„(…) von frühest-mittelalterlicher, vielleicht fränkischer Gründung“? Anmerkungen zur Geschichte der Wensburg im Lierstal

Vorbemerkung: „Burgen-Erlebniswege Ahr & Adenauer Land“ 

Zusammen mit den Bürgermeistern der Stadt und der Verbandsgemeinde Adenau, Bernd Schiffarth und Hermann-Josef Romes, wurde vor längerer Zeit beschlossen, das von mir entwickelte touristische Projekt „Burgen-Erlebniswege Ahr & Adenauer Land“ zu realisieren. Burgen-(Rad-)Wanderwege entstanden in den letzten Jahren vielerorts, etwa die „100 Schlösser-Route“ im Münsterland oder der „Wasserburgen-Radwanderweg“ zwischen Bad Godesberg und Aachen, der 1998 auf Initiative des TV-/Radio-Journalisten Dr. Dirk Holtermann1), der im Euskirchener Landrat Rosenke einen Förderer fand. Anderenorts entschied man sich für Burgenlehrpfade, die nicht nur Wander-/Radwege sein sollen, sondern mit Broschüren und einheitlichen Informationstafeln Wissen über die Burgen am Rande der Wege vermitteln: Vorbildlich war der „Burgenkundliche Lehrpfad Haßberge“2), zu dem das Büro für Burgenforschung Dr. Zeune in Eisenberg-Zell/Allgäu das Konzept lieferte. Träger sind dort der Landkreis und der Naturpark Haßberge.3) In der Eifel wurde der Wanderweg „Auf den Spuren der Ordensritter“ angelegt, der historische Stätten (Burgen, Kirchen) erschließt, die im Zusammenhang mit dem seit 1162 in Adenau ansässigen Johanniter-/Malteser-Orden standen. Ausgangspunkt und Zentrum des von Bürgermeister Schiffarth (Adenau) initiierten Lehrpfades ist die Stadt Adenau, deren Museum seinerzeit um eine Johanniter-/Malteser-Abteilung erweitert wurde.4) Das bisher umfänglichste, wissenschaftlich fundierte Burgenlehrpfadsystem stellen die „Burgen-Erlebniswege Hegau, angrenzende Schweiz und westlicher Bodensee“ (BEH) dar, die über 80 Burgen, Schlösser und Festungen erschließen.5) Die BEH wurden nach meinem Konzept 2001/02 in Zusammenarbeit mit der AG Hegau und Schaffhausen und dem Landesvermessungsamt Baden-Württemberg eingerichtet. Sie haben zur Förderung des Tourismus nachweislich beigetragen. Auch die Region Ahr & Adenauer Land bietet eine Vielzahl bemerkenswerte Burgen, Schlösser und Festungen, von denen einige touristisch erschlossen werden könnten. Die Grundlagen dazu sind vorhanden: Nachdem mich das Europäische Burgeninstitut (EBI) bereits 1999 mit der Inventarisierung der Burgen im Kreis Ahrweiler beauftragte6) ist die wissenschaftliche Erfassung aller Objekte inzwischen abgeschlossen. 2003 konnte so bereits ein Führer zu ausgewählten Burgen und Schlössern in der Hocheifel und an der Ahr vorgelegt werden.7) Ein ausführlicher Burgen-/Schlösser-Führer zur Region Ahr und Adenauer Land ist derzeit in Arbeit; der erste Band wird 2004/05 erscheinen. Erschließen sollen die „Burgenerlebniswege Ahr & Adenauer Land“ mittelalterliche Burgen und Ortsbefestigungen, frühneuzeitliche Schlösser und Festungen, aber auch vor- und frühgeschichtliche Objekte, sofern diese durch vermehrtes Besucheraufkommen nicht gefährdet sind. Hinzu kommen nur in Sagen greifbare Burgen, deren historische Existenz meist fraglich ist. Trotzdem könnte auch die Einbeziehung solcher sagenhafter Orte von Interesse sein. So schrieb Gottfried Kinkel (1849) über die oberhalb des Ahrtales zwischen Dümpelfeld und Hönningen gelegene Teufelsley8), die Volkslegende sähe darin die Trümmer eines Schlosses, „das hier der Teufel im Trotz gegen Gott himmelhoch aufgerichtet habe. […] Sein halbfertiges Schloß zerschmiß ein einziger Stoß der Gotteshand, und wirklich macht der Fels den Eindruck einer zyklopischen Burgruine.“ Von einer möglichen Burg auf der Teufelsley gibt es jedoch keinerlei historische Nachrichten oder gar Baureste. Zu den Burgen, die bedauerlicherweise nicht durch das Projekt Burgenerlebniswege erschlossen werden können, gehört die in Privatbesitz befindliche, seit Jahren in Verfall befindliche Wensburg im Lierstal, deren Betreten verboten ist. Da diese spätmittelalterliche Burg architektonisch und burgenkundlich von überregionaler Bedeutung ist, sei sie an dieser Stelle auf der Grundlage neuester Erkenntnisse den Lesern und Leserinnen des Heimatjahrbuches vorgestellt. 

Einleitung

Bereits mehrfach war die Wensburg bei Obliers (Gemeinde Liers, Gesamtgemeinde Hönningen) Objekt heimatkundlicher Betrachtungen, doch steht die burgenkundliche Erforschung und Zuordnung der architektonisch bedeutenden, allerdings im Zustand rasanten Verfalles befindlichen Burg noch aus. Hier ist nicht der Raum für einen Gesamtüberblick über die Literatur zur Wensburg gegeben; es soll daher der Verweis auf einen Aufsatz genügen: In der Zeitschrift ‘Burgen und Schlösser’ 1997/II erschien der Artikel „‘[…] verschwunden ist der Bogen’. Betrachtungen zur Wensburg im Lierstal“, in dem Gabriele Nina Bode auf den „erbarmungswürdigen Zustand der Wensburg“ 

verwies und den Forschungsstand der Literatur zusammenfaßte.9) Heute, 6 Jahre später, ist der Verfall dieser bemerkenswerten spätmittelalterlichen Frontturmburg rapide vorangeschritten. 

Bei meinen Forschungen zum Burgenbau in der Eifel berichteten mir im Herbst 2002 mehrere Bewohner/innen der Region, sie oder ihre Eltern hätten die Wensburg noch in bewohntem Zustand gesehen oder gar besucht. Nachforschungen ergaben, dass umfängliches Fotomaterial in einigen Privatarchiven vorhanden ist. Und im Archiv des Vereins für Heimatpflege e.V. Adenau — die Wensburg gehörte bis zur Auflösung des Kreises zum Kreis Adenau — fanden sich Fotografien, die das Aussehen und den Verfall der Burg seit dem Beginn des 20. Jh. dokumentieren. Schließlich erbrachten Forschungen zur Heimatschutzarchitektur in der Eifel interessante Verweise auf einen geplanten, aber nicht ausgeführten Ausbau der Wensburg zum Jagdgut in den 1920er Jahren. All dies bietet Anlass zu einer ausführlicheren Darstellung der jüngeren Geschichte der Burg, deren Erforschung damit jedoch noch lange nicht abgeschlossen ist. Dank gebührt an dieser Stelle den Herren Wolfgang Pantenburg und Hermann Lehmann aus Adenau, die mich auf die historischen Fotografien aufmerksam machten. Herr Lehmann, Vorsitzender des Adenauer Vereins für Heimatpflege e.V., stellte Aufnahmen aus seinem Archiv für diesen Aufsatz zur Verfügung. 

Geschichte10)

Spärlich sind die Nachrichten aus der Geschichte und Baugeschichte der Wensburg vor dem 19. Jh.. Wann sie gegründet wurde, ist nicht bekannt. Ihre erste bekannte Nennung liegt mit einer Urkunde aus dem Jahre 1401 vor, in welcher der Ritter Dietrich v. Gymnich demKölner Erzbischof Friedrich das Öffnungsrecht an der Burg, d.h. den Zugang zur Burg im Bedarfsfall, einräumte11). Dietrich sagte zu, das „Haus zu Wentzbergh“, also die Burg, „mit allen synen Muren, Portzen, Graven und Vurburge“ (= „mit allen seinen Mauern, Toren, Graben und Vorburg“) zu öffnen. Ungeklärt bleiben auch die Indizien auf eine mögliche Vorgängeranlage ca. 500 m entfernt von der Wensburg: Bei Begehungen des die Burg überhöhenden Berggeländes zusammen mit G. N. Bode im Mai und Juli 1996 glaubten wir, unterhalb der flachen Kuppe, in welche der Bergrücken einmündet, Spuren einer umlaufenden Wall-Graben-Anlage zu erkennen. Das Plateau könnte planiert sein, und am nördlichen Steilhang der durch Steinbruch teilzerstörten Kuppe war möglicherweise Mauerversturz erkennbar. Vereinzelt fanden sich Mörtelbrocken. D. h. es könnte sich „um eine ältere Befestigung handeln. Es ginge zu weit, diese […] als Vorgängeranlage der Wensburg zu bezeichnen, doch könnte die Abtragung einer ehemals hier vorhandenen Befestigung einen Teil des Baumaterials der späteren Wensburg geliefert haben.“12) Hier besteht nach wie vor Klärungsbedarf. Zurück zur Wensburg selbst: 1445 war sie im Besitz der Familie v. Nilfenstein. 1454 kam Wensberg durch die Heirat der Catharina v. Gymnich an Johann v. Helfenstein, und 1460 durch die Vermählung der Elisabeth v. Gymnich mit Engelbrecht v. Orsbeck an den letzteren.13) Dietrich v. Orsbeck, Herr zu Olbrück, löste 1506 mit 200 „200 guter Oberländischer Rheinischer Gulden an Gold“ das Rückkaufsrecht derer v. Helfenstein ab.14) „Zufolge eines zu Wensberg errichteten Weisthums vom 10. Juli 1560, war damals der Junker Wilhelm von Orsbeck, Sohn des eben erwähnten Diedrich von Orsbeck und Kanzler des Herzogtums Jülich, – in der Dingbank zu Wensberg, bei welcher Gelegenheit die Gränzen des Gerichtes zu Wensberg und die Verpflichtungen der betreffenden Unterthanen festgesetzt wurden.“15) 1633, im 30jährigen Krieg, soll die Burg von spanischen Truppen verwüstet worden sein.16) Sie war aber anscheinend weiterhin bewohnt.

Wensburg, Ansicht der Ruine aus dem Jahre 1907 

Noch am 31.3.1695 geht aus einer „zu Wensberg durch den Gerichtsschreiber Conrad Surges abgefertigten Urkunde“ hervor, daß zu jener Zeit „die Gerechtigkeit Wensberg ausgedehnte Besitzungen und Einkünfte“ umfasste und dass „das freie adliche Haus Wensberg“ ein „freies Allodium“ war.17) Die Familie v. Orsbeck blieb bis zum 17. Jh. im Besitz der Burg; ihr folgten die Freiherren v. Bourscheid. 1690 war Karl Joseph v. Bourscheid Eigentümer der Burg, in der nur noch ein Förster und eine weitere Person wohnten.18) 1741 verstarb der Freiherr v. Bourscheid, Herr zu Wensberg; seine Witwe trat unter dem Titel „Ihro Exellenc, die Hoch-Wohlgeborene Maria Catharina, Freifrau Generalin von Bourscheid, Frau zu Ober-Büllesheim, Wensberg, Efferen, Norden-beck, Lantershoven, Hüls u. Hospelt etc. Frl. Vogtin zu Hönningen (an der Ahr) geborene Freiin von Harff zu Dreiborn bei Schleiden“ urkundlich in Erscheinung.19) Am 28.11.1750 verpfändete sie den „freien Rittersitz Wensberg mit den dazugehörigen, in seinem Besitz gelegenen Gebäuden, Ländereien, Gütchen, […] Recht u. Gerechtigkeiten etc.“ zum „Vortheil der Hauptpfarrkirche zur heiligen Columba in Cöln, insbesondere der Stiftung Peter von Beywegh“ für eine Summe von 4.150 Rheinischen Gulden.20) 1760 gelangte Freiherr Franz Friedrich v. Lützerath (Lützerode), „Herr zu Rath und Weilersroid, ihrer Kurfürstlichen Gnaden zu Cöln Kämmerer“ in den Besitz der Burg21); er hatte zu den Unterzeichnern der Verpfändungsurkunde gehört. Aus den Protokollen jener hoheitlichen Akte geht hervor, dass diese am 14.8.1760 im „Gerichtssaal“ der Wensburg geschlossen wurden. 1818 verkauften die v. Lützerath die Wensburg, die im 19. Jh. dreimal den Besitzer wechselte, bis sie 1831 an den Weinhändler und Eisenfabrikanten Carl Theodor Risch aus Reifferscheid (damals Kr. Schleiden, NRW) gelangte, der die Gebäude 1832 größtenteils abbrechen ließ.22) Zu Beginn des 20. Jh. gehörte die Burg der Rittergutsbesitzerin Louise Scheib, die den Ausbau des Wohnturmes und die Sicherung bzw. Instandsetzung einzelner Mauern veranlasste23). Die Burg und zugehörige Ländereien kamen später an die Industriellenfamilie Cramer aus Düsseldorf. Dr. Gustav Kramer war es, der 1924-26 das nur wenige Kilometer von der Wensburg entfernte, zwischen Effelsberg und Mutscheid gelegene Jagdgut Hospelt nach Entwürfen des Architekten Paul Schultze-Naumburg (1869-1949) erbauen ließ.24) Kramer stand seinerzeit ein sehr großes Gelände mit zwei Hofanlagen und der Ruine Wensburg zur Verfügung, um dort „eine Bauanlage“ zu schaffen, welche als Sommer- und Jagdsitz dienen, aber auch „genug Behaglichkeit bieten“ sollte, um möglichst später als Dauerwohnsitz genutzt zu werden.25) Dem Architekten wurde bei der Auswahl eines der drei Objekte zum Ausbau Mitsprache gewährt. Er berichtet: „Die Wensburg ist eine Ruine, die auf dem bewaldeten Vorsprung eines Bergzuges liegt, der von zwei sich vereinigenden Tälern eingeschlossen wird. Mit ihren blumigen Hängen, zwischen dem Hochwald, Wallgraben, Tor und Gemäuer bietet die Burg einen entzückenden Aufenthalt. […] Der zunächst am meisten bestechende Bauplatz war wohl die Wensburg. Doch gab es hier nur eine Lösung: den Ausbau des alten Gemäuers. Denn die Burg saß am richtigen Fleck und der Gipfel bietet keine andere Fläche, als diejenige, die die Ruine schon innehat. Erhalten war nur der viereckige Turm, alles andere stand als dachlose Umfassungsmauer […] da. Es ist ein mißliches Ding, solche zur Grundlage für ein modernes Wohnhaus zu benutzen. Der große Reiz des Ortes, der in dem efeuumsponnenen grauen Gemäuer inmitten der alten Bäume bestand, wäre verlorengegangen.“26) Schließlich hätte man auch eine lange Zufahrtsstraße anlegen müssen, was nicht zuletzt aufgrund der hohen Kosten abgelehnt wurde. Letztlich entschied man sich für den „Edelhof“ Hospelt als zukünftigen Jagdsitz, da dieser „eigentlich alle Anforderungen“ erfüllte, „die man nur irgendwie […] stellen konnte“27). Dies bezog sich lediglich auf die Lage und die verkehrstechnische Erschließung, denn die alten Bauten des Hofes waren fast vollständig verschwunden, und historische Abbildungen lagen nicht vor. „Man war also vollkommen ungebunden, wenn man an die Ausnutzung des Geländes gehen wollte.“28)Vorhanden waren nur ein langgestrecktes Forsthaus, einige verfallende Ställe, ein „neues Fachwerkhaus im üblichen Unternehmerstil“29) und eine Kapelle. Unter der Maßgabe, dem Herrenhaus eine freie, möglichst „sonnige“ Lage zu geben und weitere Gebäude hofartig um es zu gruppieren, entstand der malerische wasserburgartige Komplex von Hospelt, der eine vom Mittelalter bis ins 17. Jh. „gewachsene“ niederrheinische bzw. Nordeifeler Wasserburg suggeriert.30) Diese „Neuschöpfung“, die Schultze-Naumburg als „eine der dankbarsten und erfreulichsten Aufgaben“ seiner „gesamten Berufstätigkeit“ nannte31), war der Grund dafür, daß die Burgruine Wensburg in den 1920er Jahren unangetastet blieb! 

Beschreibung

Die Wensburg liegt auf einem Bergsporn zwischen zwei Tälern, die unterhalb des Burgberges ins Lierstal einmünden. Sie gehört damit zum Bautypus der Spornburg, der im Spätmittelalter häufig war. Im 13./14. Jh. bildeten Spornburgen in vielen Flusstälern, insbesondere im Mittelrheingebiet und an der Mosel, die gängigste Form der Höhenburg. Von einem Sporn aus, der sich im Idealfall aus dem Berg-/Hanggelände ins Tal vorschiebt, konntenÜberwachungsfunktionen im Tal besser gewährleistet werden. Eine Spornburg steht meist auf einem durch einen Halsgraben vom anschließenden Gelände abgetrennten Bergsporn. Sie kann, anders als eine Gipfelburg (z.B. Nürburg, Olbrück) von ansteigendem Gelände oder Bergen stark überhöht sein, d.h. ihre Bergseite war bei einem Angriff besonders gefährdet. Die gefährdete Bergseite solcher Spornburgen wurde seit dem 13. Jh. häufiger durch einen Turm, oft den in die Ringmauer integrierten Bergfried oder Wohnturm geschützt, der durch seine Baumasse die dahinterstehenden Gebäude der Burg schützte. Es entstand der Typus der Frontturmburg32), zum dem an der Ahr auch die Burgen Kreuzberg und Gymnich im äußeren Bering der Burg Are/Altenahr gehören. Zur Wensburg führt ein Damm über den Halsgraben. Er gehört mutmaßlich nicht zum mittelalterlichen Bestand; das Vorhandensein einer hölzernen Brücke ist wahrscheinlich. Die Burg setzt sich aus der Hauptburg und dem jene unregelmäßig umgebenden weitläufigen Bering zusammen, der die Funktion einer Vorburg wahrnahm. Die Bruchsteinmauern des äußeren Berings, von deren ursprünglicher Bausubstanz nach den Abbrüchen im 19. Jh. wenig erhalten war, wurden zu Beginn des 20. Jh. bis in „Brusthöhe“ aufgemauert. Die zwingerartige Vorburg erschließen zwei Zugänge: Ein Damm führt über den Halsgraben zum Tor in der Nordwestecke der Vorburg. Dieser Torbau, ein annähend quadratischer, vor die Kurtine ausspringender Schalenturm, zeigt ein spitzbogiges Portal in rechteckiger Blende. In der Achse des Eingangs erhebt sich der Wohnturm der Hauptburg, der möglicherweise in seinem ursprünglichen Bauzustand zur Deckung des Tores eingerichtet war (Zinnen, Wehrgang?). Lehfeldt (1886) vermutete einen späteren Einbau dieses Tores33), das einst als Torturm ausgebaut war – ein größeres Fenster sitzt direkt über dem Tor. Am unteren, südlichen Spitzbogentor ist eine (verwitterte) Rose als Relief im Bogenschlussstein erkennbar. Der Weg verläuft von hier zwischen der äußeren Ringmauer und einer inneren Stützmauer zum Tor der Hauptburg, die auf einer kleinen, künstlich versteilten Kuppe liegt. Die rechteckige Hauptburg (20 x 40 m) dominiert der in die Westseite der Ringmauer einbindende, fast quadratische Wohnturm (9,5 x 10,7 m), der als Frontturm gegen den überhöhenden Berghang fast in seiner gesamten Länge ausspringt.34) Seine äußeren Mauern sind 2,5 m stark; in der Mauerstärke verlief eine Treppe. Anscheinend besaß ursprünglich nur die weniger dicke Hofwand des Turmes Fenster.35) Anfangs des 20. Jh. wurde der Turm zu Wohnzwecken ausgebaut, wie historische Fotografien belegen. Damals wurden auf allen Seiten größere Fenster mit Gewänden aus Ziegeln eingebrochen und ein neues Zeltdach aufgesetzt. Über der Eingangstür, dort ist eine schwache Vertiefung erkennbar, saß ein 1614 datierter Reliefstein mit dem Doppelwappen v. Orsbeck/v. Frenz. Südlich neben dem Wohnturm befand sich das spitzbogige Eingangstor zur Hauptburg, das über eine Rampe, die feldseitig am Turm entlang führte, erschloss. 

Wensburg, Portal der Hauptburg, Fotografie aus dem Jahre 1907 

Alle drei Tore der Wensburg saßen bzw. sitzen in rechteckigen, einfach gefasten Blenden. Die Hauptburgringmauer umschreibt ein Rechteck im Verhältnis 1:2. Eine der vier Ecken ist jedoch gerundet. Möglicherweise ist hier eine repräsentative Bedeutung zu unterstellen, da diese gerundete Ecke in der Blickachse des Nordtores liegt. Etwa in der Mitte des südlichen Mauerabschnitts lag eine Treppe in der Mauer, die vielleicht auf einen Wehrgang, möglicherweise auch in ein Gebäude führte. Die Mauer des inneren Berings bestand in ihren älteren Teilen aus Basaltquaderlagen im Wechsel mit Bruchsteinschichten, eine Mauertechnik, die in der Region noch im 14. Jh. gängig war.36) Auf der Innenseite der Ringmauer befanden sich zahlreiche Nischen, und im Osten soll es Ansätze einer Fensterreihe gegeben haben. Am Hang des oberhalb der Burg ansteigenden Bergrückens stand nach einer 1725 entstandenen Zeichnung von Renier Roidkin eine Kapelle, von der sichtbare Baureste nicht mehr vorhanden sind; auch ist ihr Standort nicht genau lokalisiert. 

Überlegungen zur Datierung der Wensburg 

Die ältere Burgenforschung neigte, wie so oft, auch im Falle der Wensburg zu unhaltbaren Frühdatierungen: Lehfeldt (1886) sah „nach der Anordnung und Technik“ in ihr „eine der ältesten [Burgen] der Gegend, von frühestmittelalterlicher, vielleicht fränkischer Gründung“.37) Hirschfeld/Heusgen (1910) vermuteten die Gründung der Wensburg aufgrund der Mauertechnik und der „verhältnismäßig einfache[n]“ Anlage ohne Mauertürme in einer Zeit, „in der die mittelalterliche Befestigungs- und Belagerungskunst noch nicht bekannt war“.38) 

Vor dem Hintergrund der Erkenntnisse der heutigen Burgenforschung ist eine Datierung der Burg auf die Zeit um das Ende des 13./Anfang des 14. Jh. realistischer. Kompakte Frontturmburgen entstanden als Reaktion auf neue Waffen: Insbesondere gegen Geschosse weitreichender Wurfmaschinen schien die Platzierung eines größeren Turmes an der Bergseite einer Spornburg sinnvoll. Demnach wäre eine Entstehung schon Anfang des 13. Jh. möglich.39) Da die Burg jedoch sehr durchdacht angelegt wurde – Frontturm und Wohnbau bildeten entsprechend der möglichen Flugrichtung der Wurfgeschosse eine Linie – ist eine Datierung in die Zeit Ende des 13./Anfang des 14. Jh. näherliegend.40) Bauformen wie die spitzbogigen Tore könnten hingegen auf eine Entstehung bereits in der 2. Hälfte des 13. Jh. deuten. Eine Besonderheit in der Region stellt rund geführte Nordwestecke der Hauptburgringmauer dar, ein in der Region nach bisheriger Kenntnis erst ab Ende des 13. Jh. auftretendes Phänomen. Bornheim gen. Schilling (1964) hält die Erbauung der Wensburg im Zuge der Ahrbefestigung Kurkölns am Ende des 14. Jh. für sicher.41) Um die Bauzeit der Burg weiter einzugrenzen, wären archäologische Untersuchungen und Bauforschung notwendig, was jedoch wegen des Verfallszustandes und des Privatbesitzes nicht möglich ist. 

Anmerkungen zum aktuellen Zustand 

Der rasante Verfall der Wensburg ist durch Zeitungsberichte und durch den Vergleich von Fotografien aus den vergangen Jahrzehnten deutlich. Insbesondere sei hier auf das Hauptburgtor verwiesen: Es war bereits Mitte der 1990er Jahre bis auf spärliche Reste des südlichen Mauerteilstückes abgegangen. Einige Jahre zuvor war noch das spitzbogige Tor erkennbar und zu Beginn des 20. Jh. sogar noch die eisenbeschlagenen Türflügel vorhanden, wie eine Zeichnung von Heusgen (1910) belegt.42) Fragmente des Tores – profilierte Steine aus Trachyt – liegen verstreut am Hang des Hügels unter Efeu und Sträuchern. Das übrige Versturzmaterial wurde z. T. verschleppt. Noch heute gehört Steinraub zu den größten Gefährdungen von Burgruinen. Die Ringmauer, die vor ca. 65 Jahren noch bis zu 7 m hoch erhalten gewesen sein soll, hat inzwischen an den höchsten Stellen nur noch ein Höhe von etwa 3 m. Größere Teilstücke sind einsturzgefährdet. An der Nordseite der Ringmauer befand sich Ende der 1970er Jahre noch ein Ausgussstein, der spätestens 1996 verschwunden war – und mutmaßlich seitdem „einen Vorgarten oder einen Partykeller ‚ziert’“.43) Auch der Wohnturm ist stark gefährdet. Sein Dach ist undicht, und die Zwischendecken bestehen nur noch aus angefaulten, teils durch Brand beschädigten Balkenresten. Bodes Fazit lautete bereits 1997: „In nicht allzu langer Zeit werden nur noch von Sträuchern überwucherte Steinhaufen von dieser einst eindrucksvollen spätmittelalterlichen Burg zeugen.“44)

Schon 1986 wurde in einer lokalen Zeitung der desolate Zustand der Wensburg beklagt, denn bereits zu jener Zeit fand sich dort „jede Menge Unrat – Relikte von Wanderern, stumme Zeugen von Zerstörungswut und von Plünderern, die alles haben mitgehen lassen, was nicht niet- und nagelfest war.“45) Bode (1997) verweist auf das „Versprechen“ des Besitzers, „gar nichts“ mehr an der unter Denkmalschutz stehenden Burg tun zu wollen, „und das am besten unbemerkt“.46) „Wer die Ruinen der Burg Wensberg noch einmal sehen möchte, der sollte sich also sputen, der Verfall schreitet schneller voran, als man meint“47), so hieß es im Pressebericht 1986. 

Anmerkungen:

  1. Vgl. Dirk HOLTERMANN: Die Wasserburgen-Route. Radeln in der Rheinischen Bucht. Köln 1998 (didaktische Erschließungen der Burgenlandschaft und der Einzelobjekte wurden leider nicht vorgenommen); Herbert BORN: Radeln auf der Wasserburgen-Route. In: Jahrbuch Kreis Euskirchen 1999, S. 129. 
  2. Vgl. Joachim ZEUNE: Symbole von Macht und Vergänglichkeit: Burgenkundlicher Lehrpfad Haßberge. Haßfurt 1996. Bezug über Tourist-Information Haßberge, Obere Sennigstr. 4, 97461 Hofheim i. Ufr., Tel. 09523/9229-0. 
  3. Dazu Joachim ZEUNE: Burgenkundlicher Lehrpfad Haßberge eröffnet. In: Burgen und Schlösser. Zeitschrift der Deutschen Burgenvereinigung e.V. für Burgenkunde und Denkmalpflege, 1997/II, S. 111. 
  4. Faltblatt erhältlich bei der Tourist-Information, Kirchstr. 15, 53518 Adenau, Tel. 02691/30516, Fax 30518; ebenso die Broschüre: Stadt Adenau (Hg.): Der Johanniter- und Malteserorden. Dauerausstellung im Heimat- und Zunftmuseum Adenau [= Führungsheft von Christiane Hicking, Michael Losse und Bernd Schiffarth]. Adenau o.J. [1999]. 
  5. Hierzu Michael LOSSE/Jörg UNGER: Burgen, Erlebniswege Hegau, angrenzende Schweiz, westlicher Bodensee. Hg.: Landesvermessungsamt Baden-Württemberg, im Auftrag der AG Hegau und Schaffhausen. Singen (Hohentwiel) 2002. 
  6. Michael LOSSE: Burgen, Adelssitze, Schlösser und Festungen in der Verbandsgemeinde Adenau. Vorbericht über die Bestandsaufnahme der adeligen Wehr- und Wohnbauten. In: Jahrbuch Stadt Adenau 1995, S. 43-68; DERS.: Burgen und Adelssitze im Kreis Ahrweiler. Ein Bericht über die Inventarisierung der mittelalterlichen Wehr- und Wohnbauten des Adels. In: Heimatjahrbuch Kreis Ahrweiler 1998, S. 73-78. 
  7. Michael LOSSE: Theiss Burgenführer Hohe Eifel und Ahr. Stuttgart 2003. 
  8. Gottfried KINKEL: Die Ahr. Eine romantische Wanderung vom Rheintal in die Hohe Eifel. Neubearbeitung der 2. Aufl. von 1849, Köln 1976, S. 180f. 
  9. Gabriele Nina BODE: „[…] verschwunden ist der Bogen“. Betrachtungen zur Wensburg im Lierstal. In: Burgen und Schlösser. Zeitschrift der Deutschen Burgenvereinigung, 1997/II, S. 106-110. 
  10. Zur Geschichte der Burg: BODE 1997; Paul LEHFELDT: Die Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungsbezirks Coblenz. Düsseldorf 1886, S. 29; Joachim GERHARDT/Heinrich NEU/Edmund RENARD/Albert VERBEEK: Die Kunstdenkmäler des Kreises Ahrweiler (Kunstdenkmäler Rheinprovinz 17, I), Düsseldorf 1938 (mit Zusammenfassung der Quellen und der bis dahin erschienenen Literatur); Ignaz GÖRTZ: Burg und Herrschaft Wensburg. 1967. HIRSCHFELD/HEUSGEN: Wensburg (Kr. Adenau). In: Mitteilungen des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Heimatschutz, Jg. 4, Heft 3, 1. Dez. 1910, S. 255-257; LOSSE 2003, S. 147-149; Paul SCHULTZE-NAUMBURG: Jagdgut Hospelt in der Eifel. In: Deutsche Bau-Zeitung (DBZ), Nr. 102/103, 1926, S. 825-830. 
  11. Landeshauptarchiv Koblenz (LHAK), Bestand 700, 103 Nr. 1, Das landtagsfähige Ritttergut Wensburg und das Landgut Hospelt betreffend: 1401 „war die Burg Wensberg im Besitze des Ritters Diedrich von Gymnich. In dem Wensberger Archiv findet sich zwar kein näheres Schrifttum mehr über diese Zeit […] auf besagter Ritterburg, jedoch hat sich die Saga erhalten, daß die betreffenden Akten und Papiere jener Zeit […] in dem großen Archiv zu Wetzlar niedergelegt wurden, wo diese Urkunden wahrscheinlich noch sein werden.“ 
  12. BODE 1997/II, S. 106. 
  13. LHAK, Bestand 700, 103 Nr. 1, Das landtagsfähige Ritttergut Wensburg und das Landgut Hospelt betreffend. 
  14. Ebd.
  15. Ebd.
  16. HIRSCHFELD/HEUSGEN 1910, S. 255. 
  17. LHAK, Bestand 700, 103 Nr. 1. 
  18. GERHARDT et al. 1938, S. 499; HIRSCHFELD/HEUSGEN 1910, S. 255. 
  19. LHAK, Bestand 700, 103 Nr. 1. 
  20. Ebd.
  21. GERHARDT et al. 1938, S. 499; HIRSCHFELD/HEUSGEN 1910, S. 255. 
  22. Carl Theodor Risch, Teilhaber von Burg und Eisenhütte Dalbenden, besaß mehrere Burgen bzw. Schlösser, darunter auch das Schlößchen Frauenhof in Reifferscheid/Kr. Euskirchen (s. Harald HERZOG: Burgen und Schlösser. Geschichte und Typologie der Adelssitze im Kreis Euskirchen. Köln 1989, S. 421). 
  23. HIRSCHFELD/HEUSGEN 1910, S. 255. 
  24. Schultze-Naumburg war der Architekt, der im 20. Jh. die meisten Schlösser in Deutschland neu baute. In seiner Publikationsreihe ‚Kulturarbeiten‘, deren 6. Band dem Schloß als Bauaufgabe gewidmet ist, hatte er den Schloßbau als den Höhepunkt der Landschaft bezeichnet (Paul SCHULTZE-NAUMBURG: Kulturarbeiten, Bd. 6: Das Schloß. München 1910, S. IX). Zur Bedeutung des Schloßbaus als architektonischer Aufgabe äußerte er sich 1910: „Das Schloss ist im Bilde unserer Landschaft, was die Perle oder der Diamant im Goldgeschmeide ist, das durch sie erst die höchste Steigerung seiner Schönheit findet. Aber auch rein architektonisch betrachtet ist das Schloss immer ein Bauwerk gewesen, an dem die Baukünstler sich in ihrer höchsten Vollendung zeigten“ (ebd., Vorwort). – Zum Jagdgut Hospelt Michael LOSSE: Theiss Burgenführer Hohe Eifel und Ahr. Stuttgart 2003, S. 69-71; Ders.: „Burg“ Hospelt in der Eifel. Eine Neuschöpfung Paul Schultze-Naumburgs an historischem Ort (1924-26) oder: Warum die Wensburg nicht „wiederaufgebaut“ wurde! In: Burgen und Schlösser, Zeitschrift der Deutschen Burgenvereinigung, 3/2004. 
  25. SCHULTZE-NAUMBURG 1926, S. 825f. 
  26. Ebd., S. 825f. 
  27. Ebd., S. 826. 
  28. Ebd.
  29. Ebd., S. 827. 
  30. Das Prinzip malerischer Gruppierung von Baukörpern, das bereits im späten Historismus der Wilhelminischen Zeit zu beobachten war, wird hier fortgesetzt. 
  31. SCHULTZE-NAUMBURG 1926, S. 825. Zum Jagdgut Hospelt s. auch N.N.: Ein Kleinod der Eifel – die schöne Burg Hospelt. Versteckt liegt sie in den Wäldern zwischen Effelsberg und Mutscheid – Aus ihrer Geschichte. In: General-Anzeiger Bonn, 16.1.1938 (der Verfasser des Artikels hält Hospelt für eine mittelalterliche Burg!); Norbert BORRMANN: Paul Schultze-Naumburg (1869-1949): Maler, Publizist, Architekt. Vom Kulturreformer der Jahrhundertwende zum Kulturpolitiker im Dritten Reich. Essen 1989, 21994, S. 157; Harald HERZOG: Rheinische Schloßbauten im 19. Jh. Köln 1981. 
  32. Zur Frontturmburg des 13./14. Jh. Thomas BILLER: Die Adelsburg in Deutschland. München 1993, S. 140. 
  33. LEHFELDT 1886, S. 30. 
  34. LEHFELDT 1886, S. 29 beschreibt den Turm nicht korrekt; er berichtet, die äußeren, 2,50 m starken Mauern des Turmes bestünden bis zur Höhe von 20 m absatzlos aus „sehr großen Quadern“ von sorgfältigster Herstellung und Schichtung. 
  35. HIRSCHFELD/HEUSGEN 1910; GERHARDT et al. 1938. 
  36. GERHARDT et al. 1938. 
  37. LEHFELDT 1886, S. 29. 
  38. HIRSCHFELD/HEUSGEN 1910, S. 257. 
  39. BILLER 1993, S. 158. 
  40. BILLER, S. 140 ff und Anm. 12. 
  41. Werner BORNHEIM GEN. SCHILLING: Rheinische Höhenburgen. Neuss 1964, S. 55. 
  42. Vgl. Zeichnung von Heusgen in HIRSCHFELD/HEUSGEN 1910; auch abgebildet in GERHARDT et al. 1938, S. 500. 
  43. BODE 1997/II, S. 106. 
  44. Ebd.
  45. N.N.: Die Wensburg bei Obliers. Geschichte im Gammel-Look. In: Ahraktuell, April 1986. 
  46. Ebd.
  47. Ebd