Sprachbeobachtungen eines Schweden in der Eifel

Ja, ich bin aus Schweden. Nein, ich hatte keine Schwierigkeiten, mich in der Eifel heimisch zu machen. Das waren so die zwei Fragestellungen, die nach meinem Einzug in der Eifel vor mehr als jetzt 18 Jahren bei einer neuen Bekanntschaft immer wieder erörtert wurden. Und wie kommen Sie in der Eifel zurecht? Und wie kommen Sie eigentlich in der Eifel zurecht? Und wie, bitteschön, sind dann Ihre Erfahrungen, wie haben Sie sich überhaupt in der Eifel zurecht finden können?

Danke, gut!

Als aber mich jemand das erste Mal fragte: Jemah e Biesche trenke? wusste ich zwar damit nichts anzufangen, das gemeinsame Bier habe ich dann trotzdem genossen. Auch wenn ich nach einer Weile „rammdöösesch“ war…

Klar, dass die ersten Jahre ein Leben auf einer anderen Ebene waren, ein Schattendasein.

Ein halbes Pfund Aufschnitt, bitte!

Den Satz hatte ich eingeübt, musste aber dann einsehen, dass die Sprache doch andere Klangqualitäten hat, als in den Konversationsübungen meines Schulunterrichtes. Dort hatte Frau Meier einen Mann und ging mit dem Hund spazieren. Einkaufen ging sie auch, aber niemals mit Pfund als Maß, nur Kilo.

Hin und wieder versuchte die nette Frau an der Fleischtheke, mir etwas beizubringen, aber in den Anfangsjahren habe ich meistens kein Wort verstanden. Das Einüben einfacher Phrasen für die Anschaffung einer Basisernährung tut nichts für das Verständnis in die andere Richtung.

Ohne einen blassen Schimmer zu haben, was die Frau da sagte, spielte ich dann taub und lehnte einfach meinen Kopf an die Seite, simulierte Schwerhörigkeit. Etwas verunsichert hat die Dame dann meistens mir eine nette Auswahl ihrer Waren eingepackt. Die Theke in der örtlichen Kneipe war diese Jahre kein Kommunikationslink. Erst nach zwei Jahren war ich so weit, dass ich den Laut HÖÖÖMAHH, als Hör’ mal identifizieren konnte. Dies steigerte meine Informationsverarbeitung im Theken-Ambiente um etwa 40 Prozenteinheiten. Gerade bei Thekengesprächen entsteht bekanntlich eine subtile Kommunikation nur, wenn die Einnahme von Getränken beiderseits gleich groß ist. Dies gilt aber nur, wenn eine gemeinsame Sprache da ist. Wenn nicht, ist es nur eine Geräuschkulisse.

Höh ma!!!
Ebem!
Meen ech ooch!
Jou!
So ess es!

Dass mein Heimatort Leimbach sich „Lemmisch“ ausspricht, konnte ich schnell einsehen, auch wenn ich meinem Ohr als zuverlässiges akustisches Instrument zu der Zeit noch nicht ganz traute. Dass aber der Nachbarort Insul nicht von größeren Gewässern umspült ist, verstand ich, als ich den Namen das erste Mal dialektal ausgesprochen hörte. Er klingt eher wie ein Zugtier südlicher Gegenden, Eeschel…

Mit der Zeit ging auch das, aber die beste Einführung in meine neue Heimat war der Wald im Adenauer Land. Mit Tieren und Pflanzen habe ich gesprochen, da sie nicht zurücksprechen und wenn, erwarten sie keine Antwort. So hat sich meine Seele auf die neue Umgebung eingestellt. Hin und wieder traf ich aber dort auch Menschen, die in ihrer Kommunikation nicht so flexibel waren. Nett waren sie immer, es gehört zu den guten Sitten im Wald, aber es dauerte viele Jahre, bevor ich die mir dort erzählten Geschichten rekonstruieren konnte. DER Eber, DIE Bache… (Dass die Bache das soziale Leben der Wildschweine regelt, habe ich erst vor einem Jahr erfahren.) Eine große Hilfe der Informationsansammlung des direkten Umfeldes, im Sinne Familie, Kultur, Gesellschaft, waren die zwei eigenen Kinder, die mit ihrem Schulgang Papa mitzogen. Ich lernte jetzt die Kleine Hexe kennen, die Schlümpfe und bekam auch eine Ahnung von der Sport­szene. Nie wieder machte ich den folgeschweren Fehler nach dem Ausgang des Spiels zwischen Bayern und München zu fragen; Fußballkenntnisse, die mir bis dahin theoretische Begriffe waren, aber fürs Überleben in ländlichen Gegenden wichtig sind.

Meine Liebe zum Eifel-Dialekt erreichte einen Höhepunkt als eine Freundin meiner damaligen Frau völlig entnervt ihre Tochter zurechtwies:

„Ich hab doch gesacht, du darfst net Platt schwätze!“

Der stolze Vater des Kindes erstrebte für seine Tochter die Erziehung einer Prinzessin und hielt die Fahne des Hochdeutsch… hoch.

Für ihn, und für viele andere, war die Wende wahrscheinlich eine Erleichterung. Es gab jetzt einen Dialekt, den man vorbehaltlos kritisieren konnte, um damit die Löcher in der eigenen Sprachverständigung zu stopfen.

Den besten Kontakt mit Hochdeutsch, ohne Moloche wie Bonn oder Koblenz zu besuchen, bekommt man heute an der Oberahr, in den Weindistrikten und im Anschluss der Kuranlagen. Die Besucher haben dort den örtlichen Dialekt mehr oder weniger vernichtet, ihn von der Sprachkarte gelöscht, was eigentlich schade ist, für die Besucher aber eine Verständigung ermöglicht. Dass es hin und wieder doch zu einem Konflikt kommen kann, ist eigentlich ein Gesundheitszeichen. Jeder Dialekt ist die Basis einer Region, das Werkzeug für den Aufbau und die Haltung einer Gesellschaft; und er definiert auch diese Region. Und wir wissen ja alle, Deutschland liebt seine Dialekte und sieht darin einen Spiegel der regionalen Charak­tereigenschaften.
So wälzten sich neulich Bühnenkomiker in Theorien über neue Navigationssysteme für Autos. Solche können inzwischen mit einer gewünschten Stimmqualität ausgeliefert werden, aber nur „männlich oder weiblich“, mit einigen Varianten. Jetzt hörten wir von der Bühne, dass „dominant sächsisch“ für Zurechtweisungen im Straßenverkehr wohl gut käme. „Bajuwarisch nachgiebig“ und „Westfälisch griesgrämig“ waren andere Alternativen aus der Komikbranche, wobei mir noch „Eifler philosophisch“ fehlt.

„Bisch vekieht, ömdrehe!“ –
„So ess es. Jöu.“

Ahrweiler Markt: Hier wird noch oft „Platt“ gesprochen.