Ein Bild erzählt Bodendorfer Geschichte

Das Heimatarchiv von Bad Bodendorf ist um eine museale Gabe reicher: Aus Familienbesitz wurde ein Bild gestiftet, das durch die Personen und den Ort der Handlung lokal-historische Abläufe und Ereignisse dokumentiert.

Das Bild

Das Bild ist 90 x 73 cm groß und von einem wuchtigen, 13 cm breiten, dunklen Holzrahmen eingefasst. Durch Profilleisten und Gehrungen ist der Rahmen gegliedert. In die Bildrückwand ist ein 50 x 43 cm großer und ca. 6 cm tiefer Kasten integriert. In diesem befindet sich das Bildnis einer jungen Frau. Ihr Bild ist von einem Efeukranz mit marmorierten Blättern umrankt. Auf einem Sessel sitzend, ist das Mädchen mit fußlangem Faltenrock und einem taillierten und hochgeschlossenen Oberteil abgebildet. Ihr Haar mit Mittelscheitel ist straff zurückgekämmt. Um den Hals trägt es eine Holzkette mit Kreuz.

Die Widmung

Unter dem Bild steht handschriftlich ein Gedicht, das den Liebreiz und die Tugend der Frühverstorbenen preist.

Ach, so plötzlich mußtest Du verrinnen,
Du des jungen Lebens schöner Quell;
Unter Blumen sahn wir Dich beginnen,
Doch die Lebensblühte sinkt oft schnell.

In der Jugendblühte abgerissen,
Gingst Du früh der schönen Heimat zu,
Deine engelreine Seele schwebt
In der Lichtgefilde ewger Ruh.

Du sprosst empor, als Blümlein zart,
In treuer Pflege wohl bewahrt,
Und aller Wartung, Sorg und Müh
Belohntest schon als Knospe Du.

Da sprach der Himmelsgärtner mild:
Zu rau ist für Dich dies Gefild.
Ich pflanze Dich in den Himmel ein,
Um ewig seelig dort zu sein.

Deine Teuren sehn mit nassen Blick
Der entflohenen Blume trauernd nach.
Und beweinen, dass durch das Geschick,
Früh schon Deine Lebensblühte brach.

Doch bald schlägt uns des Wiedersehens Stunde,
Wenn auch unser Leib in Staub zerfällt.
Süßer Trost! Wir sehen einst und finden
Dort uns wieder in der besseren Welt.

Den lieben Eltern, Geschwistern und
Verwandten zur dauernden Erinnerung
An ihre geliebte Trina, gewidmet von den Vettern
Joh. Jos. und Heinr. Ockenfels

Anna Catharina Hubertine Giesen (27.1.1866-26.1.1885) in Bodendorf

Bild und Gedicht sind eine Gabe „den lieben Eltern, Geschwistern und Verwandten zur dauernden Erinnerung an ihre gebliebte Trina gewidmet“. Die Stifter sind die Vettern Joh. Jos. und Heinr. Ockenfels.

Wer ist die geliebte Trina; wer sind die Eltern und Geschwister; wer die Vettern? Die heutigen Verwandten wissen nur: Das Bild ist alt und stammt aus Familienbesitz.

Die Personen

Die „liebe Trina“ ist Anna Catharina Hubertina Giesen. Sie ist am 27. Januar 1866 im alten Gehöft Giesen in Bodendorf, heute Simons, „Wie Daheim“ in der Hauptstraße 80, geboren. Dort stirbt sie, 19 Jahre jung, am 26. Januar 1885. Ihre Eltern sind Josef Giesen (* 3.4.1827, † 30.1.1897) und Margaretha Joseph Lieberz (*1826 in Buschhoven, †19.9.1896). Ihr Ururgroßvater ist Matthias Giesen (*5.12.1711, †14.3.1797); ihr Urgroßvater ist der Schultheiß und Schöffe gleichen Namens (*7.4.1748, †4.8.1815). Der ältere Matthias beginnt 1752 das uns überlieferte Anschreibebuch; sein Sohn führt es bis zu seinem Tode weiter. Dieses Anschreibe- und Verkaufsbuch ist eine wertvolle Quelle für die Geschichte und den Alltag Bodendorfs in der Zeit von 1752 – 1812.1)

Die Stifter des Bildes, die Gebrüder Ockenfels, sind ebenfalls gebürtige Bodendorfer. Johannes Josef Ockenfels erblickt am 29. Dezember 1856 hier das Licht der Welt; sein Bruder Heinrich Bartholomeus wird am 25. März 1860 geboren. Ihr Geburtshaus ist das heutige Gehöft Heinz Giesen, Hauptstraße 102.

Johannes Josef wird Priester. Wegen des Kulturkampfes, der Auseinandersetzung zwischen dem Reich und dem Heiligen Stuhl muss er im Ausland, in Innsbruck, studieren. Dort wird er am 4. Juli 1880 ordiniert. Seine Primiz wird jedoch unter großer Anteilnahme der Gemeinde in Bodendorf gefeiert. Dies, obwohl die Bodendorfer Pfarrstelle wegen des Kulturkampfes von 1874 – 1885 nicht besetzt ist. Nach seelsorgerischer Tätigkeit am kaiserlichen Hof in Wien, so die Familienüberlieferung, wird er 1887 Kaplan in Trier. Von 1889 an ist er Pfarrer in Bretzenheim a. d. Nahe. Im Jahre 1902 schließlich wird er zum Pfarrer von Oberwinter ernannt, wo er am 18. Juli 1913 stirbt.

Sein Bruder Heinrich übernimmt und bewirtschaftet den väterlichen Hof. Er heiratet 1887 Anna Barbara Langen aus Oberwinter. Einer seiner Trauzeugen ist sein Onkel Josef Giesen, der Vater von Trina. Alle Kinder, ein Sohn und drei Töchter, werden zwischen 1888 und 1892 in Bodendorf geboren.

Ein Patenonkel seiner zweiten Tochter ist Josef Ockenfels aus Brühl. Patenonkel des jüngsten Kindes, Anna Catharina Hubertina, ist der Pfarrherr aus Bretzenheim. In deren Namensgebung zeigt sich die stete Erinnerung an die frühverstorbene Cousine, zu deren Gedächtnis die Gebrüder das Bild gestiftet haben. Heinrich Barthel Ockenfels beerbt später seinen Brühler Onkel.

Das Gehöft Giesen, der frühere Nonnenhof, auf einem Aquarell von Franz Steinborn, 1947. Das Nebengebäude zur gemeinsamen Toreinfahrt mit dem ehemaligen Pastorat Fey hin, ist heute abgerissen. Im Erdgeschoss waren Stallungen, darüber Kammern. Gegenüber steht das gleichfalls abgerissene Müllersche Häuschen, heute Volksbank.

Jetzt Brauereibesitzer, verkauft er 1894 seinen väterlichen Hof an Onkel Josef Giesen. In der Kaufurkunde heißt es, dass er bisher in Bodendorf, in Zukunft jedoch in Brühl, wohnhaft sei.

Der Hof

Das Gehöft, das 1894 den Besitzer wechselt, ist der „Nonnenhof“. So wird er im 18. Jahrhundert im Dorf genannt. Es ist das Klostergut von St. Thomas zu Andernach. Dieses Kloster heißt ursprünglich Marien- oder Liebfrauenkloster. Ab dem Jahre 1482 nennt es sich „Kloster unserer lieben Frau zum Heiligen Thomas“. (Thomas Beckett von Canterbury). Über 800 Jahre ist dieses Augustinerinnenkloster in Bodendorf begütert.2)

Erstmals wird Besitz des Klosters in Bodendorf im Jahre 1160 erwähnt, gleichfalls um 1200. Beurkundet werden Schenkungen von Weinbergen. Im Tausch gegen Güter in Bonn erwirbt das Kloster im Jahre 1259 den Hof des Stifts Kerpen. Der Besitz von St. Thomas in Bodendorf ist 1282 so groß, dass es von 15 Hofleuten bewirtschaftet wird. Darunter sind die Laienbrüder Henricus und Matthias. Im gleichen Jahr wird jener Matthias Hofmeister genannt. Dies erfahren wir bei einem für die Ortsgeschichte interessanten Rechtsstreit zwischen Kloster und Konrad von Saffenberg. Strittig ist eine angebliche Grenzüberbauung. Bei der Ortsbesichtigung am Streitobjekt sind auch „Pfarrei oder Gemeinde“ als Zeugen geladen. Neben der Ersterwähnung einer Pfarrei werden namentlich Schultheiß, Bürgermeister, Schöffen und die Lage des Hofes bekannt. Dieser erste St. Thomashof steht am Eingang zum Ellig, zur Kirche hin. Später wird dieser Hof zum Keller- und Kelterhaus von St. Thomas, heute Ellig 6-10. Gegenüber steht der später erbaute neue „Nonnenhof“, die heutige Hofreite Giesen, zuvor Ockenfels.

Die Geschichte des Klosterbesitzes von der Erstnennung im 12. Jahrhundert bis zur Säkularisation 1802/04 ist wechselhaft. Sie spiegelt die Geschichte des Dorfes und der Region. Bereits im Jahre 1249 überträgt der Konvent des Klosters Waldbesitz zu Bodendorf an Gerhard II. von Landskron. Es verpflichtet ihn so zum Schutze ihres Bodendorfer Besitzes. Gleiches geschieht 1428 als das Kloster einen Schutz- und Steuerbefreiungsvertrag mit Kraft von Saffenberg abschließt. Durch Übertragung von 12 Morgen Wiesen und 15 Mark jährlich aus dem Klosterwingerten erhält es Befreiung von Diensten, Dinglichkeiten und Abgaben. Diese Befreiung gerät in späteren Zeiten immer wieder in Vergessenheit und muss bei den jeweiligen Bodendorfer Lehnsherren stets eingeklagt werden.

Nach vielen Drangsalen im 30-jährigen Krieg wird 1642 Bodendorf gebrandschatzt, Dorf und Kirche niedergebrannt. Bereits 1646, noch während des Kriegs, verkauft die Gemeinde ein Stück Land an das Kloster „Zur Auferbauung unserer Kirchen“. Dieses Stück Land grenzt an den Nonnenhof und stößt auf den „Gemeinen Graben“ (Dorfgraben) sowie seitlich an den „Gemeinen Weg“ (Ellig), d.i. der heutige Garten Giesen.

Nach dem 30-jährigen Krieg wird der Hof nicht mehr eigenbewirtschaftet, sondern verpachtet. Die Hofpächter sind „Halbwinner“, Halfen des Kloster und namentlich bekannt. Der klösterliche Landbesitz ist jedoch so groß, dass Teile auch an andere Bodendorfer Bürger verpachtet werden. In der Franzosenzeit wird – wie aller geistliche und adelige Besitz im linksrheinischen Gebiet – auch das Kloster St. Thomas enteignet und aufgelöst.

Pastor Bartholomäus Fey (1803-1834) wählt bei seinem Dienstantritt in Bodendorf das St. Thomaser Keller- und Keltergebäude zu seiner Wohnstatt. Das Bodendorfer Pfarrhaus an der Kirche ist baufällig und unbewohnbar. Er kann das Kelterhaus beziehen. Ein Freund aus Bonner Tagen, jetzt der Domänenverwalter der eingezogenen Güter im Departement Coblenz, vermittelt dies. Pastor Fey ersteigert 1804 dann in Koblenz zusammen mit Freunden den Nonnenhof. Einer dieser Freunde ist Herr von Pröpper aus Bonn, der Bodendorfer Burgbesitzer. Fey bietet jedoch nicht selbst, sondern verpflichtet einen gewerblichen Händler, Simon Baruch aus Bonn. Dieser ersteigert im Auftrag am 9. Februar 1804 den Hof. Das Hofgut umfasst neben den Gebäuden 0,63 ha Garten, 13,61 ha Land und 6,93 ha Weinberge. Angeboten mit einem Schätzpreis von 25100 francs, wird es für 45300 francs zugeschlagen.

Vor 1824 verkaufen Pastor Fey und seine Freunde das Gehöft an Georg Alfter aus Bonn. Dieser ist Besitzer des Hofes bei der Urkataster-aufnahme 1828. Aus seinem Anteil am Erlös baut Fey sein Pastorat, das heutige Haus Büchel, Hauptstr. 110. Um 1850 geht das Gehöft in den Besitz der Familie Ockenfels über. Heinrich Barthel Ockenfels schließlich verkauft den Hof mit lebendem und totem Inventar für 3000 Mark seinem Onkel Giesen. Der Hof, ein landwirtschaftlicher Vollerwerbsbetrieb, ist seit 1894 in der 4. Generation in Familienbesitz.

Ausklang

Ein altes Bild spiegelt so über 800 Jahre Bodendorfer Ortsgeschichte. Vom Hochmittelalter über den 30-jährigen Krieg, Franzosenzeit und Säkularisation, preußische Rheinprovinz und Kulturkampf spannt sich der Bogen bis zur Gegenwart.

Quellen:

  1. Seel, K. A. Ein altes Bodendorfer Anschreibebuch berichtet, HJB AW 1997, S. 149-153
    ders. „Ein Fetternbeth mit Bühl und zwey Küssen“. Aus dem Anschreibebuch des Matthias Giesen zu Bodendorf, HJB 1998, S. 173-177
  2. Seel, K. A. Die Geschichte Bodendorfs von den Anfängen bis zum 19. Jahrhundert, in: Haffke, J. und Koll, B., Sinzig und seine Stadtteile, Sinzig 1983, S. 330 – 426, spez. S. 367 – 371