Der Komponist Tilo Medek

Der Komponist Tilo Medek

Hildegard Ginzler

Schon der Anfang war musikalisch. Als sich am Bad Kreuznacher Bahnhof der Komponist und Kammermusiker Willy Müller-Medek und die Haushaltsangestellte Rosa Gewehr zum ersten Mal begegneten, verabredeten sie gleich ein Wiedersehen. Er lud sie zum Konzert ein, und sie sagte zu. Die Heirat in Rudolstadt bekräftige ihre Verbindung, aus der 1940 in Jena der Sohn Tilo hervorging, einer der bekanntesten zeitgenössischen deutschen Komponisten. Im Juli 1977 siedelte Tilo Medek von der DDR in die Bundesrepublik über, war mit seiner Familie von 1980 bis 1985 in Unkel zu Hause und blickt seitdem von der Rheinhöhe in Oberwinter auf den Strom.

„Machen Sie einen Vorschlag“, sagt er, als ich ihn um einen Gesprächstermin bitte. „Da mich eigentlich jeder Besuch stört, können Sie kommen, wann Sie wollen“, eröffnet er mir mit entwaffnender Logik.1) Zehn Jahre wohnte Medek im 1959 vom Reederwilly Deichmann erbauten Haus, bevor er es erwarb. Deichmann hatte den Bau dreiflügelig anlegen lassen, um von allen Seiten den Rhein sehen zu können. Der Aussicht und der Wohnfläche von 450 Quadratmeter wegen also eine äußerst großzügige Behausung. Wird man durch freischaffendes Komponieren – das ist Medeks Profession seit 1962 – reich? Der Schein trügt da wohl. Zwei Wohnungen sind vermietet und abbezahlt wird das Haus „post mortum“ sein. Denn die Situation auf Medeks Arbeitsmarkt hat sich in Zeiten gedrosselter Finanzen sehr verschlechtert: „Das Auftragswesen ist so rückläufig, daß ich schon leicht irritiert bin. Wenn ich das geahnt hätte, wäre ich vor Jahren als Professor an die Hochschule gegangen.“

In der Wohnküche lassen die 50er Jahre schön grüßen. Rosa, gelb und hellblau verstreut die Original-Einbauküche ihrtypisches Kolorit. Bauchiges blaues Steingutgeschirr setzt seine behagliche Ausstrahlung dagegen. Zum Haushalt gehören die Ehefrau Dorothea Medek, Theater-wissenschaftlerin und Autorin, die 13jährigen Zwillinge Clara und Mendel, früher auch Tochter Mirjam, Saskia und Anna Langhoff aus Dorothea Medeks erster Ehe. Feste Grundsätze gibt es bei den Medeks, aber keine Dogmatik. So sollen die beiden Jüngsten eine gute Ausbildung genießen, und nachdem das Gymnasium Nonnenwerth lieber katholische Schüler sieht, wählten die Eltern, konfessionslos wie ihre Kinder, für sie eine Privatschule in Bad Godesberg, wenn die auch Schulgeld kostet. Schöne alte Möbel neben schnöden Hängeschränken, solche Stilbrüche sind für den Komponisten praktikabler Einrichtungsalltag. Der Hang vieler zur Komplettmöblierung findet er „spießbürgerlich“. Erwill in den Räumen schließlich leben und kein Museumsbesucher im Eingemachten sein.

„Mit starker Musiknähe“ wuchs Medek, der zuerst Geiger werden wollte, auf. Bis zum Abitur (1959) genoß er bereits eine vielseitige musikalische Ausbildung, studierte von 1959 bis 1964 an der Humboldt-Universität in Ostberlin Musikwissenschaften und an der Deutschen Hochschule für Musik Komposition bei Rudolf Wagner-Regeny. Drei weitere Jahre (bis 1967) war er an der Akademie der Künste dessen Meisterschüler. Im Vergleich zum musikwissenschaftlichen West-Niveau, meint Medek rückblickend:

„Die Anforderungen in der DDR waren nicht so hoch.“ Eine stärkere Reglementierung erleichterte wohl das Studium. Andererseits brachte die allgegenwärtige Normierung im SED-Staat auch einen Hürdenlauf für den jungen Komponisten mit sich. Die musikalische Produktion blieb nicht verschont von „andauernden Kontrollen, ob das alles ideologisch einwandfrei war. Wenn sie ein individueller Typ sind, kamen sie früh in Konflikte.“ Er hat es erfahren. 1968 brachte ihm allein die Tatsache, daß er häufig nach Prag reiste, Ärger ein, rückte ihn in verdächtige Nähe zum Prager Frühling.

In Medeks Brief an Erich Honecker vom 10. Juni 1977 heißt es: „Diffamierungen und Enttäuschungen wechseln seit 10 Jahren: Schrieb ich 1967 Lenins .Dekret über den Frieden‘, wurde es im gleichen Jahr (nach der Uraufführung in der Ostberliner Komischen Oper, H.G.) verboten; als das selbe Stück 1968 in Amerika ausgezeichnet wurde, meldete das ,Neue Deutschland‘ dies am 1. September 1968 in seiner Spalte ,Aus dem Kulturleben‘.“ Neun Wochen darauf stellte das gleiche Blatt das „Dekret“ und die „Battaglia alla turca“, ebenfalls aus Medeks Feder, in Zusammenhang mit den Ereignissen in der Tschechoslowakei. Es seien Werke, „die mit der kritiklosen Übernahme späterbürgerlicher Kompositionsmittel auch ideologisch uns fremde Tendenzen einführen“.2) Die Zusammenarbeit mit Medek wurde boykottiert. Es spricht für seine Energie und seinen Widerspruchsgeist, daß es ihm im Jahr des Verbots gelang, die genannten Stücke ausgerechnet in Moskau im Allunionshaus der Komponisten zur Aufführung bringen zu lassen. Auf das Programm hatten ihn damals die heute weltberühmten Komponisten Alfred Schnittke und Edisson Denisson gesetzt. Das „Dekret“ wurde international gespielt, nur in der DDR kam es nie mehr zu Gehör. Inzwischen, so glaubt Medek, sorgt die Zeitgeschichte für nachlassendes Interesse: „Mit der Abwicklung revolutionärer Modelle sind auch die kritischen Stücke darüber abgewickelt.“

Der Komponist Tilo Medek.

Künstlerische Freiheit untergrub das andere Deutschland in geradezu absurderweise. Reisefreiheit fand nicht statt. Man verweigerte Medek etwa 1967 den Besuch der Holländischen Musikwoche, die seine „Todesfuge“ (nach Paul Celan) uraufführte – nicht ohne ihm eine Möglichkeit zum Einlenken einzuräumen. Der Verbandssekretär Nathan Notowicz riet zu einer Textkorrektur. Statt wie bei Celan „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ solle es besser „Der Tod ist ein Meister aus Westdeutschland“ heißen. Nach Wolf Biermanns Konzert in Köln (1977) bürgerte die DDR ihren bekanntesten Liedersänger aus, was zu einem Sturm der Entrüstung auf beiden Seiten der Mauer führte. Viele DDR-Künstler protestierten mit ihrer Unterschrift gegen das Vorgehen, unter ihnen Medek. Der Effekt trat umgehend ein. Rundfunksendungen, früher wöchentlich, wurden eingestellt, geplante Projekte abgeblasen. „Man konnte sich ausrechnen, wohin das führt.“ Dermaßen und durch das Gerücht, er habe einen Reiseantrag gestellt, „weich gemacht“, darüber hinaus Unwillens, seinen Widerspruch zurückzunehmen, wie manch andere, blieb ihm nur noch die Flucht nach vorn. In dem Schreiben an Honecker machte erseinem gesammelten Überdruß Luft über unzumutbare Wohnungsverhältnisse, Reisebehinderungen, Gesinnungsschnüffelei und künstlerische Gängelei. Die Stellungnahme war so definitiv, daß er die DDR verlassen durfte – nach dem Schauspieler Manfred Krug und vor der Schriftstellerin Sarah Kirsch.

Medek komponierte für alle Genres, ohne sich auf bestimmte Gattungen und Besetzungen festzulegen. Er schrieb etwa die Oper „Katharina Blum“ (H. Böll), das Melodram „Die betrunkene Sonne“ (S. Kirsch), die Kantate „Gethsemane“ (R. M. Rilke), Konzerte, Sinfonien, Klavier- und Kammermusik, Lieder und Chöre. Von ihm gibt es Bühnen-, Film- und Hörspielmusik, Herausgaben und Aufsätze, musikwissenschaftliche Rundfunkbeiträge, Buch- und Schallplattenbesprechungen. Er erhielt ab 1967 verschiedenste Auszeichnungen3) und war 1994 Ehrengast an der Deutschen Akademie in Rom (Villa Massimo).4) Seit 1982 existiert der Musikverlag Edition Tilo Medek. Durch die musikalische Weichenstellung in der DDR wurde er ein traditions-bezogener Komponist. Moderne Musik, die nur geschulte Hörer anspricht, produziert Medek nicht. Im Gegenteil: „Er macht es einem leicht, seine Musik unvoreingenommen auf sich wirken zu lassen“, urteilt der Leiter der Kreismusikschule Ahrweiler, Manfred Knoll, erfreut darüber, eine solche Kapazität im Kreis zu wissen. „Medek erinnert an klassische Themen und würzt sie modern, er beschreitet einen harmonischen Weg, bezieht auch die klangmalerische Seite mit ein“, so Knoll.5)Seine Kontaktaufnahme zum Komponisten hat bereits Früchte getragen: beim Musikschulkonzert (10. November 1996) in der Trinkhalle des Kurparks Bad Neu-enahrwird neben anderen Werken Medeks „Die Betrunkene Sonne“, ein bei Kindern beliebtes Melodram, in einer Klavierfassung als Uraufführung zu Gehör gebracht.

Als sich herausstellte, daß die Originalfassung für das Musikschulorchester zu schwierig war, bearbeitete Medek das Werk eigens für die Schulaufführung erneut.

Medek komponierte auch schon einen Gitarrenzyklus für die Musikschule des Rhein-Lahn-Kreises, die Koblenzer Musikschule studierte in der Altenahrer Naturjugendherberge eines seiner Nonette ein. Ihm, dessen Stücke weltweit renommierte Solisten und Orchester aufführen, ist es wichtig, „nahe am Humus, bei den Musikschulen und Laien, zu bleiben“.6) Sein Schaffen ist vielfältig inspiriert von seiner jeweiligen Umgebung. An der „Bares-Orgel“ von St. Peter in Sinzig entstanden in einer Nacht die Skizzen zu den „Schnurrpfeifereien“ (UA 1979 in Sinzig). Das Orgelstück „Unkeier Fahr“ (UA 1981 in Unkel) schrieb Medek indes auf Naxos, im erhaben gelegenen Zentralraum des venezianischen Hauses einer Gräfin Barozzi. Ein fließender, ein besinnlicher und ein tangoartiger karnevalesker Teil verkörpern tönend den Rhein, die seltene Stille und den einmal im Jahr ausbrechenden Übermut. Nach Gedichten von Günter Eich, die dieser im Kriegsgefangenenlager Goldene Meile verfaßte, komponierte Medek „Kriegsgefangen“ für Tenor und Kammerensemble.

Er sei „verzweigt interessiert“, sagt Medek von sich. Wohl war, das beweisen die meterlangen deckenhohen Bücherregale ebenso wie die zahlreichen kuriosen Schlenker in unserem Gespräch, das sich unversehens auf vier Stunden ausdehnte. Aber aus der Themenfülle seiner Werke lassen sich doch Schwerpunktinteressen herausschälen. Die Geschichte wird manches Mal zitiert, Politik ist präsent und die Ökologie berührt ihn wie auch die Volkskultur einfacher Leuter oder Minderheiten, erkennbar etwa in seinem jüngsten Werk, der Sinfonie Nr. 3 „Sorbische“, die nachdrücklich auf das kleinste slawische Volk der Sorben verweisen will. Es gibt etwas Grundsätzliches, das allen diesen Interessen innewohnt: aufrichtige Anteilnahme. Sie gründet sich auf Medeks Neugier am Gegenüber. Das ist zunächst mal seine Frau, „mein wichtigster Partner“ und der Nachwuchs, „der Kinderbestand schafft auch einen Blick in die Umwelt und die verschiedenen Bezogenheiten“. Da sind Freundschaften mit anderen Künstlern, dem Leipziger Maler Heinz Zander, dem Maler Boris Birger, der die Tochter Clara unterrichtet – „an jedem Bild das er malt, nehme ich Anteil“ – die Verbindung mit dem Dichter Erich Arendt, mit dem berühmten Cellisten Siegfried Palm und die Freundschaft mit Heinrich Böll. Als Tilo Medek das Manuskript zu diesem Portrait gegenliest, kommt plötzlich Sturm auf. Ehefrau Dorothea stürzt nach draußen, denn ihre Tomatenpflanzen drohen umzukippen. Es versteht sich von selbst, daß Mann, Tochter und Besucherin ihr im Regen zur gemeinsamen Rettungsaktion nacheilen. So gehört eben alles zusammen, Kunst und die kleinen notwendigen Dinge, Arbeit und Freunde, Abheben und Zupacken. Reagieren – es ist eine Freude, Tilo Medek dabei zuzuschauen.

Anmerkungen:

  1. Alle nicht anders ausgewiesenen Zitate, sind Äußerungen Medeks beim Gespräch 16.8.1996 in seinem Haus auf der Rheinhöhe.
  2. Tilo Medek: Brief an Erich Honecker, In: europäische ideen, Heft 89, 12-15, 1994,
  3. Nach Sonderprospekt Edition Tilo Medek Remagen Rheinhöhe:
    Internationaler Komponistenwettbewerb der Stiftung Gaudeamus, Holland 1967 (Todesfuge), State University of New York 1968 (Das Dekret über den Frieden). Opernwettbewerb DDR 1969 (Einzug), Friedrich-Kuhlau-Wettbewerb der Stadt Uelzen 1970 (Kühl, nicht lau. Nr. 2 aus den Lesarten an zwei Klavieren), 22. Tribüne internationale des Compositeurs der UNESCO, Paris 1975 (Kindermesse), Prix Folklorique de Radio Bratislava 1975 (Derschwere Traum), Prix Danube in Bratislava 1977 für KRO-Niederlande-Aufzeichnung der Kindermesse, Ernst-Reuter-Preis (zusammen mit Dorothea Medek. 1982), Tilo Medek ist Gründungsmitglied der Freien Akademie der Künste Mannheim. 1992 war er Ehrenkomponist des 8, Festival International des Choeurs d’Enfants in Nantes
  4. siehe dazu: Tilo Medek: Ein Sommer in der Villa Massimo, in: Der Köln-Bonner Musikkalender, Nr. 92, 12. 14. 1994.
  5. Telefonat am 20.8.1996.
  6. Volker Höh: „Ich möchte mit meiner Musik gern bei den Menschen sein“, in: Rhein-LaUn-Kreis Heimatjahrbucn. 105-107, 1989.