Zeppeline über der „Goldenen Meile“

Das für den 2. August 1909 in der Presse angekündigte historische Ereignis über die erste Ankunft eines 136 Meter1)lenkbaren Luftschiffes mit der Typenbezeichnung LZ 5, unter dem Namen „ZU“ fahrend, wurde von der hiesigen Bevölkerung volksfestartig mit viel Spannung und Spektakel aufgenommen. Vielerorts hatten sogar Musikkapellen an der Flugroute Aufstellung genommen, um dieses Ereignis mit Musik, Glockenläuten und Böllerschüssen entsprechend zu feiern.

Die „ZU“, mit ihrem Eigengewicht von 13 Tonnen und einer Nutzlast von 4,712), wurde am 31. Juli 1909 vom Bodensee nach Frankfurt gefahren, um auf der damaligen ILA (Internationalen Luftfahrtausstellung) nochmals gezeigt zu werden. Der Flug zu dem neuen Standort Köln erfolgte am 2. August durch den Erfinder, den ehemaligen Kavalleriegeneral Ferdinand Graf von Zeppelin (8.7.1838-8.3.1917)4) selbst und führte rheinabwärts über Bingen, Koblenz und Weißenthurm. Von hier aus kämpfte sich der aus 17 Traggaszellen mit einem Gesamtvolumen von 15.100 Kubikmetern Wasserstoff gefüllte5) Zeppelin bei äußerst schlechtem Wetter bis zur Erpeler Ley durch, wo er jedoch machtlos gegen die Eishagelschauer und Sturmböen bis nach Andernach abgetrieben wurde. Wegen seiner maximalen Höchstgeschwindigkeit von 49 km/h konnte er gegen die widrigen Winde bis zu maximal 20 Sekundenmetern (= 72 km/h) nicht mehr anfahren6). Daraufhin drehte er zum Ausgangspunkt Frankfurt ab7). Weit über eine Stunde hatte der Kampf über der Sinziger und Remagener Flur um sein Vorankommen gedauert. Zeitzeugen in Kripp erkannten deutlich das Hin- und Herschlagen der umspannten aus Baumwollstoff leicht verletzlichen Außenhülle über dem Aluminiumgerippe, das jederzeit zu zerreißen drohte8). Nur haarscharf entging der Luftriese einer Katastrophe, als er durch die Unbilden der Naturgewalten bis annähernd 20 Meter an die schroffe Felswand der Erpeler Ley gedrückt wurde9). Die Kripper staunten nicht schlecht, als sie erstmals die gigantischen Ausmaße eines Luftschiffes sahen, und Jubel entbrannte ringsum bei den auf den Bergkuppen mit Tüchern winkenden angesammelten Menschen, als sie in den Luftriesen in Zigarrenform mit dem Surren der motorschwirrenden Propellergeräuschen wahrnahmen10). Anschaulich beschrieben wird dieses Szenario vor der Erpeler Ley von einem Reporter auf dem Victoriaberg in Remagen: „Der Kampf des Luftschiffes gegen die von Nordwesten heranbrausenden Sturmböen, denen man am Steuerruder durch Höhersteigen, Seitwärtsfliegen und wieder Herabsinken zu begegnen suchte11), wird als ergreifend schöner Anblick gepriesen. „Der Anblick des vor dem Leyfelsen eineinhalb Stunden gegen die Naturgewalten ankämpfenden Luftriesen, der sich mitunter von der Sonne grell beleuchtet gegen die schwarzen Gewitterwolken abhob, mußfaszinierend gewesen sein, zumal die ganze Zeit über dem Siebengebirge hohe Gewitterstürme standen12).

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Zeppelin über Remagen, 1920er Jahre

Ein erneuter Startversuch in Frankfurt am 3. August scheiterte an einem zerborstenen Propeller. Nach einer Reparatur konnte am 5. August die Fahrt fortgesetzt werden13). Gegen 7.15 Uhr überfuhr das Luftschiff erneut den Luftraum der Goldenen Meile bei Kripp, blieb aber für die wartende Kripper Bevölkerung wegen starken Nebels unsichtbar14).

Voller Begeisterung vermerkte der Kripper Bürger G. Valentin die Einzelheiten in seinem Tagebuch:

„Am 2ten August 1909 kam Graf Zeppelin mit seinem Luftschiff von Frankfurt kommend über unseren Ort geflogen. Er wollte nach Köln, mußte aber im Remagener Flur die Weiterfahrt wegen plötzlich eintretenden starken Sturmes (West-Nordwest) aufgeben undfuhrwieder nach Frankfurtzurück. Es war großartig, wie derselbe so langsam gegen den Sturm ankämpfte und wir hatten Zeit genug, denselben in der Fahrt zu beobachten. Auf vielen Bergkuppen hatten sich hunderte Schaulustige schon am Morgen eingefunden, bis er gegen 4 Uhr erst ankam. Er hatte unterwegs viel mit widrigen Winden zu kämpfen. Am 5ten August kam derselbe morgens 7 Uhr 15 wieder hier vorbei, konnten aber wegen des starken Nebels nichts sehen. Wohl hörten wir das Heulen der Motoren. Er flog mit einer sehr großen Geschwindigkeit, denn viertel nach 8 Uhr war er schon in Köln15).

Spontan beschloß der Gemeinderat von Erpel, auf der 191 Meter hohen Erpeler Ley einen Gedenkstein zur Erinnerung an die Sturmfahrt zu errichten. Von dieser Ehre erhielt Graf von Zeppelin am 4. August 1909 telegraphisch Kenntnis. In einem persönlichen Handschreiben vom 13. August 1913 bedankte sich der Graf bei der Ortsgemeinde Erpel für ihre Idee16). Auf dem Plateau der Erpeler Ley wurde ein Jahr später ein sich heute noch dort befindlicher Gedenkstein zur Erinnerung an die erste Fahrt eines Luftschiffes in unserem Gebiet aufgestellt, die infolge widriger Witterungsverhältnisse Ereignisse auch hier endete. Die Inschrift des 2,40 Meter hohen und 100 Zentner schweren, oberhalb der ehemaligen Ludendorffbrük-ke stehenden Monolithen lautet: „Gedenkstein der ersten Fahrt eines lenkbaren Luftschiffes über den Rhein, Sturmfahrt SR. EXL. des Grafen von Zeppelin mit ZU am 2ten August 1909. Gewidmet von der Gemeinde Erpel17).

Zwei Wochen später, am 19. August, überfuhr erneut ein Zeppelin, das Luftschiff LZ 6, ein Schwesterschiff des „ZU“, das bereits mit stärkeren Motoren ausgerüstet war, das Gebiet der Goldenen Meile.

In der Folgezeit gewöhnten sich die Menschen in unserer Region allmählich den Anblick weiterer Luftschiffe18).

Die Entwicklung der Luftschiffe schritt weiter fort. 20 Jahre später, am 3. Oktober 1929, überfuhr das legendäre Luftschiff LZ 127, „Graf Zeppelin“ mit 70 Gästen an Bord, gegen 15.00 Uhr den Ortsteil Kripp in Richtung Bonn. Anläßlich des Abzuges der Besatzungskräfte der Franzosen fuhr das Luftschiff „Graf Zeppelin“ nochmals in der sogenannten „Befreiungsfahrt“ am 6. Juli 1930 in Richtung Andernach an Kripp, Sinzig, Breisig und Brohl vorbei.

Am 29. März 1936 berührte „Graf Zeppelin19), bereits bekannt als Veteran der Lüfte, erneut den Luftraum der Goldenen Meile in Richtung Andernach. Gefolgt wurde es von dem größten Luftschiff der Welt, dem gigantischen Luxusdampfer der Lüfte, dem 240 Meter langen und 41 Meter im Durchmesser großen Luftschiff „Hindenburg“, das durch den Antrieb von 4 Dieselmotoren von je 1050 PS20) eine Geschwindigkeit von maximal 135 km/h erreichen konnte21) und bei dem der Namenszug und die Olympischen Ringe deutlich in den fünf olympischen Farben zu sehen waren22).

Quellen:

  1. Zeppelinmuseum Friedrichshafen, schriftt, Auskunft vom 6.8.1996
  2. ebda.
  3. ebda.
  4. Zeitungsbericht v. Theo Feiten, „Das werde ich nie vergessen“ in der Kirchenzeitung des Erbistums Köln, Nr. 30-31 vom 26,7,1970 wie Fußnote 1,
  5.  
  6. ebda.
  7. W. Sauerbrei. ..Zeppeline über Neuwied und Umgebung‘1 in Heimatjahrbuch Neuwied 1996
  8. Mündliche Angaben der Zeitzeugen Alois Ueberbach, geb. 1901 und Michael Schumacher, geb. 1902.
  9. Mündliche Auskunft des Heimatchronisten Willi Christmann, Erpe nach Rücksprache mit einigen Zeltzeugen.
  10. Tagebuch der Farn. Valentin, Kripp 1876-1920. Seite 18-19. desgl. mündl. Angaben wie Fußnote 8.
  11. wie Fußnote 4
  12. ebda.
  13. W. Sauerbrei, siehe Fußnote 2.
  14. ebda, degl. Valentin, siehe Fußnote 10.
  15. Valtenin, siehe Fußnote 10.
  16. Christmann. siehe Fußnote 9.
  17. ebda.
  18. Sauerbrei, siehe Fußnote 7.
  19. ebda,
  20. Zeppelinmuseum, Friedrichshafen, schriftl. Angaben von Dr. Meighörner v. 27.8.96 (Dr. Mgh/he),
  21. Zeitungsbericht v. Theo Feiten, siehe Fußnote 4
  22. wie Fußnote 20.

Literatur:

Heimatjahrbuch des Kreises Neuwied 1996, „Zeppeline über Neuwied und Umgebung“, von Woifgang Sauerbrei, S. 150-154, Tagebuch der Familie Valentin, Kripp, von 1876-1920. Seite 18-19. Überarbeitete Ausgabe von Willy Weis. Knpp, 1994, Bonner Rundschau vom 10,, 1988. ZA: „Der Querkopf wurde zum Nationalhelden“ von Peter Mittenzwei. General-Anzeiger Bonn vom 02,08.1989, ZA. „Wetter zwang Zeppelin zur Umkehr‘ Neuwieder Zeitung vom 02.08.1984, ZA: Als der Zeppelin in schweren Sturm geriet“.
Schrifttum des Heimatforschers Willi Christmann. Erpel, „Luftschiff, genannt Zeppelin, erstmals be Erpel am Rhein“, (Maschinenschriftliche Aufzeichnung) Schrifttum des Heimatforschers Willi Christmann, Erpel, „Hinweise zu den Ereignissen am 02.08.1909 und dem Zeppelin Gedenkstein auf der Erpeler Ley“. (Maschinenschriftliche Aufzeichnung)