Bianca Vogel, eine Dressurreiterin von Weltformat

Die Erzieherin und Dressurreiterin Bianca Vogel, 39, steht mitten im Leben. Das beweist die Vita der sportlichen Sinzigerin, das signalisiert auch ihr aufmerksamer fester Blick. Niemand würde diese gestandene hellhaarige Persönlichkeit in Verbindung mit einem Blondinenwitz bringen. Ihre Freizeit verbrachte schon die Zehnjährige auf Pferderücken, und heute kann die mehrfache Weltmeisterin im Dressurreiten stolz auf Ihre Erfolge blicken. „Wie jedes Mädchen habe ich mich für Pferde interessiert“, sagt sie1). Doch im Unterschied zu meisten Mädchen und Jungen fehlen ihr von Geburt an die Arme. Bianca Vogel, Tochter von Laurenz Vogel und Annemarie Bertholdy, kam am 24. Februar 1961 mit unmittelbar an den Schultern ansitzenden Händen zur Welt. Eine einzige Pille des als unschädlich geltenden Schlaf- und Beruhigungsmittels Contergan, das indes bei Embryonen zu charakteristischen Fehlbildungen führte, reichte bei Biancas Mutter, um ein behindertes Kind zu gebären. Die Tragik wird kaum noch dadurch gesteigert, dass ausgerechnet der Schwiegervater, ein Apotheker, das nur unzureichend getestete Präparat verabreichte2).

Die Dressurreiterin Bianca Vogel mit ihrem Pferd

Bianca Vogel erlebte am eigenen Leib ein unrühmliches Stück medizinische Zeitgeschichte, durch den Arzneimittelskandal und eine fragwürdige Praxis in der Patientenbetreuung. Sie hat manches Mal geflucht über ihr Handicap, machte jedoch Mutter und Großvater nie dafür verantwortlich. Der Mutter wollte man nach der Geburt das Kind nicht direkt zeigen. Die frisch Entbundene bestand darauf. „Sie fand mich trotz meiner Behinderung unheimlich hübsch und niedlich“, sagt Bianca Vogel. „Nur hat sie sich Gedanken gemacht, wie ich zurechkommen werde“. Weil bei dem Mädchen, ebenfalls durch Contergan, eine doppelseitige Hüftluxation vorlag, wurde es dreijährig in Münster mehrfach operiert. Sonst hätte Bianca ihr Leben im Rollstuhl zubringen müssen. Rund ein Jahr blieb die Kleine in einer über die Brust reichenden Gipsschale im Krankenhaus. Einige Male konnte sie übers Wochenende nachHause. Wenn allerdings Mutter und Vater ihr Mädchen im Krankenhaus besuchten, verlief die Kommunikation für die junge Familie erzwungen distanziert. „Es ist besser, wenn Eltern die Kinder durch die Glasscheibe sehen“, hieß die Anweisung. Nur undeutlich erinnert sich die Erwachsene an diese leidgeprüfte Zeit. Man hat ihr erzählt, dass sie damals „unwahrscheinlich geduldig“ gewesen sei.

Bianca besuchte in Sinzig Kindergarten und Grundschule, bis sie nach dem 6. Schuljahr auf eigenen dringenden Wunsch an die Realschule für Behinderte und Nichtbehinderte nach Köln wechselte. Sie war sieben- oder achtjährig mit ihrer Oma nach Bonn zu einem Heintje-Konzert gefahren und hatte dort ein Mädchen entdeckt, „das auch solche kurzen Arme hatte“. Da ist mir zum ersten Mal be-wusst geworden, wie ich aussah“. Die beiden befreundeten sich. Als Bianca dann hörte, dass die andere die Kölner Schule besuchen würde, gab es für sie kein Halten mehr. Zunächst pendelte sie täglich mit dem Zug. „Dann wollte ich unbedingt ins Internat“. Wieder einmal setzte sie sich durch. Im sozialen Miteinander unter den ebenfalls vom Handicap Betroffenen fühlte sie sich wohl. Aber vor dem Lernen grauste ihr:„Ich war nur in den Nebenfächern gut:Biologie und Kunst, habe ich leidenschaftlich gerne gemalt und gebastelt“. Trotzdem schaffte sie die Mittlere Reife, das Sprungbrett zum „Traumberuf“ Erzieherin. Sie bewältigte auch diese Ausbildung an der Kölner Fachschule für Sozialpädagogik, wo sie die einzige Behinderte war. Der Beruf faszinierte die junge Frau, weil sie überzeugt war, „das ich als Behinderter junger Mensch auch etwas mitgeben kann“.

Ihr Selbstbewusstsein war von früh an verzahnt mit dem Bedürfnis selbstständig zu sein. Als Neunjährige nahm sie in Münster mit anderen Behinderten am Selbsthilfetraining teil. Und von Grundschullehrerin Breuer blieb ihr bis heute der Satz im Gedächtnis: „Bianca, merke dir eins, wenn dich einer ärgert, läufst du solange hinter dem her, bis du ihn in den Hintern trittst“. „Das habe ich auch getan“, bemerkt sie schmunzelnd. „Über die Jahre habe ich gelernt, immer mehr selber zu machen“. Vorbei ist die Zeit, als sie sich nichts traute, alleine auszugehen. „Ich glaubte, ich brauche eine Freundin, um zur Toilette zu gehen“. Heute benutzt sie ein Stöckchen, mit dem sie Reißverschluss und Knöpfe schließen kann. Sie schreibt mit der Hand, gestützt vom Kinn, blättert Papierseiten mit den Lippen um, angelt sich Benötigtes mit dem Fuß. In Ihrer Wohnung kommt sie alleine zurecht. Wenn, wie kürzlich passiert, die Kinder aus der Tigerentengruppe das Handicap der Erzieherin vergessen und bitten, „kannst du mal die Schubkarre bringen“, dann kontert sie unbefangen:„Keine Arme, keine Schubkarre“.

Es gab Situationen und Phasen in Bianca Vogels Leben, da halfen ihr weder das forsche Wesen, noch Disziplin, noch Humor weiter. Die Pubertät erlebte sie als „eine Zeit, die Sch… war“. An diesem schnörkellosen Urteil ist nichts zu deuteln. Bianca sehnte sich nach einem Freund. Das sollte nicht der behinderte Wegbegleiter aus dem Internat sein, sondern sie wollte eindeutig „einen Mann, der nicht behindert war“. Mit 20 fand sie  „eine große, lange Liebe“. Bis dahin half der Reitstall, das Thema nicht übermächtig werden zu lassen.

Bianca Vogel auf dem Reitplatz beim Training

Ersten Reitunterricht nahm sie 1971 in der Bad Bodendorfer Reitschule Nagel. Den Wunsch nach dem eigenen Pferd, ausgelöst durch den Tod des Lieblingsschulpferdes Alpensohn, mochte der Vater nicht finanzieren. „Kauf es dir selbst“, antwortete er der Tochter, was die hart fand, teilweise aber verstand. Von der einmaligen Entschädigung und der kleinen Rente, die sie als Contergan-Opfer erhält, kaufte sie 1978 den Wallach Achlam. Mit ihm übersiedelte sie 1984 auf den Gerhardshof in Löhndorf. Im Jahr darauf stieg sie, motiviert durch die Reitstall-Freunde,, in den Turniersport ein und stellte sich auf ihrem nächsten Pferd Turbo erfolgreich der nichtbehinderten Turnier-Konkurrenz in Dressurprüfungen der Klasse A. Seitdem ritt Bianca Vogel unzählige Turniere im Regel- und Behindertensport mit Siegen und Platzierungen bis zur Dressurklasse L. Ebenso warb sie in Schauvorführungen bei großen internationalen Turnieren für den Behindertensport. Erstmals 1991 in Wiesbaden: „Ein Riesending“. Es war ihr Tor zum internationalen Reitsport der Behinderten, denn noch im gleichen Jahr wurde sie bei der WM im Behinderten-Dressurreiten in Dänemark erste deutsche Einzel- und Mannschaftsweltmeisterin mit Handicap auf fremdem Pferd.

Solch grandioser Erfolg gab Auftrieb. Zumal sich Bianca Vogels sportlicher Ergeiz aus zwei Quellen speist:„Ich siege nicht nur für mich, sondern auch für die, die genauso wie ich mit einem Handicap leben müssen“. Ohne das Ziel, „den Behindertensport in der Öffentlichkeit bekannter zu machen“, wäre sie vermutlich weniger häufig an den Start gegangen, nachdem ihr bei der Weltmeisterschaft in England 1994 die Titelverteidigung mit Leihpferd – das eigene war verletzt – misslang, nahmen die Probleme mit den Tieren noch zu. Weihnachten 1995 erlitt ihr Pferd Königstraum einen Stallunfall und der 19jährige Turbo starb nach einem Herzinfarkt. Trotz der Tiefschläge plazierte sie sich bei den Paralympics 1996 in Atlanta als Achte in der Kür. Zwei Monate vor der WMin Dänemark 1999 erneutes Pech:Pferd Dalino verletzte sich an der Sehne. Die verzweifelte Suche nach einem Ersatzpferd führte zur elf-jährigen Stute Galate, auf der Bianca Vogel in Dänemark Gold in der Pflicht, Gold in der Kür und Silber in derMannschaftswertung holte! Als einen Höhepunkt ihrer Sportlerkarriere bezeichnet die Sinzigerin auch den zweiten Platz bei der Wahl zur Sportlerin des Jahres 1999 Weitspringerin Heike Drechsler und vor der Fußballerin Steffi Jones.

Zum Zeitpunkt des Gespräches für dieses Portrait fieberte Bianca Vogel den Pa-ralympics in Sydney im September 2000 entgegen, wo härteste Konkurrenz auf sie wartet. „Natürlich habe ich meine Erwartungen, aber man kann nicht immer eine Medaille kriegen. Ich freue mich einfach, Mensche kennen zu lernen und verschiedenste Sportarten mitzukriegen. Im Sport ist es wichtig fair zu bleiben und sich selbst zu reflektieren“, so die Reiterin. Wegen des Handicaps verlangt ihr der Sport besonders viel ab. Auch finanziell. Zwar ist die Reiterin auf ihrem Pferd völlig selbstständig, aber sie braucht Hilfe, um in den Sattel zu kommen und bei der Pflege des Tieres. So kommen zu den Kosten für Pferd, Stallmiete, Trainer (derzeit Werner Kerrmann), auch die für die Pferdepflege (Claudia Krah) hinzu. Um Zeit für Training und die Krankengymnastik – „der Körperverschleiß aufgrund der Behinderung ist enorm“ – zu haben, reichen ihr 29 Stunden Kindergartenarbeit pro Woche. Höhere Kosten, niedrigerer Verdienst, dieses Defizit lässt sich durch die Rente nicht ausgleichen. Bleibt die Frage nach Sponsoren. Die Reiterin freut sich, dass Hans Witsch für ein Jahr die Miete des im Frühjahr bezogenen Karweiler Reitstalls übernimmt, dass Bitburger ein Trainingsstipendium spendierte oder die KSKAhrweiler eine Summe zahlte. Doch Spitzensportler wie sie dürfen im Nichtbehindertensport mit Unterstützungen großen Stils rechnen. Gerade bei der Reiterei zeige sich oftmals, so die 99er Weltmeisterin, das große Missverständnis. Sie verweist auf Briefe, aus denen hervorgeht, dass um Sponsorenverträge gebetene Firmen das wettkampfmäßige Behindertenreiten für nicht mehr als eine Art Therapie halten. Und dafür wolle man kein Geld geben3)„. Besonders bedauert sie, dass der im Kreis angesiedelte Mineralwasserkonzern Apollinaris ablehnte, sie zu fördern. Auch die Anerkennung durch die Medien könnte ihrer Meinung nach zunehmen. Sicher, es gab immer wieder Presseberichte über sie und einige TV-Kurzreportagen. Doch nach ihrer Nominierung für die Spiele in Sydney wäre sie auch gerne einmal in ein Sport-Studio eingeladen worden.

Bianca Vogel, die sypathische Kämpfernatur, die eher Spass daran hat, Dinge voranzutreiben als sich treiben zu lassen, denkt schon über die Paralympics hinaus. Sie möchte zukünftig ihren Sport noch mehr in die Öffentlichkeit tragen und sich die Rückendeckung durch Sponsoren sichern, die es ihr ermöglichen soll, auch im Regelsort bis zu M-Dressur aufsteigen.

Anmerkungen:

  1. Grundlage des Portraits war ein Gespräch mit Bianca Vogel in Ihrer Wohnung am 21. August 2000.
  2. 1957 kam Contergan in Deutschland auf den Markt. Der Wirkstoff Thalidomit führte, angewendet in der Frühschwangerschaft, gehäuft zu charakteristischen Fehlbildungen an Embryonen. Im Juli 1962 lagen bei der Staatsanwaltschaft Aachen mehr als 60 Anzeigen gegen die Herstellerfirma Chemie Grünenthal GmbH vor. Doch erst nach dem wissenschaftlichen Erweis, dass Contergan die Missbildungen verursachte, begann am 27. Mai 1968 in Alsdorf, nahe der belgischen Grenze, der Prozess gegen leitende Angestellte des Unternehmens. Der längste Strafprozess der deutschen Rechtsgeschichte endete am 283. Verhandlungstag, 18. September 1970, ohne Urteil. Obwohl die fatalen Folgen durch Contergan bei Erwachsenen und Missbildungen bei Embryonen belegt wären und die Verantwortlichen als Gruppe schuldhaft gehandelt hätten, sei die Schuld des Einzelnen nicht bewiesen worden, so die Begründung des Gerichts. Es hielt den Angeklagten die zu allgemein gehaltenen Arzneimittelgesetze zugute. Auch hätten die Gesundheitsbehörden das strafbare Verhalten begünstigt.
    Von etwa 5.000 contergangeschädigten Kindern, darunter solche mit schweren Nervenschäden, überlebten nur rund 3.000 mit Miss-bildungen. Im Jahr 1974 erhielt jedes dieser Kinder neben einer kleinen Rente durchschnittlich 16.000 Mark aus einem von der Firma Grünenthal, der Bundesregierung und einer speziellen Stiftung gegründeten Fond. Vgl.: Die schrecklichen Folgen eines Beruhigungsmittels und das Virus aus der Konserve, in: Die großen Skandale und Kriminalfälle, Gütersloh, München 1997, S. 164/165 und Chronik des 20. Jahrhunderts, Braunschweig 1982, S. 991, 1016 u. 1024.
  3. Sieler, Jürgen, „Neben Heike Drechsler zu stehen war ein tolles Erlebnis“ – Besuch bei Dressurreiterin Bianca Vogel – Für die Paralympics 2000 in Sydney nominiert, in :Sport in Form, 12, 2000, S. 18/19. Zum sportlichen Werdegang siehe auch: Bianca Vogel – Die Erfolgsstory einer Weltmeisterin, in: Reiter Prisma, 10, 1999, S. 4/5. Beide Ausgaben brachten die Reiterin aufs Titelbild.