„Hoffnung darauf, dass es mal wieder besser wird“ – Vom Überlebenskampf der Neuenahrer Jüdin Ruth Preiss nach 1933

Im Februar 2003 reiste Ruth Preiss, geborene Soberski, aus dem kalifornischen San Clemente nach Bad Neuenahr, dem Ort ihrer Kindheit. Die DRK-Fachklinik für Kinder- und Jugend­psychiatrie eröffnete im Haus Hans-Frick-Straße 10, ehemals Hotel Westfälischer Hof, ihre neue Tagesklinik. Eingeladen von der leitenden Ärztin Dr. Eva Bergheim-Geyer, kam Ehrengast Ruth Preiss, weil sie etwas zu erzählen hatte über die Geschichte eines der seit Jahren für die bestehende Fachklinik genutzten Gebäude. Die Lindenstraße 4, Teil des vollstationären Klinikbereichs (Lindenstraße 3-4) und früher ebenfalls ein Hotel, war für das Kleinkind und Schulkind Ruth die wichtigste Adresse: Es war ihr Zuhause.

Bei der Eröffnung berichtete die 79-Jährige den Gästen, wie früh sie diese Heimat verlor und auf welch ungewissen Wegen sie ihre ganze restliche Kindheit und Jugend – gleich einer Odyssee – durchlief, Ländergrenzen überschreitend, stets in Angst und gehetzt, wie damals Abertausende andere Menschen jüdischen Glaubens. Ruth Preiss’ Erinnerungen ergänzen die Veröffentlichungen über die Gewaltherrschaft der Nazis im Kreis Ahrweiler1) um die Beschreibung eines Einzelschicksals. Dies ist umso wertvoller, als die kollektive Entrechtung und Verfolgung der ehemaligen jüdischen Mitbürger anhand eines persönlichen Leidensweges auf eine Weise deutlich wird, die besonders berührt und im Gedächtnis haften bleibt. Antijüdische Hetze und Gewaltherrschaft waren in ganz Nazi-Deutschland verbreitet, aber immer wurde dieses „Phänomen“ individuell erfahren und erlitten. Durch ihre Mitteilungen hat Ruth Preiss einen Teil des schmerzlichen Erlebens der Anonymität entrissen. Antiquarin Annemarie Müller-Feldmann, Hans Warnecke, Pfarrer i. R. und Buchhändler Klaus Liewald, seit Jahren um die Dokumentation hiesiger jüdischer Geschichte bemüht, freuten sich daher, Ruth Preiss nochmals detailliert befragen und ihre Schilderungen auf Band aufzunehmen zu können. Dieses Band und der Schriftverkehr (e-mail) zwischen Ruth Preiss und der Verfasserin dienen der vorgelegten Darstellung als Grundlage.

Lindenstraße 4: Wo früher Hotelgäste logierten ist heute eine DRK-Kinder- und Jugendklinik (2003).

Lindenstraße 4, eine noble Adresse

Eine Annonce im Führer für Kurgäste 1914 nennt das Hotel Meyer – Villa Bismarck in der Lindenstraße 4 ein „Israelitisches Haus 1. Ranges“: „Zirka 40 Jahre bestehend. Vorzügliche kurgemäße Küche weitbekannt. Seit Saison 1912 in modernem Hotelneubau. Schönste Lage Neuenahrs an der Promenade des Ahrflusses, den Kuranlagen gegenüber… Aller Komfort der Neuzeit. Elektr. Licht, Zentralheizung, Lift, Warmwasserbereitung auf den Etagen. Vaccuumentstaubungsanlage. Autogarage. Vornehme Diele und Speisesäle. Alle Zimmer haben Terrasse oder Balkon.“ Eine feine Logieranschrift also, die auch das Passende für Else Voss (später verheiratete Soberski und Mutter von Ruth) ihren Bruder Max Voss und dessen Frau Bertha schien. Nicht dort unterzukommen interessierte, sondern der Erwerb des Hauses. Denn Else Voss, ihre Geschwister und die Mutter Johanna Voss lebten vor und während dem Ers­ten Weltkrieg in Didenhofen (Thionville). Als Elsass-Lothringen nach dem Krieg zu Frankreich kam, wurden alle Deutschen ausgewiesen. Hätte die aus Polen stammende Johanna Voss die polnische Staatsangehörigkeit angenommen, hätte sie mit ihren Kindern in Didenhofen bleiben können. Sie fühlten sich aber als Deutsche, gaben lieber den Wohnort auf und wurden in Bad Neuenahr, wo Verwandte der Familienlinie Vos (ursprünglich aus Gelsdorf) lebten, ansässig. Die Zuzugserlaubnis erteilten die das linke Rheinland besetzt haltenden Franzosen jedoch nur, wenn Grundbesitz vorhanden war. So kauften Else, Max und Bertha Voss das Hotel „zwischen 1918 und 1923 von zwei Fräulein Meyer“ und bezogen mit Johanna Voss ihr neues Domizil in der Kurstadt.

Else Voss heiratete später Bruno Soberski. In Berlin lebten sie mit dem dort 1923 geborenen Töchterchen bis zur Scheidung 1926. Danach kehrte Else Soberski mit ihrer Mutter und der inzwischen zweijährigen Ruth ins Bad Neuen­ahrer Hotel zurück. In der Obhut von Mutter und Großmutter wuchs die Kleine zu einem munteren offenen Kind heran. Die Schulkameradin Paula Jochemich: „Sie war lebhaft, lustig, mit ihr konnte man Pferde stehlen“.2) Dem Mädchen saß der Schalk im Nacken. Einmal kritzelte sie ihren Namen, den von Mutter und Oma in die Wand des Hotelspeisesaals. Auch liebte Ruth es, „heimlich den Servierfräuleins, während sie am Küchenschalter aufs Essen warteten, an den schönen gestärkten weißen Schürzen“ zu ziehen. Fast täglich spielte sie mit den Nachbarkindern Hans-August Frick vom angrenzenden Café Frick und Ada und Käthe Gerkrath vom Westfälischen Hof. Zu den Gerk­rath-Mädchen gelangte Ruth ganz einfach durch ein Törchen im Zaun, der die Gärten der Hotels abgrenzte. „…wir haben immer da auf der Straße gespielt und die sind zu mir ins Hotel gekommen, ich bin zu denen ins Hotel gegangen.“ Manches Mal war auch Paula Jochemich dabei, wenn sich die Kinder dort auf der Kegelbahn vergnügten.

Eine unbeschwerte Kindheit? Das politische Klima verpasste ihr während dem Dritten Reich gehörige Risse.

Ansichtskarte
(Luftbild) vom Hotel Meyer, abgesandt am 24. September 1935 von Else Soberski an ihre Schwester.

Vom fröhlichen Kind zum unerwünschten Einwohner

Ruth Soberski gingen die Spielkameraden aus. „Später als HJ-Junge wurde Hans-August in der HJ und wahrscheinlich auch im Elternhaus klar gemacht: Kein Umgang mit Juden“, glaubt sie heute. Zu Ada und Käthe konnte sie ebenfalls nicht mehr, wegen Beschwerden der Gäste. „Die Kunden wollen das jüdische Kind in der Wirtschaft nicht sehen.“ Die Mutter der Mädchen bat Else Soberski, Ruth nicht mehr zu ihnen zu lassen. Ausgrenzung auch in der Schule. Ruth besuchte die Katholische Volksschule für Mädchen. Dem aufgeweckten Kind fiel das Lernen leicht: „Ich war die erste, die alle Gebete auswendig konnte, und da bin ich ganz stolz nach Hause gekommen, hab meiner Mutter gesagt: Vater unser, der du bist im Himmel und so weiter.“ Sie sollte nach dem 4. Schuljahr aufs Gymnasium Kalvarienberg, aber die Ursulinen durften keine Jüdinnen mehr aufnehmen. So blieb sie in der Volksschule. Ab 1933, „von zehn bis zwölf, da hab ich alleine hinten gesessen, da hab ich vielleicht ein bisschen mitbekommen, aber da durfte ich mich ja am Unterricht nicht mehr beteiligen“. Schulsport war gleichfalls passe. „Turnen als jüdisches Kind durfte ich nicht mehr mitmachen… Ich durfte dann einfach ein bisschen später kommen… die Kinder gingen in die Turnhalle durch die Lindenstraße, durch die Allee, genau an unserem Hotel vorbei …und da stand ich dann hinterm Fenster und hab geguckt, wie die alle in die Turnhalle gingen und ich durfte nicht mit.“

Vieles konnte Ruth nicht verstehen. Auf dem Schulweg von der Linden- in die Telegrafenstraße sah sie tagtäglich einen riesigen Plakat­anschlag des Hetzblattes „Der Stürmer“ „mit unmöglichen Anschuldigungen über Juden. Ich hab das oft gelesen und zu mir selbst gesagt: Damit kann ich doch nicht gemeint sein, so bin ich doch nicht“.3) Auch Hilde Reiter und Margot Bach, beide geborene Vos und Schülerinnen des Kalvarienbergs, bemerkten den Klimawechsel. 1933/34 begannen Freundinnen und Mitschülerinnen sie zu schneiden.4) Verlief Anfang der 30er Jahre das Zusammenleben der wenigen jüdischen (1930 mit 382 Juden im Ahrkreis 0,8 Prozent der Bevölkerung) und vorwiegend katholischen Bürger trotz der antisemitischen Propaganda der Nationalsozialisten noch friedlich, so wirkte sich die „Judenpolitik“, offizieller Boykott jüdischer Geschäfte und der Ausschluss jüdischer Mitglieder aus Vereinen, nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler im Januar 1933, auch auf die persönlichen Beziehungen aus. Dass viele Einwohner, sogar NSDAP-Mitglieder, den Boykottaufrufen nicht folgten und dass das Reichswirtschaftsministerium verfügte, „wilde Boykotte“ zu ahnden, gehört zu den zwiespältigen Eindrücken dieser Jahre. Besonders in Kurorten kamen sich politische und geschäftliche Interessen ins Gehege. Zwar trat in Bayern und in zahlreichen Nord- und Ostseebädern, die schon in den 20er Jahren damit geworben hatten, „judenfrei“ zu sein, um antisemitisch gesonnene Feriengäste aus der deutschen Mittelschicht anzusprechen, eine solche Diskrepanz nicht auf. Die Kurorte und Sommerfrischen in Sachsen und im Rheinland aber, die sich als am wenigsten antisemitisch erwiesen, waren ihrer jüdischen Klientel wegen um eine angenehme Atmosphäre bemüht. Jacob Borut5) belegt dies am Beispiel Bad Neuenahr, wo im April 1931 ein Nazi Propaganda Büro eröffnete. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV), der jährlich vor Beginn der Urlaubssaison Listen mit antisemitischen Hotels und Orten veröffentlichte, um jüdischen Reisenden üble Überraschungen zu ersparen, bat daraufhin die Kurdirektion um nähere Informationen. Die schrieb besorgt zurück, versprach, alles in ihrer Macht stehende zu tun, damit das Nazi Büro verschwinde und in jedem Fall sicherzustellen, dass kein jüdischer Gast auf irgendwelche Weise verunglimpft würde, bat aber auch den CV, keine Informationen zu veröffentlichen, die die Gäste vom Erholungsort fernhalten würden.

Ruth Preiss (r.) mit ihrer Mutter Else Soberski und Großmutter Johanna Voss, um 1935

Im Dezember 1935 hatte sich indes die Situation für die Juden weiter verschärft, sodass der NSDAP-Kreisleiter meldete: „Manche jüdischen Pensionen und auch sonstige Betriebe sind schon eingegangen, teils durch freiwilligen Verkauf, teils durch Zwangsversteigerungen, wieder andere werden bald den Fahrschein nach Palästina lösen müssen“.6) Die Kurverwaltung schien ihre jüdischen Gäste allerdings weiterhin halten zu wollen. Im Jahr 1936 befand sie sich mit ihrer liberalen Haltung sogar im Einklang mit den Nationalsozialisten, die im Umfeld der Olympiade den Eindruck eines friedliebenden Deutschlands zu erwecken suchten. Jedenfalls erinnert sich der im Sommer 1936 als Kantor und Religionslehrer der Synagogengemeinschaft Bad Neuenahr im Kurort weilende Professor Walter Kaufmann: „Besonders in Bad Neuenahr merkte man während der Kurzeit nichts von einem aggressiven Antisemitismus. Die Kurverwaltung stand uns besonders wohlwollend gegenüber: Kurkarten wurden ohne weiteres verteilt, nirgends gab es irgendwelche Aus­schließungen oder Beschränkungen für Juden. Ich kann mich nicht entsinnen, die üblichen Aufkleber ‚Juden unerwünscht’ an Geschäften oder Lokalen gesehen zu haben. Ich erfuhr, dass einige Juden sogar im Kurhotel und anderen ‚arischen’ Hotels ungestört logierten. Ohne Aufforderung schickte mir die Kurverwaltung unentgeltlich eine Kurkarte.“7) Dennoch verstanden nicht wenige Juden die Zeichen der Zeit. Hilde Vos besuchte in jenem Sommer 1936 ein jüdisches Lager im Siebengebirge und absolvierte danach eine landwirtschaftliche Ausbildung, beides vorbereitende Maßnahmen für ihre Auswanderung nach Palästina (1939). Ilse Vos und ihre Freundin Margot Rosenberg wanderten 1934 nach Palästina aus. Den gleichen Entschluss realisierte 1935 die Familie von Margot Vos nach deren Schulzeit auf dem Kalvarienberg.8) 1935 entschied auch Else Soberski, auf Anraten des Kölner Rabbiners Dr. Wolf – unter dessen religiöser Aufsicht sie das Hotel als ein streng koscheres führte – und unter dem äußeren Druck der politischen Verhältnisse, dass ihre Tochter Ruth fortan im Israelitischen Waisenhaus Dinslaken leben und lernen sollte.

Das Waisenhaus in Dinslaken

Zwar hatte Ruth in Bad Neuenahr jüdischen Religionsunterricht erhalten, die Synagoge besucht und war in die im Hotel begangenen jüdischen Feste eingebunden. Von einer streng orthodoxen Lebensführung konnte aber keine Rede sein. Im Waisenhaus gehörte das Mädchen plötzlich zur Schülerschar der Klassen 1 bis 8, die in einem Raum von einem Lehrer unterwiesen wurde und sehr viel Unterricht in Hebräisch hatte, einer Sprache, die Ruth überhaupt nicht beherrschte. Sie fühlte sich derart unwohl, dass sie zuerst weglaufen mochte, sich schließlich bis zu den Heimat-Ferien bezwang, aber nicht mehr zurück wollte. Die Mutter machte ihr klar, dass es sein muss­te. Daraufhin blieb Ruth in der ungeliebten Erziehungsstätte, bis diese am Morgen des 10. November 1938 zerstört wurde. Die Kinder sperrte man mit anderen Dinslakener Juden zwei Tage in einem Theatersaal auf Stroh ein, dann wurden sie auf jüdische Familien in Köln verteilt, und nach diesen schlimmen Ereignissen konnte Ruth endlich zu ihrer Mutter an die Ahr. Auch Else Soberskis Hotel – ihr Bruder Max und seine Frau waren inzwischen ausbezahlt und lebten in Bonn – hatte in der „Kristallnacht“ brutal Schaden genommen. „Der Teil des Hotelnamens Villa Bismarck war vollkommen mit Anstreicherfarbe zugeschmiert. Fenster wurden eingeschlagen, Spiegel, Waschbecken, Geschirr, Möbel sowie alles, was zerschlagbar war, wurde damals zertrümmert“, erinnert sich Ruth Preiss. An den Zerstörungen jüdischer Inneneinrichtungen durch einen SS-Trupp aus Wiesbaden beteiligten sich auch ansässige NS-Vandalen: „Im Hotel Meyer zerschlug ein Einheimischer mit einem dicken Knüppel und unter höhnischem Gelächter den Kronleuchter im noblen Entree.“9)

Reise ins Ungewisse

Trotz der Not und Angst, die Ruth während ihrer Flucht erleben sollte, war es ihr Glück, dass sie, inzwischen 15-jährig, am 6. Januar 1939 mit einem DRK-Kindertransport in ein Kinderauffangheim nach Middelkercke/Belgien kam. „Das war wunderschön“, weiß sie noch. Die nächste Station ist eine jüdische Familie in Brüssel, dann eine nichtjüdische in Antwerpen, die will, dass Ruth die Schule besucht und das jüdische Komitee das Schulgeld bezahlt. Das Komitee lehnt ab. Die Familie übergibt Ruth wieder dem Komitee, die das Mädchen in eine Erziehungsanstalt steckt. Zwei, drei Monate später nimmt eine orthodoxe Familie in Antwerpen Ruth auf. „Und die haben mich als Dienstmädchen ausgenützt“, so Ruth Preiss. Als 1940 eines Morgens das gegenüberliegende Haus durch Bomben in Flammen steht, überstürzen sich die Ereignisse. Die Familie steigt in ein Taxi, um nach Frankreich zu flüchten, ohne Ruth, die buchstäblich auf der Straße stehen gelassen wird. Ruth geht zu einer ehemaligen Hotelangestellten. Die gibt ihr Geld für die Fahrt nach Brüssel, wo sie die Frau aufsucht, die den DRK-Kinder-Transport in Belgien empfing. Deren Mann wurde gerade nach Frankreich abgeschoben, und so nimmt Ruth mit ihr den letzten Zug, der aus Belgien rausgeht, nach Frankreich. Weil die Personenwagen voll sind, fahren sie im Viehwaggon. Es dauert Tage, bis die Passagiere, die kaum zu essen bekommen und Wasser aus einem einzigen Küchentopf trinken, in Südfrankreich ankommen.

Die Ankunft im ersehnten Zielland aber widerspricht allen Hoffnungen. Ruth landet im gefürchteten Konzentrationslager Gurs, wo die Juden bizarrerweise mit Nazis zusammen gefangen gehalten werden: „Da kam die 5. Kolonne mit uns ins Konzentrationslager. Da waren wir alle gleich“. Verpflegung gibt es in der Kantine zu kaufen. „Wer kein Geld hatte, der hatte so gut wie nix zu essen.“ Eine Mitgefangene, die von einem kommunistisch-jüdischen Komitee Österreichs unterstützt wird, teilt ihr Brot mit der 17-Jährigen. Fern ihrer Familie und immer abhängig von fremder Hilfe, denkt Ruth in Gurs auch über Religion nach. „Und da bin ich zu dem Entschluss gekommen, nix zu glauben. Und seitdem kann mich auch keiner mehr überzeugen. Das ist für mein ganzes Leben geblieben“. Mit Hilfe einer kommunistischen deutschen Familie, die in Toulouse ansässig war, werden Ruth und weitere Juden entlassen.

Ruth ist schon lange nicht mehr das unbeschwerte Neuenahrer Mädchen. Ihr Durchhalte- und Überlebenswille lassen sie stets auf der Hut sein. Das zeigt sich zum Beispiel in Toulouse, wo in einer Schule Marken an belgische Flüchtlinge ausgegeben werden sollen. Ruth wittert Gefahr, als die Zugänge verriegelt werden. „Also im Moment, wo das abgesperrt war, dass es hieß, keiner kommt mehr rein und raus, da hab ich mein Köfferchen – war alles, was ich hatte – im Stroh stehen lassen, bin raus gegangen, wie ich war und hab gesagt, ich hab hier jemand gesucht. Auf Wiedersehen.“ Später kommt sie zurück: „Mein Köfferchen stand noch brav im Stroh.“ Von Toulouse aus reist sie als Kindermädchen mit einer jüdischen fünfköpfigen Familie nach Saint Cyprien – etappenweise per Auto und Zelt. Nachts sucht der Familienvater die körperliche Nähe der jungen Mitreisenden, woraufhin die Bedrängte in Saint Cyprien die Familie verlässt. Dort trifft sie die Bekannte wieder, mit der sie nach Frankreich kam. Beide leben unter erbärmlichsten Verhältnissen in einem Theatersaal, hausen dann in einer verlassenen Hütte. „Zur Erntezeit mussten wir aber wieder raus, da der Bauer die Hütte für seine Erntearbeiter brauchte.“ Woher nur nahm Ruth die Kraft, im Überlebenskampf nicht nachzulassen? „Ich glaube, es ist einfach die Hoffnung darauf, dass es mal wieder besser sein wird“, meint sie heute. In Perpignon finden Ruth und ihre Bekannte Unterschlupf im Zigeuner-Viertel: ein Zimmer im 3. Stock, „unser ganzes Hab und Gut zwei Strohsäcke“, tags­über kein Wasser, als Toilette ein Loch am Eingang. Wenn eine Razzia drohte, wagten sie sich nächtelang nicht nach Hause. „Es war ein Dahinvegetieren, bis wir mit dem Mut der Verzweiflung, den Versuch unternahmen, über die spanische Grenze zu entkommen.“

Die Flucht mit einem gemieteten Krankenwagen auf die Pyrenäenhöhe und zu Fuß bergab nach Spanien gelingt. Dass sie in Spanien mit den Mitflüchtlingen für zwei Monate inhaftiert wird, kann die 19-jährige Ruth nicht aus der Fassung bringen: „Da war eine Frau, die war am Heulen… da hab ich gedacht, warum heult die denn, die schicken uns doch nicht zurück zu den Deutschen. Ist doch gut, dass wir hier bleiben dürfen.“ Bis zum Ende des 2. Weltkrieges bleibt Ruth in Spanien.

Von dort aus emigrierte sie nach Montevideo, Uruguay, zu einem Bruder ihrer Mutter und seiner Frau. Später ging sie nach Argentinien, wo sie ihren Mann Erich Preiss kennenlernte und mit ihm und dem 1952 geborenen Sohn Henry bis 1954 lebte. In der Zeit von 1954 bis 1961 wurde die Familie, die 1957 Zuwachs durch den zweiten Sohn Robert (in Montevideo, Uruguay geboren) bekam, in Bad Neuenahr ansässig. Ruth Preiss versuchte vergeblich Ansprüche auf das Hotel ihrer Mutter geltend zu machen, das nach den Zerstörungen in der Kris­tallnacht nicht mehr nutzbar war und wegen Steuerschulden zwangsversteigert wurde. Ihre Oma Johanna Voss hat das Schlimmste nicht mehr miterleben müssen. Sie starb am 20. März 1935 und ist auf dem jüdischen Friedhof Bad Neuenahrs begraben. Ruths Mutter Else Soberski, die einst so hoffnungsfroh ins Rheinland gekommen war, verließ nach der Versteigerung des Hotels Bad Neuenahr. Daraufhin pflegte sie im Haushalt eines jüdischen Arztes in Köln dessen alte Mutter bis zu deren Tod. Zuletzt lebte sie im Haushalt des Rabbiners in Moers, von wo aus sie in das Konzentrationslager Riga deportiert wurde. Sie und Ruths Vater wurden im Konzentrationslager Riga ermordet. Das ehemalige Hotel Meyer – Villa Bismarck kam nach dem Krieg in den Besitz des DRK Nordrhein. Ruth Preiss erhielt in einem Vergleich für das Haus nur 12 000 DM, was sie lange erbittert hat. Als sie jedoch erfuhr und sah, dass in ihrem früheren Zuhause, eine Klinik entstanden war, wo psychisch kranken Kindern geholfen wird, hat ihr das geholfen, sich mit dem Verlust zu versöhnen.

Anmerkungen:

  1. siehe zum Beispiel Leonhard Janta: Kreis Ahrweiler unter dem Hakenkreuz, Bad Neuenahr-Ahrweiler 1989; ders.: „Man konnte uns aus der Heimat vertreiben, aber man konnte die Heimat nicht aus uns vertreiben“, in: Heimatjahrbuch des Kreises Ahrweiler 1992, S. 84-89 und Rudolf Menacher und Hans-Ulrich Reiffen: „Knoblauch und Weihrauch – Juden und Christen in Sinzig 1914 bis 1992, Bonn 1996.
  2. Interview mit Paula Jochemich, Kreuzstraße, am 2. Juli 2003.
  3. Notizen von Ruth Preiss vom 4. 02. 2003, geschrieben während ihres Besuchs in Bad Neuenahr anlässlich der DRK-Klinikeröffnung.
  4. Leonhard Janta: „Man konnte uns aus der Heimat vertreiben…“, S. 86 und 87, siehe Anm. 1.
  5. Jacob Borut, Antisemitism in Tourist Facilities in Weimar Germany, in: Yad Vashem Studies, Vol. XXVIII, Jerusalem 2000, S. 7-50.
  6. Leonhard Janta: Kreis Ahrweiler unter dem Hakenkreuz, siehe Anm. 1, S. 226.
  7. Prof. Dr. Walter H. Kaufmann: Erinnerungen an die Zeit als Religionslehrer, Kantor und Prediger der Synagogengemeinde Bad Neuenahr im Jahre 1936, in Heimatjahrbuch Kreis Ahrweiler 1989, S. 46-50.
  8. Leonhard Janta: „Man konnte uns aus der Heimat vertreiben…“, S. 86 und 87, siehe Anm. 1.
  9. Hubert Rieck: Aus der Geschichte des Heilbades Neuenahr: Die Lindenstraße im Wandel der Zeit, Heimatjahrbuch des Kreises Ahrweiler 1992, S. 90-93, S. 92. Auch der prächtige gläserne Aufzug mit Goldgitter, der Paula Jochemich als Kind so beeindruckte, ging zu Bruch (Interview am 2. Juli 2003).

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