„Fliegen – mein Leben“ – Die Pilotin Hanna Reitsch (1912 – 1979) schrieb ihre Memoiren in der Eifel

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass im Spätsommer 1944 eine gute Bekannte meiner Eltern in Brenk geheimnisvoll erzählte: „In unserer Nachbarschaft in Wehr kommt schon mal die Hanna Reitsch zu Besuch.“ Ich erahnte, dass von einer herausragenden Persönlichkeit die Rede war, wenn ich auch als Kind nicht wusste, um wen es sich genau handelte. Die Pilotin Hanna Reitsch zählte damals schon zu den international berühmtesten Frauen in der Geschichte der Luftfahrt, und sie ist dies bis heute geblieben, obwohl sie Karriere im und durch das NS-Regime machte.

Beziehungen zur Eifel

Zu Maria Laach, zu Wehr und besonders zu Waldorf (Marienhöhe) hatte die Pilotin persönliche Beziehungen. In ihren Memoiren beschreibt Hanna Reitsch ihre damalige Gastgeberin in Wehr, wo sie als Besucherin nach der Aussage von Zeitzeugen nicht erkannt werden wollte, wie folgt: „Es war Käthe Rheindorf, eine ungewöhnliche Persönlichkeit. Sie war Dichterin (Lyrikerin) und eine echte Künstlerin. Bis Mitte des Krieges war sie in der sozialen Frauenarbeit tätig, stieß aber als bekennende Katholikin bei engherzigen Pg-Vorgesetzten auf Widerstand und nahm ihren Abschied. Sie sympathisierte nicht mit dem Nationalsozialismus, wie er ihr begegnete“. Der Kontakt von Käthe Rheindorf zu Hanna Reitsch kam wohl durch Briefe zustande. Nach einem Flugzeugabsturz hatte sie der Pilotin einen ergreifenden Brief ins Lazarett gesandt.

Die Bedeutung der gefeierten Testfliegerin und ersten weiblichen Flugzeugführerin in der NS-Propaganda wird u.a. auch dadurch deutlich, dass in dieser Zeit z. B. in der Wehrer Volksschule die Fliegerin Hanna Reitsch zum Thema im Unterricht wurde. Die damalige Lehrerin stellte das Aufsatzthema: „Hanna Reitsch flog die V1 ein“. Hieran können sich noch viele ehemalige Schüler in Wehr erinnern. Ob Hanna Reitsch auch in der Schule in Wehr als Rednerin auftrat, darüber gehen heute die Meinungen auseinander.

Kriegsende

Hanna Reitsch wurde während des Krieges als erste Frau von Hitler mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. In der Schlussphase des Zweiten Weltkrieges wurde die Pilotin dann noch zu einer wichtigen Zeitzeugin. Sie zählte am 27. April 1945 zu den letzten Besuchern bei Hitler. Wenn heute in Fernsehsendungen über die letzten Kriegstage und das Ende Hitlers in dem Bunker unter der Reichskanzlei berichtet wird, so ist auch von dem abenteuerlichen Flug von Hanna Reitsch in das bereits von der Sowjetarmee eingeschlossene Berlin die Rede. Über ihre Begegnungen mit Hitler, Goebbels und anderen NS-Größen hat sie in Zeugenaussagen für das Nürnberger Kriegsverbrechertribunal ausführlich berichtet. Nach Kriegsende wurde sie von den Amerikanern interniert. Zeitweise war sie in dem selben Internierungslager wie der Physiker und Raketenkonstrukteur Wernher von Braun. Auch ihr wurde angeblich angeboten, in die USA zu gehen. Sie lehnte es aber ab, Deutschland zu verlassen. Nach 18 Monaten wurde sie aus der Internierung entlassen. Die Spruchkammer Bad Hom­burg stufte sie im Dezember 1947 als „unbelastet“ ein.

Memoiren

Wie viele andere bekannte Persönlichkeiten der NS-Zeit fühlte sich auch Hanna Reitsch in der frühen Nachkriegszeit dazu verpflichtet, so rasch wie möglich eine Lebensbuch zu schreiben. Als Motiv hierfür gab sie an, dass sie sich vor ungezählte Deutsche stellen wolle, die wie sie nur das Beste gewollt, an das Gute geglaubt und von den Verbrechen des NS-Regimes nichts gewusst hatten. Sie lieferte damit ein damals sehr beliebtes und verbreitetes Erklärungsmuster. Ihre Lebens­erinnerungen sind über weite Passagen Rechtfertigungen ihres Einsatzes für das NS-Regime.

Zum Abfassen ihrer Memoiren suchte Hanna Reitsch möglichst die Ruhe einer Klosterzelle. Dabei dachte sie an das Benediktinerkloster Maria Laach, das seit Mitte 1945 in der französischen Besatzungszone lag. Heimlich begab sie sich nach Wehr zu ihrer Freundin Käthe Rheindorf, wo sie sich möglichst unerkannt aufhalten wollte, was ihr aber aufgrund ihrer Bekanntheit als Fliegerin nicht gelang. In ihrem Buch „Höhen und Tiefen“ widmet Hanna Reitsch ein Kapitel ihrem Aufenthalt in der Eifel. Sie schwärmt, dass es ein Genuss war, mit Katja (Rheindorf) stundenlang redend oder schweigend durch die Eifel zu wandern. Hanna Reitsch hatte vor, einfach an der Klosterpforte in Maria Laach anzufragen, ob sie einen ungestörten Raum oder eine Klosterzelle zum Schreiben bekommen könne. Gegenüber einem solchen Vorgehen war die Freundin der Pilotin aber skeptisch.

Es gelang Hanna Reitsch jedoch Kontakt mit dem damaligen Prior der Abtei, Pater Theodor Bogler, aufzunehmen, der im Ersten Weltkrieg Offizier gewesen war. Nach dem Tod seiner Frau war er zum katholischen Glauben konvertiert und ins Kloster eingetreten. Hanna Reitsch wurde nach einer ersten Begegnung mit ihm erneut ins Kloster eingeladen und erhielt Gelegenheit, vor dem ganzen Konvent in der Aula von ihrem faszinierenden Le­ben als Fliegerin zu erzählen. In ihren Erinnerungen vergleicht Hanna Reitsch ihren wohl ersten öffentlichen Vortrag nach dem Zweiten Weltkrieg in der Aula von Maria Laach vor Mönchen und Zivilisten, die zumeist aus den Laacher Werkstätten stammten, mit einem Auftritt vor Hitlerjugendführern und BDM­ Führerinnen, den sie Jahre zuvor in Breslau hatte. In ihren Ausführungen ging es ihr nicht um Testflüge, eine Aufarbeitung der Vergangenheit und sensationelle Erlebnisse, sondern um das Erlebnis des Fliegens und das, was ihr das Wesentliche dabei war. Dies wollte sie ihren gebannt lauschenden Zuschauern vermitteln.

Die Fliegerin Hanna Reitsch als Trägerin des Eisernen Kreuzes I. Klasse

Am darauffolgenden Tag durfte sie auch dem Abt des Klosters Maria Laach, Basilius Ebel, von der einzigartigen und faszinierenden Welt des Fliegens erzählen. Er schlug ihr sogar vor, über ihre Erlebnisse zu schreiben. Hanna Reitsch glaubte jetzt am Ziel ihres Wunsches angekommen zu sein, denn sie suchte immer noch nach einem ruhigen Ort für ihre schriftstellerische Arbeit. Unmittelbar konnte ihr aber der Abt nicht helfen, da die Nebengebäude des Klosters von geflüchteten schlesischen Ordensfrauen besetzt waren. Er versicherte ihr aber, bald einen geeigneten Platz zu besorgen. Wenige Tage später wurde sie mit einem Wagen in Wehr abgeholt und ungefähr fünfzehn Kilometer von Maria Laach entfernt an einen zum Schreiben geeigneten Platz gebracht, an dem sie als Gast des Klosters arbeiten konnte. Bei den Nachforschungen zu diesem Beitrag fanden sich Zeitzeugen in Waldorf und Franken, die sich an den Aufenthalt von Hanna Reitsch in dieser Zeit erinnern können. Demnach war dieser Ort die Marienhöhe über dem Vinxtbachtal zwischen Waldorf und Franken. Damals bewohnte dieses Anwesen Familie Schlüpers, ein niederrheinischer Tuchfabrikant, als Ferienheim (im Krieg als Ausweichquartier), nachdem sie das Haus von der Firma Stüssgen übernommen hatte. Das von Hanna Reitsch genannte Nebenhaus, in dem die Förs­terfamilie lebte, steht heute nicht mehr. Die Tochter des damaligen Försters kann sich noch gut an „Tante Hanna“ erinnern, die damals bei ihrer Familie zu Gast war. Auf der Marienhöhe bei Waldorf befindet sich seit mehr als 30 Jahren ein Kloster der „Schwestern von Guten Hirten“. Hanna Reitsch beschreibt diesen Ort als märchenhaft. Es war nach ihren Ausführungen der Sommersitz einer alten wohlhabenden Dame, in dem sie mit ihrer jüngsten unverheirateten Tochter lebte. Im Nebenhaus des Sommersitzes hatte Hanna Reitsch zwei Zimmer. Alle Hausarbeiten, das Kochen und die Säuberung der Wohnung wurden für sie erledigt. Jede Woche kam zudem von Maria Laach ein Pferdewagen mit Kohlen und mit allem, was die Landwirtschaft des Klosters produzierte. Für damalige Verhältnisse waren es ungewöhnlich köstliche Dinge, so dass ihre Gastgeberin und sie selbst davon recht üppig leben konnten. „Es war ein Paradies an Geborgenheit“, so charakterisierte Hanna Reitsch ihren Aufenthaltsort.

„Fliegen – mein Leben“

Hier entstanden in der Abgeschiedenheit der Eifel die Memoiren von Hanna Reitsch, in denen die wohl bekannteste deutsche Sportfliegerin ihre Jugendzeit, ihre Flugausbildung und Arbeit als Testpilotin ausführlich schildert. Geboren wurde Hanna Reitsch am 29. März 1912 in Hirschberg/Schlesien. Sie entstammte einer protestantischen Arztfamilie und wurde christlich erzogen. Schon früh war sie von der Fliegerei begeistert, was in ihrer Familie zunächst auf Ablehnung stieß. Die Eltern wünschten, dass ihre Tochter Ärztin werden sollte. Nach dem Abitur im Jahre 1931, in dem sie auch den Segelflugschein machte, studierte sie ab 1932 Medizin und erwarb den Motorflugschein. Ihr Ziel war es, fliegende Ärztin in Afrika zu werden. Ab 1934 wurde sie jedoch Forschungs, Test- und Verkehrspilotin. 1937 überquerte sie im Segelflugzeug als Erste die Alpen, wurde als erste Frau zum Flugkapitän ernannt und tes-tete in einer Halle den ersten Hubschrauber. Ihre Erfolge brachten ihr den Beinamen „Königin der Lüfte“. Im Dienste des NS-Regimes testete sie auch Kampfflugzeuge der Luftwaffe. Nach eigenem Bekunden wollte sie nach besten Kräften alles für das deutsche Volk tun. Hierzu gehörte auch ihre Einsatz bei der Erprobung der sogenannten „Wunderwaffen“. Sie führte Experimente mit bemannten Vergeltungwaffen (V 1) durch, die aber während des Krieges nicht mehr zum Einsatz kamen. Bei dem Einsatz dieser Waffen wurde der Tod der Piloten bewusst einkalkuliert. Hanna Reitsch versuchte diese „Selbstaufopferung“ und ihre eigene Arbeit für das Regime zu rechtfertigen. Ihre Rolle als Idol im NS-Unrechtsstaat vermochte sie auch aus der Distanz der Nachkriegszeit nicht kritisch zu analysieren.

Nachkriegszeit

Nach 1945 erzielte die Pilotin erneut zahlreiche Erfolge und Weltrekorde als Segelfliegerin. So erlangt sie 1952 eine Bronze-Medaille bei den Segelflugweltmeisterschaften in Spanien. Von 1962-1966 baut sie eine Segelflugschule in Ghana auf. Sie ist u.a. Mitbegründerin des Hubschrauberzentrums e.V. Bückeburg und des internationalen Vereins der Hubschrauberpilotinnen mit dem Namen „Whirly Girls“, wobei sie für sich in Anspruch nehmen konnte, das „Whirly Girl No. V“ gewesen zu sein. Sie hatte viele Begegnungen mit Sportlern, Wissenschaftlern, Testpiloten und Raumfahrern auf der ganzen Welt, darunter auch Neil Armstrong, der als erster Mensch den Mond betrat. Auch noch viele Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg pflegte Hanna Reitsch, die am 24. Oktober 1979 verstarb, Kontakte zum Kloster Maria Laach. Hieran erinnern sich noch heute ältere Mönche und ehemalige Mitarbeiter. Mit dem Katholizismus fühlte sie sich durch ihre Mutter sehr verbunden, stand ihm aber dennoch kritisch gegenüber, insbesondere was die Unfehlbarkeit des Papstes anbelangte. Dennoch ließ sie sich in die katholische Kirche aufnehmen. Sie blieb jedoch ihrem Standpunkt treu, eine „katholische Protestantin“ oder „protestierende Katholikin“ zu sein. Ihr erstes Buch der Memoiren, das sie in der Eifel niederschreiben konnte, schließt mit dem Wunsch, der bis heute nicht eingelöst wurde: „Möge das Fliegen in Zukunft nur noch dazu dienen, die Menschen und Völker einander näherzubringen.“

Quellen:

– Hanna Reitsch: „Fliegen mein Leben“. Stuttgart 1951.

– Hanna Reitsch: „Höhen und Tiefen“ 1945 bis zur Gegenwart. München 1978.

– Für die freundliche Ausleihe der vergriffenen Bücher und Unterstützung bei den Nachforschungen danke ich dem Ehepaaar Sailler (Wehr) und Reinhard Degen (Weibern).