Die Villa Helenaberg in Sinzig und ihre Bewohner

Weit steht das Tor offen, das einst den Besucher willkommen hieß im herrschaftlichen Haus Helenenbergstraße 2. Doch das früher so schmucke schmiedeeiserne Tor verrottet, der Park verwildert, die uralte Platane stirbt, das Blumenbeet am Ende der Allee, in dessen Mitte ein Standbild der heiligen Helena steht, wächst zu. Helena ist mit einem Mantel aus Brettern gegen Zerstörung geschützt.

Postkarte aus den 1930er Jahren, gezeichnet von Erich Meurer: Blick auf das Pesthäuschen und das Paradiesgärtchen

Noch schlimmer steht es um das Gebäude selbst. Seit über zehn Jahren unbewohnt, war es lange dem Vandalismus preisgegeben. Heute sind zum Schutz die Fenster vernagelt, die Schäden am Dach beseitigt und die Eingänge verschlossen. Dass dieses Anwesen seit 1991 unter Denkmalschutz steht, macht den Besucher fassungslos.

Die Neugier ist geweckt, sich mit der wechselvollen Geschichte des Gebäudes und seiner Bewohner zu befassen.

Friedhof, Mauritiuskapelle, Minoritenkloster

Die Besiedlung des Helenabergs reicht bis in die Zeit der Franken zurück. In der Flur „Auf der Lee”, die später den Namen „Auf dem St. Helenaberg” erhielt, befand sich ein fränkischer Friedhof. Zwischen 1874 und 1925 hat man bei Ausgrabungen fränkische Gräber mit reichen Grabbeigaben gefunden.1)

Auf dem ausgedehnten Gräberfeld ist Jahrhunderte später eine Kapelle bezeugt, die dem heiligen Mauritius geweiht war.2)

Auf dem Friedhofsgelände errichteten Minoriten in den Jahren 1649-1651 ein Klostergebäude, das als das St. Helenakloster bezeichnet wurde. Aus dem Konventsgebäude des Minoritenklosters ist das heutige Haus Helenaberg entstanden.3)

Im Zuge der Säkularisation wurde das Minoritenkloster auf dem Helenaberg aufgehoben, die Ländereien als Nationalgüter in den Jahren 1804 und 1810 öffentlich versteigert. 1806 wurde die Klosterkirche abgerissen.

Das Klostergebäude mit Garten wurde für 4375 Francs verkauft, die dazugehörigen Wiesen und Weinberge erzielten einen Verkaufspreis von 1980 Francs.4)

Die Villa Helenaberg

1823 kaufte ein Gastwirt das ehemalige Klostergebäude und richtete dort für kurze Zeit eine Wirtschaft ein. Aus dieser Zeit stammt eine Kegelbahn, die in der Urkatasterkarte von 1827/28 eingezeichnet ist und bis etwa 1945 erhalten blieb.5)

Von dem Gastwirt kaufte wenige Jahre später der Weingroßhändler Karl Christian Rhodius (geb. 1792 in Köln-Mühlheim) das Anwesen. „Seither heißt der Besitz in unserer Familie ,Helenaberg’, weil nach einer Sage die Gründung des Klosters auf die Kaiserin Helena zurückgehen soll”, heißt es in den Aufzeichnungen der Familie Schade.6)

Wahrscheinlich ließ der neue Besitzer das Kloster umbauen, wobei aus dem u-förmigen Konventsgebäude ein vierflügeliges Wohngebäude mit Innenhof entstand.

Nach dem Tod von Karl Friedrich Rhodius verkaufte seine Witwe 1848 das Anwesen Helenaberg ihrem Bruder Karl Christian Andreae, dem Vater des gleichnamigen Künstlers.

Diese Familie besaß in Köln-Mühlheim eine Tuchfabrik und nutzte den Helenaberg nur als Sommersitz.

Das heute stark beschädigte und mit Brettern vor weiterer Zerstörung gesicherte Standbild der Heiligen Helena vor dem Haupteingang stammt aus dieser Zeit. Es wurde von dem bekannten Kölner Bildhauer Peter Fuchs geschaffen. „Die über 7 Fuß hohe Statue erhebt sich auf einem in streng romanischem Style gehaltenen Säulen-Postamente bis zu einer Höhe von 13 Fuß und gereicht der ganzen Umgebung zur monumentalen Zierde. […] Das bis ins kleinste Detail fleißig ausgeführte Standbild zeugt, was das Kostüm angeht, von umsichtigen Studien und gereicht dem Ausführer, dem Kölner Bildhauer Peter Fuchs (1829-1898), zur größten Ehre”7). So heißt es in einem Bericht der Bonner Zeitung vom 28. Mai 1863.

Domizil der Malerfamilie Andreae 

Nach dem Tod Karl Christian Andreaes behielt seine Witwe Johanna Theresia Andreae geborene Rhodius das Anwesen. Ein Jahr vor ihrem Tod, 1880, übergab sie den Besitz ihrem Sohn, dem Maler Carl Christian Andreae. Dieser zog daraufhin mit seiner großen Familie – er hatte 10 Kinder – von Dresden nach Sinzig auf den Helenaberg. Dort richtete er in dem ehemaligen „Pesthäuschen” (Siechenturm) des Klosters, das ursprünglich nicht mit dem Hauptgebäude verbunden war, sein Atelier ein. Alle Räume und Flure des Hauses schmückten seine Bilder, wie auf alten Fotos zu sehen ist. Seine Enkelin Hanna Meurer geb. Rhodius schreibt in ihren Erinnerungen über die Zeit bei den Großeltern und liefert damit einen Eindruck von dem Leben auf dem Helenaberg vor der Jahrhundertwende: „Sonntags war es bei den Großeltern in Sinzig immer herrlich. Meist waren von Großmutters Geschwistern einige da, natürlich mit ihren Kindern, und so wurden wir Vettern und Kusinen miteinander bekannt und vertraut und lebten sehr vergnügt zusammen. Mein Großvater war ein kleiner, lebhafter, geschmeidiger Mann mit sehr viel Interesse an seinen Enkelkindern. Wir waren sehr stolz, wenn wir in sein Atelier gehen durften und dort die aufgestellten großen Bilder als Entwürfe von seinen Werken in Ungarn, Fünfkirchen sehen durften.”8)

Wohnräume der Familie Andreae zur Zeit des Künstlers Carl Christian Andreae. Das Foto entstand um die Jahrhundertwende 1899/1900. Noch im Jahre 1989 waren die Räume der Familie Schade so eingerichtet, allerdings mit vermindertem Mobiliar und weniger Bildern.

Carl Christian Andreae hatte 1839-1844 als Schüler von Carl Sohn und Wilhelm von Schadow an der Düsseldorfer Akademie studiert. 1845-1849 hielt er sich zu einem Studienaufenthalt in Rom auf. Besonders der bedeutende Vertreter der Kunstrichtung der Nazarener, Peter Cornelius, beeinflusste sein Werk. So war Carl Andreae in erster Linie auf dem Gebiet der monumentalen Kirchenmalerei tätig. Von 1857 bis zu seiner Übersiedlung nach Sinzig lebte er mit seiner Familie in Dresden. Es entstanden in dieser Zeit Altarbilder für viele sächsische Dorfkirchen, aber auch für den sächsischen Königshof, die ihm schließlich den Professorentitel einbrachten.

In Sinzig schuf er für seinen Schwager Gustav Bunge 1863 – 1865 vier Gemälde für das Turmzimmer des Sinziger Schlosses sowie die Kassettendecke im Salon. Seine größte künstlerische Arbeit stellte die Ausmalung des Chores im Dom zu Fünfkirchen (Pecs) in Ungarn dar, die, 1886 begonnen, sich über sechs Jahre erstreckte. Großes künstlerisches Talent zeigen seine Porträts, besonders die Kinderbildnisse, und seine Zeichnungen.

Es verwundert nicht, dass die Enkelkinder von der künstlerischen Aura seines Ateliers begeistert waren.

Nach dem Tod Carl Christian Andreaes 1904 und seiner Ehefrau im Jahre 1907 übernahm Marie Rhodius, Mutter von Hanna Meurer, den Helenaberg. Sie stand vor der schwierigen Aufgabe, das Anwesen in Familienhand zu erhalten.

Aus den Aufzeichnungen von Hanna Meurer geht hervor, dass dies kein leichtes Unterfangen war: „Als wir dann nach Sinzig zogen, war es Engelbert (Hannas Bruder) und mir klar, dass das eigentlich über unsere Verhältnisse ging. […] So haben wir im Anfang sehr viel im Treibhaus gearbeitet. Wir hatten fünf lange Mistbeete. Ich habe im Frühjahr stundenlang pikiert, Salat gepflanzt, Salat verkauft, Geranienstecklinge gemacht, Geranien verkauft und so weiter.“9)

Um sich als protestantische Familie in Sinzig zu integrieren, unternahm die Familie Anstrengungen im karitativen Bereich. Sie trat in den Sinziger Frauenverein ein, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Kinderreichen, Wöchnerinnen und Kranken zu helfen. „Wir kamen jede Woche einmal zusammen und nähten Kinderwäsche, aber auch Wäsche für größere Kinder und Frauen. Wir stellten Suppenkarten aus. In einer Suppenkarte schlossen sich sieben Familien zusammen, die kochten dann jeder einen Tag für die Kranken und Wöchnerinnen.”10)

Vor dem Ersten Weltkrieg entschloss sich die Familie, im Haus Helenaberg im Kriegsfall ein Lazarett einzurichten. Dem Antrag wurde 1913 stattgegeben. 40 Belegbetten sollte das Lazarett als Filiale des Andernacher Lazaretts umfassen.11) 

Nur unter größten Schwierigkeiten gelang bei Kriegsausbruch die Einrichtung des Lazaretts in der Villa. So muss-ten Betten, Bettzeug, chirurgische Instrumente, Verbandsstoffe und Pflaster selbst besorgt werden. Hinzu kam noch die Versorgung der Soldaten. Die medizinische Betreuung lag bei dem Sinziger Arzt Dr. Leyendecker. Die Leitung der Einrichtung und Krankenpflege übernahmen Familienmitglieder und weitere Hilfskräfte. Sie hatten deshalb sogar Ausbildungen zu Rote-Kreuz- Schwestern in Bonn absolviert. Zunehmende Versorgungsschwierigkeiten zwangen die Familie, das Lazarett nach dreizehn Monaten aufzulösen.

Landwirtschaftlicher Betrieb

Im Jahre 1924 übersiedelte Hanna Meurer mit ihrem Ehemann Erich, der Direktor einer Kupferhütte im Sauerland gewesen war, auf den Helenaberg. Sie wollten den Helenaberg in einen landwirtschaftlichen Betrieb umwandeln.

Hierzu erwarben sie viele landwirtschaftliche Nutzflächen, die damals in Sinzig zum Verkauf standen.

Mit einem Pferd, einer Kuh, zwanzig Hühnern und einigen Kaninchen begannen sie die Landwirtschaft auf dem Helenaberg.12) 

Als lohnend erschien ihnen u.a. die Geflügelzucht, die schließlich 600 bis 700 Hennen umfasste, für die auch Ställe und eine große Scheune benötigt wurden. Eine weitere Einnahmequelle stellte der Verkauf von Äpfeln dar.13)

Durch gutes betriebswirtschaftliches Können gelang es Erich Meurer und seiner Frau, den Betrieb zu erweitern und zu modernisieren.

Aufnahme vor dem Paradiesgarten, links stehend Hanna Rhodius, vorne Mitte: Marie Rhodius und Marie-Louise Andreae geb. Kopp, Dr. Leyendecker.

„In der Zeit von 1925 bis 1930 wurden die alten Ställe, die anschließend an das Wohnhaus und das Pesthäuschen einen weiten Innenhof bildeten, zu einem Stall für 10 Kühe und darüber Heuspeicher umgebaut. Die übrigen Teile wurden bis auf die Bruchsteinwände abgerissen, ein Kuhstall mit 11 Plätzen, ein Schweinestall mit 7 Boxen für Zuchtsauen und Eber, ein Pferdestall für 4 Pferde und eine Stute mit Fohlen gebaut, darüber Speicherraum für Getreide und Futtermittel. Der Wirtschaftshof wurde durch die Verbreiterung der Ställe enger; außerdem wurden eine Jauchegrube und ein Mistsilo gebaut, die durch die Lage am Berghang von oben gefüllt und nach unten zur Straße abgefahren werden konnten.14)

Ein schwerer Schicksalsschlag traf die Bewohner des Helenabergs, als am 26. Januar 1940 durch die Nachlässigkeit eines Dienstmädchens der Dachstuhl des Gebäudes völlig ausbrannte. Es gelang dennoch trotz Schnee und Kälte von 17 Grad das Mobiliar und die Gemälde zu retten.15)

Durch familiäre Beziehungen war es zudem möglich, die zum Aufbau notwendigen Bezugsscheine für Holzlieferungen zu erhalten, so dass schon im selben Jahr die Familie den Helenaberg wieder beziehen konnte. Zwischenzeitlich fand sie bei ihren Verwandten im Sinziger Schloss Unterschlupf.

Im Zweiten Weltkrieg blieb das Anwesen von Zerstörungen verschont.

Am 7. März 1945 rückten amerikanische Truppen in Sinzig ein. Erich Meurer, des Englischen und Französischen kundig, fuhr ihnen mit dem Fahrrad, eine weiße Fahne schwenkend, entgegen und teilte ihnen mit, dass die Stadt Sinzig sich kampflos ergeben werde.

Aufnahme des aktuellen Zustands des Anwesens Helenaberg im Juni 2001

Für einen Monat musste die Familie Meurer ihren Helenaberg verlassen, da die Amerikaner das Gebäude für die Kommandantur der Einheit, die das Kriegsgefangenenlager Sinzig verwaltete, beanspruchte.

Nach dem Krieg musste u. a. auch die Geflügelzucht neu aufgebaut werden. Ein Zeitzeugenbericht bestätigt, dass der Betrieb nach dem Zweiten Weltkrieg florierte. Dies zeigte sich u. a. daran, dass dort 3 Knechte, 1 Gärtner, 5 Mägde und 2 landwirtschaftliche Helfer Brot und Arbeit fanden. In der Erntezeit wurden zusätzlich noch Sinziger Bürger als Erntehelfer eingestellt.

Niedergang des Helenabergs 

Erich und Hanna Meurer übertrugen ihrer Tochter Adelheid (1919-2000) und ihrem Schwiegersohn Dr. Kurt Hans Schade (1926-1982) das Anwesen Helenaberg. Trotz aller Bemühungen war es der Familie aber nicht möglich, das große Haus und die Ländereien in Familienbesitz zu halten. 1989 war die Ära der Familie Andreae und ihrer Nachkommen auf dem Helenaberg zu Ende.

Nach dem Verkauf des Anwesens bauten die neuen Besitzer, die Euro-Marketing GmbH, die früheren Stallungen und Scheunen zu insgesamt sechs Eigentumswohnungen um, heute sind die Gebäude im Besitz einer Eigentümergemeinschaft. Das frühere Konventsgebäude kaufte die „Consens Gesellschaft für Projektentwicklung”, die das Gebäude erhalten und ausbauen wollte, aber dann in Konkurs ging. Das Schicksal des Hauses liegt nun in den Händen der Landesbank Rheinland-Pfalz.

Es bleibt die Hoffnung, dass auch diesem ehrwürdigen Gebäude mit seiner so wechselvollen Geschichte Hilfe in letzter Minute zuteil wird, wie dies beim Sinziger Zehnthof glücklicherweise geschah.

Anmerkungen: 

  1. 0. Kleemann, in: Sinzig und seine Stadtteile, S. 47f., S. 39
  2. Kunstdenkmäler Kreis Ahrweiler, S. 632
  3. Rheinischer Städteatlas, S. 27
  4. Müller, in: Sinzig und seine Stadtteile, S. 137-156
  5. vgl. Kartenbeilage zum Rheinischen Städtatlas Sinzig
  6. maschinenschriftliche Aufzeichnungen der Familie Schade, Stadtarchiv Sinzig
  7. vgl. Sinzig und seine Stadtteile, S. 226; zur Sage vgl. Stramberg, S. 53-60
  8. Erinnerungen, S. 5
  9. ebd., S. 8f.
  10. ebd., S. 11
  11. ebd., S. 12-14
  12. ebd., S. 21f.
  13. Aufzeichungen der Familie Schade
  14. ebd.
  15. Erinnerungen, S. 23

Quellen und Literatur:

  • K. Bruchhäuser, Heimatbuch der Stadt Sinzig, Sinzig 1953.
  • Chronik des Bürgermeisters Vogel von 1819, Abschrift im Stadtarchiv Sinzig.
  • Die Kunstdenkmäler des Kreises Ahrweiler, bearb. v. J. Gerhardt u.a., Düsseldorf 1938.
  • Erinnerungen der Hanna Meurer geborene Rhodius, Sinzig 1978, Abschrift im Stadtarchiv Sinzig.
  • M. Müller, Säkularisation und Grundbesitz. Zur Sozialgeschichte des Saar- und Moselraumes 1794-1815, Boppard 1980.
  • Ratsprotokolle der Stadt und Landschaft Sinzig, I 1644-63, II 1718-34 (LHAK 13, 353 und 365).
  • Rheinischer Städteatlas, Sinzig, hrsg. v. Landesverband Rheinland, Amt für rheinische Landeskunde Bonn, Köln/Bonn 1994.
  • B. Schönebeck, Malerische Reise am Nieder-rhein, 11. Heft, Köln/Nürnberg 1785.
  • P. Schug, Geschichte der zum ehemaligen kölnischen Ahrgaudekanat gehörenden Pfarreien der Dekanate Adenau, Ahrweiler und Remagen, Trier 1952.
  • Sinzig und seine Stadtteile – gestern und heute, hrsg. v. J. Haffke und B. Koll, Sinzig 1983. Daraus zit.: Kleemann, Kossin, Burghardt, Müller.
  • Sinzig und Umgebung 1808/18 (1: 25.000)
  • Kartenaufnahme der Rheinlande durch Tranchot und v. Müffling, aufgenommen 1803-28.
  • C. v. Stramberg, Denkwürdiger und nütz licher Rheinischer Antiquarius, Bd. III, 9, Koblenz 1862.