederhut, Lithographie von J. D. Glennie, 1841