Kleintierhaltung auf engstem Raum – Des kleinen Mannes Tierhaltung in und nach dem Zweiten Weltkrieg

Kleintierhaltung auf engstem Raum

Des kleinen Mannes Tierhaltung in und nach dem Zweiten Weltkrieg

Manfred Becker

Ohne die Kleintierhaltung war das Leben der ärmeren Volksschichten in – und nach den Kriegszeiten nicht denkbar. So war die Kleintierzucht auch in Kempenich und Umgebung in hoher Blüte, da sie zum Überleben unentbehrlich war. Auch meine Oma „Grit“, eine Frau ohne Furcht und Tadel, seit Anfang des ersten Weltkrieges Witwe, bei der ich lebte, hatte eine Menge Kleintiere. Dies war auf dem Lande nichts Ungewöhnliches. Nur muß man wissen, daß das Wohngrundstück meiner Oma – auf dem zeitweise bis zu sechs Menschen lebten-insgesamt nur 73 qm groß war. Wohnhaus, Stallung und Heustall stellten eine Gebäudeeinheit dar. Das Wohnhaus besaß 2 Zimmer von jeweils 12 qm und 2 Zimmerchen von jeweils 6 qm. Vor dem Hof war ein großes geschlossenes Holztor. Auch das kleine Eingangstürchen blieb immer geschlossen, damit die Hühner nicht auf die Straße liefen. Im Hof wurde das Holz gelagert. Hier befanden sich auch Trockenabort, Jauchegrube und Mistplatz. Gleichzeitig waren im Hof die Kaninchenkästen untergebracht. Vom Hof aus konnte die kleine, ca. 15 qm große Stallung begangen werden. Über der Stallung lag ein winziger Abstellraum; über dem Hof der Heu- und Strohspeicher.

Für die Haltung von Kleinvieh war es wichtig, daß man einige Wiesen und Felder besaß. Diese hatte meine Oma in ausreichender Menge. Unter Mithilfe eines Landwirtes wurden die Felder von uns bestellt. Roggen – bei uns Korn genannt – wurde gesät, um Mehl für das tägliche Brot zu erhalten. Hafer war für Hühner, Kaninchen und Schweine wichtig sowie auch für die Milchziegen.

Ein Acker wurde imm’er mit Kartoffeln bestellt. Die großen Kartoffeln für uns Menschen, die kleinen Kartoffeln für die Schweine und Ziegen.

Die Gartenabfälle wurden ebenfalls für die Fütterung der Tiere verwandt. Grünfutter für die Kaninchen und die Ziegen wurde an den Wiesenrainen geschnitten, im sogenannten „Niemandsland“. Meine Oma schnitt das Grünzeug mit der Sichel und trug die Bürden auf dem Kopf heim, so wie die Frauen in der Dritten Welt dies heute noch praktizieren. Sie trug oft bis zu 7 Bürden Heu oder Grünfutter am Tag nach Hause. Heu oder Grummet (2. Schnitt) wurden entweder auf dem Kopf heimgeschleppt oder aber mit dem Handwagen transportiert. Der Durchschnittsbestand an Kleintieren bei meiner Oma waren 2 Ziegen, 1 Schwein, etwa 20 Hühner und 10-15 Kaninchen.

Schweinehaltung

Gewöhnlich wurden im Jahr 2 Schweine gezogen und geschlachtet. Im Frühjahr kam das erste Ferkel in den Stall. Entweder wurde dies beim Bauern – wenn dieser einen Wurf Ferkel hatte – oder aber das Tierchen wurde beim reisenden Ferkelhändler gekauft. Dabei handelte Oma bis zum „es geht nicht mehr“. Erst wenn der Preis ihr günstig erschien, wurde per Handschlag der Handel perfekt. Es kam schon mal vor, daß ein Ferkel einging, aber das war recht selten. Das Schwein wurde bis vor Weihnachten gemästet. Dann kam die Hausschlachtung. Lang Albert, ein Metzger aus dem Dorf, tauchte eines Tages, meist gegen Abend, bei uns auf, mit geheimnisvollen Schlachtwerkzeugen. Bei der Schlachtung durfte ich nie anwesend sein. „Dies ist nichts für kleine Kinder“, pflegte meine Oma zu sagen. Nach der Schlachtung aber hing das Schwein an der Leiter zum Heuboden. Es duftete nach frischem Fleisch und man freute sich auf die erste Mahlzeit.

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Nach einigen Tagen wurde das Fleisch in einer großen Holzbütt gepökelt, also eingesalzen. Nach etwa 4 Wochen kam das Pökelfleisch in den Rauchfang. Selbst hatten wir kein „Röches“ – mußten also bei einem Bauern mit in den Rauchfang hängen. Schinken und Speck schmeckten ganz vorzüglich. So wie damals hat mir Fleisch nie wieder gemundet. Der Speck, wenn er gut ausgetrocknet war, wurde auf das Schwarzbrot gelegt; natürlich dünn geschnitten. Dazu gab es die frische Milch der Ziegen. Der Schinken wurde in Leinensäcke eingepackt und hing auf dem Speicher, oder in Omas Stube. Im Haus durtete es oft nach gewürztem Schinken. Heimlich schlich ich mich oft zum Speicher und schnitt mir ein Stück des Schinkens ab. Doch gab es nie Tadel von der Oma, denn gutes Essen bedeutete für sie gutes Leben, und gerade um die Jugend war Oma besonders besorgt.

Das Schönste am Schlachtfest war das Wurstmachen. Hausmacherblut- und Hausmacherleberwurst waren eine Delikatesse. Den Rest der Wurst, nämlich die „Hätzelmännche“, die Miniwürste, bekamen wir Kinder und wir waren glücklich darüber.

In der Kriegszeit waren Hausschlachtungen bei schwerster Strafe verboten. Dies war jedoch kein Hindernis. Es wurde weiter geschlachtet. Eine Anzeige hat es meines Wissens nie gegeben, obwohl man öfters von Anzeigen hörte. Das Schlimmste an der Schweinehaltung war der Mist. Es stank bestialisch in der ganzen Wohnung. Aber man hatte sich daran gewöhnt, denn es roch überall so, außer beim Pastor, beim Arzt oder beim Lehrer.

Ziegenhaltung

Meine Lieblingstiere waren die Ziegen. Diese durfte ich immer mit zur Weide führen, wo dann mehrere Kinder Ziegen hüteten. Bei schönem Wetter waren wir außerhalb der Schulzeit immer in der Natur. Im Frühjahr gingen wir zunächst mit den Ziegen in den Wald, wo die Tiere sich an dem jungen Grün gütlich taten. Diese Art der Weidewirtschaft war zwar verboten und wir hatten deswegen öfters Ärger mit dem Förster. Aber wir waren doch meistens mit den Tieren im Wald. Wir ließen die „Jäße“ frei laufen und spielten dann „Räuber und Gendarm“. Waren die Ziegen satt, so zogen sie heimwärts, denn sie kannten den Heimweg genau. Abends fielen dann zwar harte Worte, weil man auf die Tiere nicht aufgepaßt hatte. Aber es änderte sich nichts. Manchmal machten wir auch Wettrennen mit den Ziegen. Ein Junge lief vor, dann liefen alle Geißen hinterher. Welche Ziege zuerst an einem bestimmten Ort ankam, die hatte das Rennen gewonnen. Oma wunderte sich dann immer, wenn die Ziegen abends keine Milch mehr gaben.

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Am Fest des heiligen Michael, nach dem 29. September, kam die Zeit der „Preisweide“, d.h., jetzt war der Grummet eingebracht und die Wiesen waren offen für die Beweidung. Die Bauernsöhne hüteten dann die Kühe auf diesen Flächen und wir, die Kinder der Ziegenbauern, gesellten uns dazu. Dann spielten wir oder es wurden Gruselgeschichten erzählt.

In den Bächen wurden Forellen gefangen und überm Feuern gebraten. Dies war zwar verboten, aber das kümmerte uns wenig. Oft gab es auch Froschschenkel; eine besondere Delikatesse. Auch wurden im Feuer Kartoffeln gebraten; in Feuernähe auch Äpfel. Für uns Jugend-

liehe war der Herbst die schönste Jahreszeit. Im Herbst wurden die Ziegen dann zum Bock geleitet. Bei uns im Dorf war Peter Dahm der Vatertierhalter, den alle „Vater Dahm“ nannten. Wir durften die Tiere bis zum Hoftörchen begleiten, dann mußten wir verschwinden, denn beim geheimnisvollen Akt durften wir Kinder nicht anwesend sein. Im Frühjahr, so ab Mitte April, kamen dann die Zicklein zur Welt. Es ist schon vorgekommen, daß wir in einem Jahr 4 und 5 Jungtiere hatten. Diese Zeit war für mich nie erfreulich, weil ich dann auf die Ziegenmilch verzichten mußte, die für die Aufzucht des Ferkels und der „Zickelche“ benötigt wurde. Hatten die Geißlein ein gewisses Alter erreicht, wurden sie geschlachtet. Dies war meistens um Kempenicher Maikirmes. Ein Zickelchen mußte wir allerdings zurückhalten, bis die Familie Klaes nach Kem-penich kam. Die Familie Klaes kam von Ahr-brück und brachte Karussell, Schiffschaukel und Schießbude nach Kempenich, zum Kirmesplatz und Jugendheim. Hier wohnten auch wir und die Kirmesleute waren eine Woche lang unsere Nachbarn. Natürlich gab es für das Zikkel auch Freikarten für Karussell und Schiffschaukel und dies brachte für mich besondere Freude. Das „Zeckeisfell“ wurde ausgetrocknet und mit Stroh und Heu ausgestopft und diente am Kirmesdienstag als „Kirmesbock“.

In Kempenich wurde noch bis in die 60er Jahre die Kirmes begraben und das junge Böckchen diente als Symbol der Kirmes. Die Kempenicher werden ja „Zeckel“ genannt.

Kaninchen

Possierliche Haustiere waren die Kaninchen. Von diesen hatten wir immer einige Kästen voll. Im Frühjahr, sobald der Löwenzahn, oder wie wir sagten, die „Ketteschöpp“, aus der Erde lugten, ging es hinaus, um Kaninchenfutter zu holen. Das ganze Jahr über bereiteten die Kaninchen eine Menge Arbeit. Die Kästen mußten immer sauber sein. Die Futtersuche ging von April bis Oktober und die Tiere hatten einen guten Appetit, so daß man als junger Mensch immer seine Arbeit hatte. Unangenehm war nur, daß die Kleintiere – die Kaninchen besonders -Ratten anzogen. Diese fraßen oft mit den Hühnern aus einem Topf. Es war nicht zu vermeiden, die Ratten drangen auch ins Haus, so daß man ständig Rattenfallen aufstellen mußte.

Hühner

Wir hatten immer eine große Anzahl an Hühnern, die jedoch nie die Straße zu sehen bekamen, es sei denn, daß Hoftor war nicht geschlossen. Im Frühjahr saß immer ein Glucke auf dem Nest. Oft lagen bis zu 14 Eier unter der Henne. In dieser Zeit mußte es immer ruhig zugehen im Hof, damit die „Glucks“ nicht erschreckt wurde. Dann kamen so um Ostern die niedlichen gelben und braunen „Glückelchen“ zur Welt und bald gab es Hähnchenfleisch. Noch heute für mich ein Alptraum.

Wir hatten immer frische Eier. Dies war das einzig Gute an den Hühnern, denn ihr Fleisch und die Hühnersuppe mochte ich nicht.

Aus heutiger Sicht betrachtet waren es eigentlich keine Notzeiten, denn die Menschen auf dem Lande hatten immer ihre Mahlzeiten, wenn auch harte Arbeit mit der Kleintierhaltung verbunden war. Für uns Kinder war es jedoch eine schöne, erlebnisreiche Zeit, an die ich noch heute voller Glück zurückdenke.

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