Das Martinsfest in Remagen und die Tradition des „Krabbelns“

Der Martinsbrunnen in Remagen

Zwischen Bahnhofsvorplatz und Fußgängerzone ziert seit 1995 der aus Basaltlava gehauene Martinsbrunnen, der von den Künstlern Netz und Hardy von der „Netzermühle“ im Brohltal angefertigt wurde, die Innenstadt von Remagen.

Durch die Initiative des Martinsausschusses und vom Ortsbeirat über viele Jahre unterstützt, war es dem Verschönerungsverein der Stadt gelungen, einen Brunnen errichten zu lassen, der an die besonderen Remagener Martinsbräuche erinnert: Dargestellt sind auf der großen Plastik die für das Martinsfeuer aufgeschichteten Gegenstände. Allerlei unbrauchbar gewordene Dinge, die aus den Haushalten zusammengetragen wurden, werden hier gezeigt. Davor befindet sich ein Junge, mit einem dicken Knüppel bewaffnet, der das Sammelwerk offenbar bewachen soll, jedoch eingeschlafen ist. Wassereimer stehen in unmittelbarer Nachbarschaft zum Löschen bereit. Ein mutiger Junge des rivalisierenden Stadtteils kriecht auf dem Bauch heran und zündet heimlich den Stoß an. Ob es sich um ein Baach- oder Ovverstäzjen handelt. (benannt nach dem früheren Bach- und Obertor) mag der Betrachter selbst entscheiden. Um den Stapel herum verstecken sich einige Kinder, die den Schabernack spitzbübisch beobachten.

Eine Erläuterungstafel am Brunnen beschreibt in knapper Form das tief verwurzelte besondere Brauchtum der Stadt Remagen zum St. Martinsfest.

In Remagen tragen auch der kath. Kindergarten mit der angrenzenden kath. Filialkirche der Pfarrei St. Peter und Paul sowie die Grundschule den Namen des Heiligen Martin und erinnern damit an das Leben und Wirken des Heiligen aus Tours. Dass die Remagener schon seit Jahrhunderten mit St. Martin verbunden sind, wird durch die Martinskirche belegt, die sich an der Stelle der heutigen Apollinariskirche befand. Der heutige Apollinarisberg hieß damals auch Martinsberg.

Der Remagener Martinsbrunnen wurde von den Bildhauern Hardy und Netz im Jahre 1995 geschaffen.

Diese Kirche stammte wahrscheinlich aus dem 6. bis 9. Jahrhundert und war wohl eine der ältesten in unserer Gegend. Im Jahre 1838 wurde die baufällig gewordene Kapelle abgerissen und an gleicher Stelle die Apollinariskirche von Dombaumeister Zwirner errichtet.

Bräuche ums Martinsfest

Viele Traditionen, Sitten und Gebräuche rund um das Martinsfest am 11. November sind in unserer Heimat lebendig.

Zur Vorbereitung gehören der Verkauf der Martinslose durch Schüler, womit u.a. die Martinswecken für die Kinder und die Preise für die Fackelprämierung finanziert werden, Laternen basteln, „Knolle- köpp“ schnitzen, das Sammeln des Brennmaterials und der Bau des Martinsfeuers, was allerdings heute von der Feuerwehr und der Stadt besorgt wird. Der Fackelzug selbst, Gänsebraten sowie das Döppekuchenessen sind in unserer Region weit verbreitet und bekannt. Jedoch ein noch älterer Brauch, welcher sich in der alten Römerstadt über Jahrhunderte hindurch bis in die heutige Zeit zum Martinsfest gehalten hat, ist die Gepflogenheit des „Krabbelns“.

Bau des Martinsfeuers auf dem „Monte Klamotte“ (Reisberg), um 1970

Dieses besondere Ereignis, welches alljährlich in Remagen stattfindet, ist in dieser Art und Weise im Kreis Ahrweiler einmalig. Nur im nördlichen Rheinland gibt es ähnliche Umzüge, die als Heischegänge, Gripschen oder auch Kötten bekannt sind. In der nördlichen Nachbarstadt Bonn gehen die Kinder in kleinen Gruppen von Haus zu Haus „schnörzen“.

Das Krabbeln läuft in Remagen nach bestimmten Regeln ab, die im Laufe der Jahre nur geringfügig verändert wurden.

Schon mit dem heidnischen Erntedankfest war die Verteilung von Gaben verbunden gewesen.

Dieser Brauch wurde von den Christen übernommen und mit der St.-Martins-Verehrung in Zusammenhang gebracht. Der 11. November galt früher als Zins- und Geschenktag.

Die Gebefreudigkeit in Stadt und Land machten sich insbesondere auch die fahrenden Schüler und Studenten, die sogenannten Vaganten und Scholaren, zunutze. Mit Gesang erbettelten sie Zehrgeld und Esswaren. Viele der Zöglinge der 1545 gegründeten Herzoglichen Schule am Stiftsplatz zu Düsseldorf waren so arm, dass sie sich ihren Unterhalt ersingen mussten.

Allerlei Schabernack und wunderliche Zeremonien, die nicht ohne derben Humor waren, knüpften sich an die Martinsfeier.

Dass die Jugend mit Fackeln durch die Straßen Düsseldorfs zog, geht aus einer Verordnung der Kurfürstlichen Regierung im Jahre 1781 hervor, laut der es am Martinstage der „abends mit Flambauen auf den Straßen herumlaufenden Stadtjungen“ verboten wurde, solche Fackeln zu tragen und gar damit auf die Kellertüren zu schlagen und sonstige „Ausschweifungen“ zu begehen.

Die organisierten Martinszüge des Rheinlands ergaben sich vielfach aus der Notwendigkeit, die oft wilden Bettelzüge (Heischegänge) der Jugend in geordnete Bahnen zu lenken. Aus dieser Tradition heraus gehen die Kinder in Remagen „krabbeln“.

Der erste organisierte Martinszug wurde in Remagen im Jahre 1909 durchgeführt.

Das Heischen oder Gripschen spielte von alters her bei den Martinsumzügen eine wesentliche Rolle und lässt sich auch an entsprechenden Liedern, die anderenorts gesungen werden, erkennen.

In Remagen gibt ein eigenes Martinslied welches beim Einsammeln der Gaben mit diesem Text nur hier so gesungen wird. Wann es entstand und seit welcher Zeit es so gesungen wird, weiß heute niemand mehr genau zu sagen.

Ausschweifungen und Unfug um den Martinstag in Remagen

Es gab Zeiten, da Baach- und Ovverstäzjen ein eigenes Martinsfeuer entfachen wollten. Baach- und Ovverstäzjen, nach den damaligen Stadttoren, dem Bach- und dem Obertor benannt, waren in zwei feindliche Parteien gespalten.

Es soll sogar Zeiten gegeben haben, als die Stadt sogar in vier Lager zerrissen war und somit vier Feuer abgebrannt wurden. Es kamen noch die Bergstädtischen hinzu, die in der Nähe der Franziskusstatue (oberhalb der Apollinariskirche) ihr Feuer entzündeten und das der Ringstäzje, die das Feuer unten am Rhein abbrennen ließen.

Im Ablauf der Jahre, gab es nur noch zwei Martinsfeuer, die der Baach- und Ovverstäzjen. Die beiden Stadtteile konkurrierten um das größere Feuer. Deshalb versuchte die jeweilige gegnerische Gruppe der anderen das Brennmaterial vorzeitig anzuzünden. So wurden die Sammelwerke, die zu Sankt Martin ein herrliches Feuer ergeben sollten, auf der einen Seite von den Baach-, und auf der anderen Seite von den Ovverstäzjen bewacht, bis sie zu Sankt Martin angezündet werden konnten.

Vor mehr als 170 Jahren…

Dass es zu erheblichen Auseinandersetzungen der rivalisierenden Stadtteile kam, findet man in alten Dokumenten: Am 23.11.1831 will der Landrat von Ahrweiler Auskunft haben über stattgefundene Raufereien der Remagener Knaben, die Bürgermeister Queckenberg nicht gemeldet hatte. Diese Unterlassungssünde trug ihm einen Verweis des Landrates und eine Ermahnung der königlichen Regierung ein. Es sind Akten über diese Verbote vorhanden aus den Jahren 1833, 1855 und 1872.

Ein Brief des Bürgermeisters Beinhauer aus dem Jahre 1872 an die damaligen Lehrer Eifler, Fischer und Beuscher führt dazu an: „Schon gestern vor 8 Tagen wurde der ältere jährlich bei Annäherung des Martinstages übliche Unfug der Knaben dahier, indem sie sich auf den unteren und oberen Theil der Stadt in zwei Parteien zusammenrotten und einander feindselig gegenüberstellen und mit Steinwürfen auf Schlägen verfolgen – begonnen.

Gestern aber schien der Kampf schon in förmlich organisierten sehr zahlreichen Parteien gleichsam entbrannt geführt zu werden.

Es fand ein gegenseitiges Steinwerfen, ein Rennen, Schreien auf Schlagen zwischen dem Schniewind’schen Pensionate und dem Hinterhäuser Wege dermaßen statt, dass Fremde und Einheimische, welche auf der Chaussee und anschließenden Nebenwegen passierten, entweder zurückkehren oder zu Seite in die Felder ausweichen muss-ten und sich augenscheinlich in Gefahr versetzt sahen.

Ich habe heute die Gendarmerie, den Polizeidiener und die Flurhüter aufs Neue zur Unterdrückung jenes Unfuges ernstlich instruiert; weiß auch, dass bei dem fraglichen Unfuge bereits der Schule entlassene Knaben betheiligt sind; indessen sehe ich mich doch veranlasst, auch Sie dringend zu ersuchen, Ihren Schulknaben jede Beteiligung an den polizeiwidrigen gefährlichen, auch die Eintracht und den Frieden der städtischen Knabenjugend in sich störenden Unfuges nachdrücklich untersagen zu wollen.

Remagen d. 16. Septbr. 1872

Der Bürgermeister

Fr. Beinhauer“

Die damaligen Lehrer mussten die Kenntnisnahme des Briefes mit ihrer Unterschrift bestätigen.

Heute sind die Auseinandersetzungen der Baach- und Ovverstäzjen glücklicherweise beigelegt und die Kinder begehen – von einigen Rangeleien abgesehen – friedlich die Feierlichkeiten zum Martinsfest. Jedoch wird, an alte Traditionen anknüpfend, immer noch getrennt nach Baach- und Ovverstäzjen „gekrabbelt’“.

Das Krabbeln in Remagen

In meinen Ausführungen stütze ich mich vor allem auf meine Erinnerungen der Erlebnisse in den 1960er Jahren, bringe aber auch Vergleiche zu früher und heute:

Nachdem wir nochmals mit unserem Lehrer die Martinslieder, besonders das Remagener Martinslied „Hellije Zante Mätes“ eingeübt hatten, verließen wir geordnet die St. Martins-Schule. Wir gingen zur ehemaligen Mädchenschule, damals evangelische Schule, in der Hauptstraße (heute Marktstraße) um uns zum traditionellen „Krabbeln“ aufzustellen. An der Stelle der Mädchenschule steht heute ein Wohn- und Geschäftshaus.

Zu Omas Zeiten trugen die Mädchen Schürzen. Diese hielten sie dann auf, um die Leckereien beim Krabbelumzug einzusammeln. Wir trugen keine Schürzen mehr, deshalb hatte mir meine Oma einen „Krabbelsack“ (ein Leinensäckchen mit langem Umhängeband) genäht.

Da mit Balgereien an diesem Tag gerechnet wurde, war es zweckmäßig, nicht die besten Sachen anzuziehen.

Gegen 11 Uhr stellten sich alle Schüler, vom ersten bis zum letzten Schuljahr, auf dem Schulhof streng getrennt nach Baachstäzjen“ und „Ovverstäzjen“ auf. Die Lehrer hatten uns vorher erklärt, was ein Baach- und was ein Ovverstäzjen ist: Wer nördlich einer gedachten Linie Ackermannsgasse/Schmiedegang wohnte, gehörte zu den Baachstäzjen, benannt nach dem früheren Bachtor. Wer südlich der Linie wohnte, war ein Ovverstäzjen, benannt nach dem früheren Obertor.

„Krabbeln“ in Remagen in der Marktstraße, um 1972

Ich wohnte damals im Remagener Süden und gehörte daher zu den Ovverstäzjen.

Die Schulkinder gingen gemeinsam zu der vorher beschriebenen Trennungslinie. Hier wurde der Anfang des Krabbelzuges gemacht. Mit ständigem Singen des Remagener Martinsliedes „Hellije Zante Mätes…“ lockten die Baach- und Ovverstäzjen die spendenfreudigen Privat- und Geschäftsleute an die Fenster und auf die Balkone, aus denen sie dann kleinere Spielsachen und Süßigkeiten über uns ausgossen.

Fühlte der „reiche Mann“ sich nicht angesprochen, d.h. hatte das Singen nicht den gewünschten Erfolg, so riefen wir „Flüh, Flüh!“ Zu Omas Zeiten sang man noch : „Flüh, Flüh, Läus’ und Wanze, sollen bei üch danze.“

Nach der 1. Station im „Schmiddejang“ trennten sich die Wege der „Baach-“ und „Ovverstäzjen“.

Wehe dem, der die Reviere nicht einhielt, dem konnte es passierten, dass er von der „Gegenseite“ mit einer Tracht Prügel in das ihm zugehörige Revier zurückgedrängt wurde.

Aufsicht über das Gerangel hatten die Lehrer, die ihre Trillerpfeifen mitführten. Nachdem alle Gaben aufgesammelt waren, pfiff der Lehrer auf der Trillerpfeife zum Aufbruch. Oft war dies mit einem Wettrennen verbunden, denn die besten Plätze wollten erobert werden.

Beim nächsten Geschäft oder großzügigen Privatmann, der auch etwas an die Kinder zu verteilen hatte, sangen wir wieder unsere Lieder.

Vor allem die älteren Mitbürger, die diesem Brauch besonders verbunden waren, weil es sie an die eigene Jugendzeit erinnerte, standen oft schon erwartungsvoll mit bereitgelegten Gaben in den oberen Etagen, „spingsten“ hinter den Gardinen und warteten darauf, dass wir die Martinslieder voller Inbrunst absangen. Besonders die zweite Strophe des Remagener Martinsliedes ist für die Remagener der „wichtige“ Teil des Liedes, denn hier wird genau differenziert, wer die „Gegner“ sind, entweder die Baach- oder die Ovverstäzjen:

„Wenn die Rämmele knalle
on die Baach- (Ovver-) Stäzje falle
en de Fall, en de Fall, en de Fall…,“

Erst dann wurden die Fenster geöffnet und es gab die erwartete Belohnung. Während der Rest der 2. Strophe im Gejohle unterging, fielen die „Kamelle“ auf uns nieder. Dann „krabbelte“ im wahrsten Sinne des Wortes die Kinderschar durcheinander, um die beliebten Leckereien zu ergattern und in ihren „Krabbelsack“ zu stecken. Besonders wild wurde die grölende Menge mit zum Himmel gestreckten Armen, wenn sich ein freudiger Spender mit einem Fußball im Fens-ter zeigte. Hier waren Schnelligkeit und Ellenbogenkraft gegen den Nachbarn geboten, denn es galt von den herausgeworfenen Wurfmaterialien möglichst viel einzuheimsen.

Hierbei kam es dann zu Rangeleien und so manche Schürfwunde und gequetschter Finger wurden davongetragen. Mir ging bei einem solchen Handgemenge meine goldene Kommunionuhr, die ich trotz Verbots angezogen hatte, zu Bruch.

Um ernsthaften Raufereien, die früher immer wieder vorkamen, vorzubeugen, dürfen heute nur noch die Grundschüler an dem Krabbelzug teilnehmen.

Der Krabbelzug der Ovverstäzjen führte vom Schmiedegang aus zurück zur Hauptstraße (heute Marktstraße), dann Josefstraße, Grabenstraße, Bahnhofstraße, Bis-marckstraße, Seelenstraße, Fährgasse, vorbei über die Rheinpromenade, die Ackermannsgasse hoch zurück zur Hauptstraße. Danach wurde der Krabbelzug aufgelöst. Es ging zurück zur Schule und nach Hause.

Daheim schütteten wir unsere „Krabbelbeute“ auf dem Küchentisch aus. Wir Geschwister verglichen, wer die besten Sachen „erkrabbelt“ hatte. Es fanden sich Apfelsinen, Äpfel, kleinere und größere Bälle, manchmal auch Comic-Heftchen, kleine Kissen und Steppdeckchen für die Puppen (aus der Steppdeckenfabrik in der Fährgasse). Beliebte Naschereien wie Schokoladentafeln und „Kamelle“ waren dabei.

Fackelprämierung, Martinszug und Martinsfeuer

Damit war der Martinstag aber noch lange nicht vorbei. Es folgte am Nachmittag die Fackelprämierung in der Schule sowie am Abend als weiterer Höhepunkt der Laternenumzug und das Martinsfeuer.

Das Martinsfest klingt in vielen Familien mit dem traditionellen „Döppekoche“ aus. Auch ist die Martinsgans hier und da ein Festschmaus.

Der „Döppekoche“ wird ebenfalls in den Vereinen und Remagener Wirtschaften angeboten. Der mittelrheinische Topfkuchen, mundartlich Döppekoche, Duppes, Döpperdotz, Uhles oder Kesselsknall, ist im Gebiet von Bonn bis Koblenz und von der Eifel bis zum Westerwald eine Art Nationalgericht, wobei Döppe nicht anderes bedeutet als Topf und Kooche oder Dotz ein Stück Kuchen. In der Grundmasse besteht er aus geriebenen Kartoffeln und variiert je nach Geschmack und überlieferten Familienrezepten in den Zutaten (Wurst, Rauchfleisch, Äpfel, Pflaumen u.a.). Ein Leibgericht, das vor allem an den ersten kalten Herbstabenden gerne auf den Tisch kommt.

Die rege Beteiligung und Freude von jung und alt am Martinsfest zeigt alljährlich, dass die Tradition dieses Festes uns wohl noch lange erhalten bleiben wird.

Quellen:

  • St. Martin, sein Leben und Fortwirken in Gesinnung, Brauchtum und Kunst von Carl Vossen.
  • Archivar Langen: Dokumentation des Martinsfestes und seiner Gebräuche v. 03.11.1930
  • Landeshauptarchiv Koblenz, Bestand: 635, Nr. 409.
  • 100 Jahre Franziskaner auf dem Apollinarisberg in Remagen als Hüter eines altehrwürdigen Erbes.