Kinderspiele in der Eifel. Spiele und Freizeitverhalten im früheren dörflichen Leben

Die Freizeit mit Spiel und Spaß hat im heutigen Leben einen besonderen Stellenwert. Um sich die Veränderungen in diesem Bereich zu verdeutlichen, ist ein Rückblick in die Zeit von 1900 bis um 1950 sehr aufschlussreich.

Wie sah damals das Freizeitverhalten der Kinder aus? Welche Spiele wurden bevorzugt? Hatten Kinder genügend freie Zeit, um wirklich Kind sein zu können?

Meine Ausführungen zu diesem Fragenkomplex stützen sich auf Erzählungen von Mitbürgerinnen und Mitbürger in meinem Heimatort Antweiler/Ahr sowie eigene Erfahrungen meiner Kindheit in den 1930er und 1940er Jahren.

Arbeiten, Pflichten von Kindern

In den meisten Dörfern der Eifel wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem Landwirtschaft betrieben. Die Familien lebten in der Regel vom mehr oder weniger kärglichen Ertrag der Scholle. Da auch die Kinderzahl wesentlich höher war als heute, fünf oder mehr Kinder waren keine Ausnahme – spannte man die älteren Geschwister in den Arbeitsprozess auf dem Hof und im Haus ein, wo es eine Menge Arbeiten gab.

Ein ganz besonderes Vergnügen: Puppenwagen-Wettrennen in den 1950er Jahren

Das „Verwahren“ der jüngeren Geschwister gehörte in jedem Fall dazu. Aber auch in der Landwirtschaft halfen die Kinder natürlich mit. Beim Heumachen, bei der Getreide- und Kartoffelernte war ihr Arbeitseinsatz selbstverständlich. Alle Hände in der Familie wurden gebraucht, da fremde Arbeitskräfte meist nicht bezahlt werden konnten. Maschinen, die eine wesentliche Erleichterung gebracht hätten, gab es noch nicht oder sie waren für die Besitzer der kleinen Höfe in der Eifel nicht erschwinglich.

Die älteren Kinder halfen auch abends im Stall beim Füttern des Viehs. Es war zudem selbstverständlich, dass sie die Kühe und die Ziegen der Eltern oder anderer Dorfbewohner nach der Schule und in den Ferien hüten mussten.

Aus dem Studium alter Akten wird deutlich, dass die Lehrer mitunter große Schwierigkeiten hatten, einen normalen Unterricht durchzuführen; da vor allem im Sommer und zur Erntezeit Kinder in großer Zahl wegen der Mithilfe bei der Feldarbeit fehlten.

Während des Ersten Weltkrieges war die Arbeitskraft der Kinder in der Landwirtschaft besonders gefragt, da sich viele Väter an der Front befanden. Die Schulchroniken geben Auskunft darüber, dass die älteren Jahrgänge der Volksschulen auf dem Lande häufig unterrichtsfrei hatten, um bei der Ernte zu helfen. Zur Mithilfe im Haushalt wurden Schülerinnen sogar auf Antrag vorzeitig ganz aus der Schule entlassen.

Wenig Zeit zum Spielen

Neben diesen Verpflichtungen vieler schulpflichtiger Kinder, die auch noch Schulaufgaben zu erledigen hatten, blieb in der Regel wenig freie Zeit zum Spielen.

Im Winter gab es sicher einige Karten- und Brettspiele, die an langen Abenden zur Abwechslung vom Einerlei des Alltags beitrugen.

Im Sommer – so erzählten ältere Mitbürger – spielte man u.a. mit Steinen, Stöcken und anderen Gegenständen, welche die Natur bot.

Auch Rollenspiele waren beliebt. Hier und da gab es auch Kinderspielzeug, das aber meist nur für die jüngeren Kinder bestimmt war.

In den dreißiger und Anfang der vierziger Jahre hatte sich die Situation schon etwas geändert.

Es gab in dieser Zeit schon vermehrt Kinderspielzeug, aber auch nach wie vor viele Möglichkeiten, auf andere Weise die freie Zeit zu verbringen.

So war z. B. in Antweiler die dörfliche Struktur nicht mehr allein durch die Landwirtschaft bestimmt. Es gab in vielen Dörfern nunmehr auch Beamte, Handwerker, Arbeiter und Angestellte. Manchmal betrieben diese zusätzlich noch eine kleine Landwirtschaft oder man hielt sich Ziegen, die bei uns leicht spöttisch „Beamtenkühe“ genannt wurden.

Sicherlich gab es auch in diesen Haushaltungen Arbeiten, die Kinder verrichten muss-ten, z. B. Holz aufschichten, Schuhe putzen, Einkäufe und Besorgungen erledigen, bei der Hausarbeit helfen, spülen, abtrocknen u. s. w. Aber die landwirtschaftlichen Arbeiten fielen entweder ganz oder zumindest teilweise weg.

Daher konnten sich die Kinder aus diesen Familien am Nachmittag oder in den Ferien viel mehr dem Spiel und der persönlichen Freizeitgestaltung widmen.

Spiele im Freien

Es gab damals viele Möglichkeiten zum Spielen im Freien. Abgrenzungen wie Zäune oder Hecken waren selten, auch bestanden kaum Verbotszonen, wie heute z. B. oft auf gepflegtem Rasen. Nahezu alle Höfe und Anwesen standen offen. Man konnte beim Versteckspiel Höfe und Wiesen der Nachbarn überqueren und nutzen, sofern man keinen Schaden anrichtete.

Auch waren die Straßen und Plätze beliebte Aufenthaltsorte zum Spielen. Da es ja noch kaum Autoverkehr gab, waren sie auch noch nicht gefährlich.

Sobald die erste Frühlingssonne lockte, wurde fast nur noch draußen gespielt. Drinnen zu bleiben, galt in der Freizeit durchweg als Strafe.

Man vergnügte sich beim Seilchenspringen, Reifenschla­gen oder beim Hüpfkästchenspiel. Etwas größere Kinder übten sich im Stelzenlaufen. Dazu war schon eine gewisse Sicherheit erforderlich.

Jüngere Kinder spielten gerne mit Murmeln (Klicker). Auf den zum größten Teil noch nicht geteerten Dorfstraßen entstanden schnell kleine Löcher, die man „Klickerkäulchen“ nannte. Es ging beim Klickerspielen darum, durch geschicktes Zielen, den Mitspielern Klicker abzujagen und das eigene Klickersäckchen zu füllen. Damals betrachtete man ein gefülltes Klickersäckchen als großen Schatz, auf den man stolz war.

In jedes Klickersäckchen ge­hörte neben den einfachen Kugeln aus Ton zumindest eine große Glasmurmel, die sogenannte „Bomm“.

Bei kleineren Kinder waren häufig Kreisspiele beliebt, so z. B. das Spiel „Dreh dich nicht um, denn der Plumpssack geht um…“ Dabei ließ man einen Gegenstand, z. B. ein Taschentuch fallen. Derjenige, der es hinter sich vorfand, musste das Spiel auf gleiche Weise weiterführen.

Jungen und Mädchen spielten auf verschiedene Weise, obwohl es auch viele Gemeinsamkeiten gab, so beim Fangen, Verstecken oder beim Räuber- und Gendarm-Spiel, außerdem beim Häuschen-bauen oder beim Rollenspiel. Eines der beliebtesten Rollenspiele war „Mutter, Vater, Kind“. Die Rolle der Mutter begehrte man besonders. Das Kind zu spielen, kam dagegen der Wirklichkeit zu nahe und war daher ab einem gewissen Alter nicht mehr so beliebt.

Verstecken „Padu“

Ein beliebtes Versteckspiel in meiner Kinderzeit war „Padu“. Die Bezeichnung „Padu“ kommt vermutlich aus dem Französischen perdu = verloren. Dabei vergnügten wir uns oft mehrere Stunden lang. Einer musste an einem festgelegten Punkt zurückbleiben und bis zu einer bestimmten Zahl zählen. Die anderen versteckten sich währenddessen in den umliegenden Gehöften oder Schuppen. Vorher war noch eine „Anschlagstelle“ ausgemacht worden. Nun kam es darauf an, den Suchenden zu überlisten, um vor ihm die Anschlagstelle mit dem Ausruf „Padu“ zu erreichen! Konnten sich auch die anderen Mitspieler „freischlagen“, so musste der Suchende beim nächsten Spiel wiederum zurückbleiben und suchen. Im Laufe des Spiels dachten wir uns immer neue Verstecke aus. Meistens beendete das Läuten der Abendglocke das muntere Treiben. Dann mussten wir uns unverzüglich nach Hause begeben. Falls wir vom Lehrer nach diesem Läuten auf der Straße erwischt wurden, war am nächsten Morgen in der Schule eine Strafe fällig.

Ballspiele

In den dreißiger Jahren waren besonders bei den Mädchen Ballspiele aller Art in Mode. Bei den Jungen natürlich auch schon Fußball.

Mit Hilfe von Bällen konnte man verschiedene Spielvariationen ausüben. Das Raten von Städtenamen oder Vornamen in Verbindung mit Ballwerfen regte das Denkvermögen an und erforderte zugleich Geschicklichkeit beim Werfen, Fangen oder Ausweichen des gezielten Ballwurfs.

Ballspiele erfreuten sich großer Beliebtheit.

Eine sehr beliebte Spielvariation bestand im sogenannten „Zehnerlei“ oder „Fünferlei“. Jeder Zahl von 1 bis 10 oder 1 bis 5 war eine bestimmte Ballhandhabung zugeordnet. Dazu gehörte viel Übung, und man musste sich geschickt drehen und wenden, damit der Ball nicht zu Boden fiel. Geschah es dennoch, ging der Ball an die nächste Mitspielerin über. Auch Völkerball war damals ein sehr beliebtes Spiel der Mädchen, das meist vor dem Schulunterricht oder in den Pausen gespielt wurde.

Badefreuden

Im Sommer konnte man auch an der oberen Ahr Badefreuden erleben. Ein Schwimmbad gab es ja nicht. An heißen Tagen vergnügte man sich mit den Spielgefährten in oder an der Ahr, die an einigen Stellen so tief war, dass die Möglichkeit des Schwimmens bestand. Nach anfänglichen Schwierigkeiten erlernten die meisten diese Sportart von ihren Spielkameraden.

„Wintersport“

Im Winter gehörte das Schlittenfahren zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen. Damals gab es sehr strenge Winter. Daher konnte man dieses Vergnügen lange und intensiv ausüben. Vor allem das „Bob-Fahren“ war schon eine Art „gehobener“ Wintersport für uns. Die Besitzer eines Bobschlittens wurden regelrecht umlagert. Man bot ihnen an, den Bobschlitten den Hang heraufzuziehen, um einige Male mitfahren zu dürfen.

Bei anhaltender großer Kälte war die Ahr schließlich ganz zugefroren. Ich erinnere mich daran, dass sich dann nicht nur in Antweiler, sondern auch in anderen Orten an der Ahr, jung und alt auf dem Eis vergnügten. Vorher hatten die Erwachsenen natürlich ausprobiert, ob das Eis auch fest genug war, um dem einfachen Rutschen, aber auch dem Schlittschuhlaufen standzuhalten.

Nach solchen Vergnügungen draußen freuten wir uns auf das Spielen in der warmen Stube.

Spielen zu Hause

An langen Winterabenden holte man gerne Kartenspiele hervor. Zu den beliebtesten gehörte bei Kindern „Schwarze Peter“. Hatte man diese Karte leider erwischt, wollte man sie so schnell wie möglich wieder loswerden, manchmal auch mit Hilfe einer List.

Brettspiele wurden ebenfalls oft hervorgeholt. Zu den wichtigsten gehörten für uns: „Mensch ärgere dich nicht“, „Mühle“, „Dame“, „Halma“, in einigen Fällen auch „Schach“.

Bei diesen Spielen konnte man das Sozialverhalten in einer Gemeinschaft gut üben. Die Art und Weise, wie man sich beim Gewinnen und Verlieren benahm, spielte eine große Rolle. Sie machte auch prägnante Charakterzüge der Spieler deutlich. Eine „Niederlage“ musste tapfer hingenommen werden. Den jüngeren Geschwistern gegenüber war man großzügig und ließ sie ab und zu gewinnen, denn andernfalls verloren sie ja die Lust am Spielen.

Für die Mädchen war die Puppe wohl das begehrteste Spielzeug. Sie wurde zu den Weihnachtsfesten fast immer neu eingekleidet. Je nach Zahl der jüngeren Geschwister musste sie manchmal an die jüngeren weitergegeben werden, was für viele gerade bei so liebgewonnen Spielsachen nicht leicht war. Auch gehörte vielfach ein Puppenwagen dazu. Ein Kaufladen und eine Puppenküche bildeten aber schon die Ausnahme.

Laubsägearbeiten oder das Spielen mit Stabilbaukästen gehörten im Winter zu den Beschäftigungen der Jungen. Typisches Rollenverhalten von Jungen und Mädchen wurde eingeübt, worüber niemand weiter nachdachte, da diese Rollen ja noch nicht in Frage gestellt waren.

Der Zweite Weltkrieg, vor allem in seiner Endphase ab Herbst 1944, bedeutete auch für das gesamte Freizeitverhalten, einen tiefen Einschnitt. Der Aufenthalt im Freien war wegen Flieger-alarm und Bombenangriffen auch auf dem Lande immer weniger möglich.

Die Kinder wurden verstärkt zu Arbeiten herangezogen und waren auch in den Kampf ums tägliche Überleben einbezogen, ganz zu schweigen von den Verbrechen an den Kindern, die unter dem Krieg besonders leiden mussten. Denn sogar 14- und 15-Jährige wurden in der Endphase des Krieges noch zum Kriegsdienst mit der Waffe im sogenannten Volkssturm herangezogen.

In der Nachkriegszeit ging es dann vor allem darum, Nahrungsmittel für das Überleben zu organisieren und um das damit verbundene Anstehen in den Geschäften. Erst mit der Währungsreform im Jahre 1948 normalisierten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse und damit auch alle anderen Lebensbereiche.

Wert des Spielens

Spielen ist für das Kind eine wichtige Tätigkeit, die zur gesunden Entwicklung seiner Persönlichkeit unabdingbar ist. Dabei kann es der Phantasie und der eigenen Gestaltungskraft freien Lauf lassen. Es dient dem Abbau von Aggressionen und stärkt das Sozialverhalten. In der Hingabe an eine liebenswerte Beschäftigung kann das Kind sich ganz auf diese konzentrieren, sich entspannen und Ängste verlieren.

Früher stand vor allem das schöpferische Spiel im Zentrum. Da es wenig vorgefertigtes Kinderspielzeug gab und viele Kinder anderweitig auch noch sehr beansprucht wurden, mussten sie sich ihren Freiraum oft selbst gestalten. Die eigene Initiative verhalf ihnen, auch mit geringen Mitteln und einfachen Gegenständen zu spielen. Ideenreichtum war gefragt. Diese Form des selbst bestimmten Spielens war von Vorteil für die Entwicklung des Kindes und der Bewährung im späteren Leben.

In der sogenannten „guten alten Zeit“ wurden viele Kinder durch körperliche Arbeit sehr beansprucht. Der Rückblick auf diese Kindheit lässt aber auch diese heute sagen, dass es eine schöne Zeit war. Die Las-ten und Beschwernisse, die es ohne Zweifel gegeben hat, werden vergessen. Aber das Einssein mit der Natur, die vielen Möglichkeiten des Spiels im Freien und die Zufriedenheit damit waren ein Geschenk, dessen man sich auch noch rückerinnernd erfreuen kann. Viele dieser Möglichkeiten haben Kinder heute schon aufgrund veränderter Wohn-, Lebens- und Verkehrsverhältnisse nicht mehr.

Mit den früheren Erfahrungen einer Kindheit und dem Spielen auf dem Lande fällt es oft schwer, das heutige Spielen vieler Kinder, das vielfach von der Technik und einer Fülle an Spielsachen bestimmt ist, zu verstehen.