Papagena im Brohltal

Papagena im Brohltal

Roswitha Niethammer

Nach dem Kaffeetrinken sagt Kathrin: „Komm, laß uns noch einen Spaziergang mit dem Hund machen, bevor ich wieder heimfahre.“

Ich liebe diesen Weg, der entlang des kleinen Bachlaufs, unter dichten Bäumen hindurch, an Schafweiden und Feldern vorbeiführt, bis sich das Tal öffnet und den Blick über die Hügel zur Burg Olbrück freigibt. Es ist einer dieser letzten schönen Sommertage, und wir gehen gemächlich, denn die Sonne brennt noch heiß vom Himmel. Wir sind ins Gespräch vertieft, der Hund trödelt hinterher.

An einer Abzweigung bleiben wir wie angenagelt stehen. Einige Meter vor uns sitzt mitten auf dem Weg ein leuchtend bunter Papagei und pickt Grassamen auf. Kathrin schnallt sofort den Hund an; ich ziehe mein Shirt aus und bewege mich gebückt langsam auf den Vogel zu, locke leise: „Lora… Lora…“. Noch zehn Schritte, noch fünf, das ausgebreitete Shirt wurfbereit. Der Papagei läuft vor mir her. Nach dreißig Metern habe ich ihn fast, da fliegt er hoch auf einen Kirschbaum. Vorbei! Ich ziehe das Shirt wieder an.

Wir lassen uns am Feldrain nieder und beobachten ihn. Ich bin sicher, daß er wieder herunterkommt, da er einen ziemlich verhungerten Eindruck macht. Und wirklich, nach kurzer Zeit fliegt er auf den Weg zurück und frißt weiter. Jetzt gibt es nur eine Möglichkeit: im Eiltempo nach Hause, um Kolbenhirse von den Wellensittichen und eine Gardine zu holen, mit meinem Wagen zurückzufahren, um unser Glück noch einmal zu versuchen.Mich hat das Jagdfieber gepackt. Bei der großen Krähenplage in diesem Gebiet hätte der Papagei wenig Chancen, am Leben zu bleiben. Fallen sie doch sogar über neugeborene Lämmer her. Bleibt nur zu hoffen, daß nicht gerade jetzt die Jungs der Umgebung mit Mopeds wieder ihre Fahrkünste auf dem Feldweg ausprobieren und den Vogel verjagen. Wir lassen den Wagen mit dem Hund auf dem Seitenstreifen stehen und pirschen uns vorsichtig an die Wegbiegung. Der Vogel sitzt noch da. Ich werte die Kolbenhirse in die Nähe, er stürzt sich darauf und frißt. Wir breiten die Gardine aus und nähern uns ganz langsam. Ich mahne leise:

„… noch nicht… warte noch … eins, zwei… aber jetzt!“ Bingo – wir haben ihn! Er flattert, verbeißt sich in den Stoff, aber ich lasse nicht los und trage das zappelnde Bündel zum Wagen.

Kathrin fährt, zwischen meinen Füßen liegt die Gardine mit Inhalt, der Hund sitzt hinten. Eine Minute später ist der Teufel los. Der Papagei hat sich befreit und geistert im Wagen herum, der Hund bellt wie besessen, Kathrin schreit. Ich hole den Hund nach vorn, klemme ihn zwischen die Beine. Endlich läßt sich der Papagei hechelnd, mit ausgebreiteten Flügeln auf der Lehne der Rückbank nieder. So kommen wir zu Hause an. Ich schubse schnell den Hund aus dem Wagen, zwänge mich vorsichtig durch die halbgeöffnete Tür und bitte die Nachbarn im Vorgarten um einen Karton. Wir bohren Löcher in die Seite und mit vereinten Kräften gelingt es, den verstörten Vogel erneut zu fangen und da hineinzubugsieren. Sicherheitshalber kleben wir den Karton zu. Nochmal soll uns der Papagei nicht entkommen.

Ich telefoniere mit der Zoohandlung in Bad Neuenahr und frage nach einem Papageienkäfig. Sie haben einen da, aber das Geschärt schließt gleich. Nach einer kurzen Erklärung hat man ein Einsehen und verspricht, auf uns zu warten. Wir preschen über die Autobahn, gottlob ist der Verkehr erträglich.

Wir bekommen einen großen, schweren Käfig, müssen fünfzig Mark für ihn hinterlegen und eine wöchentliche Miete dafür zahlen. Ganz schön teuer! Was wirfür ein Exemplar gefangen haben, läßt sich bei Durchsicht eines Exotenka-taloges leider nicht feststellen. Wohlversorgt mit Papageienfutter fahren wir zurück.

Kathrin schleppt den Käfig, in dem endlich der Papagei auf der Stange sitzt, auf die Terrasse und wuchtet ihn auf den Gartentisch. Wir sinken erschöpft auf die Stühle und beobachten zufrieden unseren Fund. Der bunte Kerl ist wirklich sehr verhungert. Er frißt hintereinander zwei große Apfelstücke, trinkt und macht sich über das Futter her. Dabei packt er geschickt Erdnüsse, Sonnenblumen- und Kürbiskerne mit einem Fuß und spuckt die Schalen aus dem Käfig. In kurzer Zeit ist der Tisch damit übersät. Welchen Dreck ein einzelner Papagei verursachen kann, sollte ich noch zurGenügeertahren. Kathrin verabschiedet sich und meint: „Das war mal eine schöne, rührende Familienszene!“ Ich bleibe mit meiner Menagerie zurück: zwei Wellensittiche, Hund und Papagei. Der Papagei spricht nicht, dafür pfeift er und zwar durchdringend. Immer vier- oder fünfmal denselben Ton hintereinander. Ich pfeife zurück, er antwortet prompt. Der Hund zerfetzt sich vor Eifersucht, drückt sich an meine Beine und fiept, will dauernd gestreichelt werden.

Der mächtige Käfig wirkt wie ein Fremdkörper in meiner Wohnung. Ich räume ihn von hier nach dort, bis ich mich endlich entschließe, meinen Frühstücksplatz in der Küche mit Koko – so habe ich den Findling genannt – zu teilen. Da kann er zum Fenster hinaussehen und hat Gesellschaft von den Wellensittichen, die über ihm hängen. Am nächsten Tag schlage ich eine Telefonschlacht, benachrichtige die Artenschutzbehörde der Kreisverwaltung, sämtliche Zoohandlungen der Umgebung und den Vogelfreundeverein in Sinzig. Niemand weiß, wo das Tier herkommt, aber ich soll unbedingt die Nummer des Ringes herausfinden, den Koko trägt. Das ist leichter gesagt als getan. Ich greife lieber nicht in den Käfig, denn ich habe großen Respekt vor Kokos Krummschnabel. Ein Bekannter verspricht mir zu helfen. Ich warne ihn, er solle besser Handschuhe anziehen, aber er meint, warum denn, das geht auch so, und hat prompt den Schnabel schmerzhaft tief im Daumen sitzen. Beim zweiten Anlauf mit Handschuh gelingt es dann. Während sich Koko im Leder festbeißt, entziffern wir die Ringnummer. Ich teile sie überall mit, lasse aber auch durchblicken, daß ich den Vogel nur dem rechtmäßigen Besitzer zurückgebe. Mit Exoten werden oft üble Geschäfte gemacht. Auch an die Ringsuchstelle in Langen schreibe ich einen ausführlichen Brief. Jetzt heißt es abwarten.

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Blaßkopfrosella

Nun ist Koko schon vierzehn Tage bei mir. Er hat sich prächtig erholt. Ich pfeife mit ihm um die Wette, bis ich keine Spucke mehr habe. Der Hund hat sich längst an das Gepfeife gewöhnt. Bei gutem Wetter wuchte ich den Käfig nach draußen. Aus den umliegenden Gärten pfeifen die Nachbarn munter mit, was Koko zu Höchstleistungen anspornt.

Er frißt viel Obst und Mohren. Ich säubere den Käfig täglich, um Wespen zu vertreiben, die sich an den heruntergefallenen Apfel- und Pfirsichstücken gütlich tun und in zunehmendem Maße meine Küche bevölkern. Holunderbeeren hänge ich Koko nur einmal in den Käfig. Einmal und nie wieder. Die Reste pappen am Fenster, an der Tapete, breitgetreten am Boden, auf meinem Kopf und im Hundefell.

Koko erzieht mich zu einer putzsüchtigen Hausfrau. Ich kehre laufend seinen Dreck zusammen, sauge die Teppiche in der ganzen Wohnung ab, da der Hund Koko bei der Verbreitung der Schalen, Spelzen und Federn bereitwillig hilft und alles breitträgt.

Inzwischen kann ich durch Bekannte einen Käfig kostenlos geliehen bekommen. Ich hole ihn ab, quartiere Koko um, starte erneut und bringe den gemieteten in die Zoohandlung nach Bad Neuenahr zurück. Dort vertiefe ich mich noch einmal in ein Exotenhandbuch und finde endlich die Lösung: Koko gehört zu einer Papageienunterart und ist ein Blaßkopfrosella. Schon der Name zergeht einem auf der Zunge! Ich lese, daß diese Vögel sehr badefreudig sind, und erstehe ein Badehaus für zweiunddreißig Mark. Koko badet begeistert, die Küche schwimmt. Hauptsache, dem Vogel geht es gut.

Als sich nach drei Wochen immer noch niemand gemeldet hat, setzt die Artenschutzbehörde der Kreisverwaltung eine Annonce in mehrere Zeitungen: Papagei sucht Besitzer. Nun steht das Telefon nicht mehrstill. Dauernd rufen Leute an, die ihren Liebling vermissen. Nur suchen alle, die anrufen, einen Graupapagei oder einen Nymphensittich, keiner einen Blaßkopfrosella. Eine Dame weint sogar am Telefon. Ihr Graupapagei ist schon vor Monaten verschwunden. Sie hat Handzettel verteilt, Bilder von ihm ausgehängt. Erfolglos. Was war das für ein liebes Tier! Wenn sie heimkamen, empfing er sie mit den Worten: „Na, bist du endlich wieder da.“

Nach fünf Wochen erhalte ich am Abend einen interessanten Anruf. Ein Mann aus Nieder-dürenbach will genau wissen, wie Koko aussieht und seit wann er bei mir ist. Dann erklärt er mir, daß er zu dieser Zeit einen ähnlichen Vogel in seinem Garten gefangen und zu einem Nachbarn in dessen Exotenvoliere gebracht hat. Ich lasse mir die Adresse geben und fahre sofort hin. Es ist auch ein Blaßkopfrosella, nur nicht so farbenprächtig wie Koko. Also ein Weibchen. Schnell werde ich mit dem Vogelfreund einig. Was liegt näher, als das Pärchen zu vereinen. Die Voliere ist groß und gut ausgebaut. Als wir Kokos Käfig öffnen, gesellt er sich ganz selbstverständlich zu seiner Artgenossin und pfeift aus Leibeskräften. So, als wollte er sagen: „Wo hast du dich denn herumgetrieben? Hoffentlich bis du nicht fremdgeflogen!“