Rückschau im Sextett – Kistenich, Gratzel, Gießmann, Krahforst, Luxem und Kalley. Are-Gilde ehrte 2003/2005 verdiente Künstler

Sonderausstellungen und Gedächtnisschauen 

Die 1941 entstandene, nach dem Zweiten Weltkrieg 1947 neu gegründete Are-Gilde hat seit ihren Anfängen kontinuierlich mehrere Ausstellungen pro Jahr organisiert. Neben Jahres- und Sonderausstellungen gehören auch Gedächtnisschauen für ältere oder verstorbene Mitglieder zur Tradition dieser ältesten rheinland-pfälzischen Künstlervereinigung. Diese Ausstellungen treten aber keineswegs gleichmäßig im Veranstaltungsreigen auf. Vielmehr konzentrieren sie sich auf bestimmte Jahre oder Zeiträume. So ehrte man 1966 in einer Gemeinschaftsausstellung die im Vorjahr verstorbenen Maler Josef Krahforst, Erwin Holstein, Pitt Kreuzberg und Bernhard Hergarden sowie gesondert zum 65. Geburtstag den Maler und Bildhauer Hanns Matschulla und zum 75. Geburtstag den Maler Carl Weisgerber. Gleich zweimal nahm die Gilde die Gelegenheit wahr, das Bild-Schaffen von Ernst Kley zu würdigen, 1983 zum 70. und 1988 zum 75. Geburtstag. Nicht immer trat die Gruppe selbst als Ausrichter auf. So zeichnete 1986 für die große Schau mit Skulpturen und Gemälden des Künstlerpaares Erna Deisel-Jennes und Theo Deisel im Ahrweiler Peter-Joerres-Gymnasium die Kreisverwaltung Ahrweiler verantwortlich (3. Kreiskulturtage), und sie organisierte 1991 in Sinzig gleichfalls den Rückblick auf das Lebenswerk des Malers Franz Steinborn (5. Kreiskulturtage), 30 Jahre nach dem Tode des beliebten Künstlers und Pädagogen. Bis auf diese Ausnahme blieben die 90er wie die 70er Jahre ohne Retrospektiven. Doch fand die Gilde im Aktivitäten reichen Jubiläumsjahr 2001, als sie ihren 60. Geburtstag feierte, erneut einen willkommenen Anlass, mit Werken verstorbener Mitglieder deren Andenken wach zu halten. In der Kreissparkasse Ahrweiler erinnerte man an Hanns Matschulla, Pitt Kreuzberg, Carl Weisgerber, Josef Krahforst, Alfons Schädel, Franz Steinborn, Erika von Roques, Dr. J. Schneider, Prof. Wilhelm Holzhausen, Erwin Holstein, Erna Deisel, Ernst Kley, Josef Wershofen und Ursula Odenthal. 2002 konnte sich der damals 81-jährige Kurt Gratzel über einen öffentlich gezeigten Querschnitt seines Bildschaffens in der Adenauer Komturei freuen. Im Zeitraum Herbst 2003 bis Sommer 2004 sollte dann wieder, vergleichbar dem Jahr 1966, der Gilde-Fokus intensiv auf verdiente ältere und verstorbene Künstlerkollegen gerichtet sein. So ehrenvoll diese Pflicht ist, sie erinnert die Mitglieder auch daran, wie sehr es der Vereinigung am Zugang junger Kreativen mangelt. Mit Reinhold Kistenich nahm die Serie der Retrospektiven in der Ahrweiler Manufaktur Geschier ihren Auftakt. Es folgten Einzelschauen zum Werk von Kurt Gratzel, Ulrich Gießmann, Josef Krahforst (in Brohl) und eine Doppelausstellung von Johannes Fr. Luxem und Bernhard Kalley. Erst 2000 trat der an den Kölner Werkschulen Malerei und Grafik ausgebildete Reinhold Kistenich der Are-Gilde bei. 2001 erhielt er den Egon-Plümer-Kunstpreis für seine „Eifelkühe“, eine malerisch wie grafisch reizvolle formklare Arbeit. Als findiger Werbegrafiker hatte der 1927 in Köln Geborene, der viele Jahre Atelierleiter bei diversen Firmen war und sich Anfang der 60er Jahre selbständig machte, mehrfach Auszeichnungen bekommen. Nachdem er 1961/62 mit seiner Frau von Köln nach Kaltenborn-Herschbach zog, zeigte sich sein hervorragender Blick fürs neue Umfeld. Besonders ab 1980, als er sich ganz der freien Kunst widmete, entstanden eindringliche, gar nicht betuliche Bilder von Bauern bei der Arbeit, Pferden, Kühen und der Kulturlandschaft. 

Gemälde von Reinhold Kistenich

Sein Beruf und die stete außerberufliche Malpraxis hatten den Eifellandschaft von Kurt Gratzel ideenreichen Mann technisch perfekt gemacht. Sie erlaubten ihm, sich mühelos in vielen Stilen zu bewegen. Kistenich, bescheiden, humorvoll und gesellig, besuchte gerne die dörflichen Feste, mochte es, unter Menschen zu sein. Er plädierte auch malerisch dafür, sich dem Leben zu öffnen. So zeigt sein viel bewundertes Werk „Vision“ einen phantastisch kraftstrotzenden Baum, umkreist von hellen Fetzen – eine makellos gemalte lichte Metapher von der Hoffnung, die allem trotzt und die einengenden Hüllen sprengt. Im Oktober 2002 starb der Künstler in Herschbach. 

Kurt Gratzel, 1921 in Danzig geboren, 2003 in Walporzheim gestorben, hat nach Studien des Zeichnens und der Malerei, Militärzeit, Gefangenschaft, Bergmannstätigkeit, Anstreicherlehre und erneutem Studium (Trierer und Kölner Werkschulen) in Paris gelebt und sich in Kunstakademien fortgebildet (1959 bis 1963). Anschließend wurde er als freier Maler und Grafiker sowie als Dozent für Französisch und französische Literatur für Jahrzehnte in Adenau tätig. Spätes Partnerglück findend, zog er nach Walporzheim, wo er und Gertrud Mainzer häufig Haus und „Kirschbaumatelier“ den Kunstinteressierten öffneten. Gratzel war einer jener rar gewordenen Landschaftsmaler, die bei jedem Wetter draußen im wechselnden Licht die Natur unmittelbar einfangen. Er blieb ausÜberzeugung stets nah beim Gegenstand, bildete indes nie schnöde ab, sondern arbeitete Harmonie, Stille und besondere Stimmungen ohne Pathos heraus. Dies gilt auch für seine gemalten Portraits und Stillleben. Daneben steht mit Zeichnungen und Radierungen sein vielseitiges grafisches Werk voll temperamentvoller Linien. Gratzels künstlerischer Ernst, seine Liebe zur Natur, die Aufrichtigkeit und der verhaltene Humor, den dieser trotz Widrigkeiten nie bittere Mann in die Welt brachte, bewahren ihm ein liebevolles Andenken. Zwar wollte schon der fünfjährige 1925 in Gräbersdorf/Schlesien geborene Ulrich Gießmann Maler werden, doch eine Malerlehre, Kriegseinsatz, Verwundung und Kriegsgefangenschaft schoben das Studium an der Werkkunstschule Hannover weit hinaus. Eigenwillig geht er seinen Weg zur Kunst. Ein Stipendium zum Kunststudium und eines zur Bühnenbildner-Ausbildung ausschlagend (nur keine „Malschmiererei“), zieht er es vor, als Restaurator oder dokumentarischer Zeichner für die Bodendenkmalpflege zu arbeiten. 

Eifellandschaft von Kurt Gratzel

Gemälde von Ulrich Gießmann 

Dann wirkt er lange als Kunsterzieher in Andernach. Bescheiden wie willensstark fragte der Künstler Gießmann nie nach Anerkennung. Seine Phantastische Malerei bringt abstrakte und figurative Werke hervor, auch solche, die vielschichtig Zeichen und Symbole mit gegenständlichen Motiven verbinden. Ob Menschenbilder, Landschaft oder technische Szenarien, häufig verblüffen originäre Bildideen mit ihrem organischgeometrischen Formenklang. Der zuweilen kühnen Farbgebung steht die geheimnisvollkühle Ausstrahlung schwarz-weiß-grauer Gemälde gegenüber. Wenn Gießmann zeichnet, dann meist mit leisem Bleistift-Strich. Der in Oberwinter lebende Künstler malt in Öl, Tempera und Aquarell, fertigt Lithos, Linoldrucke, Kalligrafie und Zeichnungen. Eines seiner Bilder zeigt, wie Josef Krahforst die Nacht auf dem Place de Tertre erlebte: Gelbe Lichter, bunte Schirme, Menschengewimmel unter den imposanten Wölbungen der Sacré Coeur. Der Maler und Malermeister aus Brohl (1904 – 1965), Mitbegründer der wiedererstandenen Are-Gilde, hatte noch Glück während des Kriegsdienstes. Er konnte in Paris seine Kunststudien an der Akadémie de la Grande Chaumière weiterführen, hielt die charmante Stadt fest, aber auch die Schrecken des Krieges in den armseligen Gefangenengestalten, so wie er in der Heimat typische Szenen und Stimmungen von Rhein und Eifel aufnahm. Licht und Schatten auf schwatzenden Dörflern vor der Quiddelbacher Kirche, bäuerliches Arbeiten, dörfliche Themen und Impressionen vom Brohler Hafen verdeutlichen, dass der begabte, aus wirtschaftlichen Gründen nur nebenberufliche Maler, seine Motive aus dem ländlichen Lebensumfeld schöpfte.

Der Brohler Hafen im Morgenlicht:Ölgemälde von Josef Krahforst

Zum Spätwerk zählen mystische Werke: Da bilden „Am Weiher“ Baumstämme eine Freiluft-Kathedrale mit der Riesensonne als Rosette. Die große Resonanz auf die zu Krahforsts 100. Geburtstag von Toni Odenthal vorbereitete Retrospektive in der Brohler Volksbank (Frühjahr 2004), zeigte, dass der wertgeschätzte Künstler und Mitbürger unvergessen blieb. Auch Johannes Fr. Luxem – er kam 1924 in Satzvey/Eifel zur Welt – gehört zur Generation, deren Biografie von Kriegsdienst und Gefangenschaft heftig durchkreuzt wurde. Nach dieser Zäsur studiert er Pädagogik, Fachbereich Kunsterziehung, wird Lehrer, Rektor, Schulrat, schließlich Regierungsschuldirektor. Seit 1975 lebt der Künstler (Malerei, Grafik, Erzählungen, Redner der Are-Gilde) mit seiner Frau Josefine in Ramersbach. Neben den oft expressiv angelegten Landschaften schafft Luxem in ureigener Bildsprache melancholischpoetische Werke, in denen Mythologie, Traum, Skurriles, Zitate aus der Literatur oder der Commedia dell’Arte vorherrschen. Radikal vereinfachte stark konturierte Motive, Katzen, Hähne, Köpfe und immer wieder Narren, erscheinen wie gebannt. Obgleich Luxem sie groß und frontal dem Betrachter präsentiert, wirken sie durch delikate matte Farbigkeit weltentrückt. Seine Figuren berühren die großen existenziellen Fragen des Menschen, Hoffnung und Scheitern, Freude, Heimatliebe,Sehnsüchte, Ängste, Barbarei, Geworfensein Bernhard Kalley, in Saugen/Ostpreußen 1922 geboren und in Bad Neuenahr lebend, Gilde-Mitglied seit 1981, ist ein stiller Macher ohne Sinn für Selbstdarstellung, ein Mann, so Gilde-Geschäftsführer Otto Kley, „wie aus Holz geschnitzt“. Dieses von ihm früh entdeckte Material begleitet ihn seit der Tischlerlehre, als Möbelschreiner, beim Militär, in französischer Gefangenschaft – da war er Schreiner und Stellmacher – dann erneut als Möbeltischler und Technischer Zeichner. 1976 zieht er mit seiner Frau in die Kurstadt, begreift den Werkstoff, künstlerisch ringend, neu. Die schon im Holz steckende Form löst er sorgsam heraus, gewachsene Strukturen beachtend. Mit der Zeit geraten die Skulpturen abstrakter, zeigen ein Kontrastprogramm von Rundungen und Kanten oder gar kubistischen Formwillen. Einschmeichelnd winden sich „Sirenen“, zackig greift ein Paar ineinander, den Raum „Umschlungen“ kehrt ein Holzband zu sich selbst zurück. Kalley überträgt einen Zustand, eine Stimmung in die Form oder er löst sein Motiv in Grundelemente auf, so einen „Torwart“ in zwei Dreiecke. Eine zweite Werkgruppe basiert auf seinem Einfall, mit Baumscheiben Blätter zu bestempeln, um mit gelb-roten Solarkreisen Hintergründe für dunkle Holzschnitt-Motive zu erhalten. Solchen Verknüpfungen entspringen stets spannungsreiche Bild-Momente zwischen grafischem Ernst und pulsierender Lebendigkeit. 

Gemälde von Johannes Friedrich Luxem

Gemälde von Johannes Friedrich Luxem

Holzarbeit von Bernhard Kalley

Literatur:

60 Jahre Are-Gilde, Hrsg. v. Are – 60 Jahre Are-Gilde, hrsg. v. Are-Künstlergilde e. V. Adenau 2001. 
Ginzler, Hildegard, Der Maler Johannes Fr. Luxem – In seinen Bildern wohnen Melancholie und Poesie, in: Stadtmagazin Bad Neuenahr-Ahrweiler Krupp Verlagsbeilage, Nr. 11/2004, S. 42; dieselbe, jubelnd streckt der Baum die blühenden Zweige aus – Hommage an Kurt Gratzel: Der Maler und Zeichner steht im Mittelpunkt der Are-Gilde und ihrer Jahreshauptausstellung, in: Rhein-Zeitung, 25.11.2003; dieselbe, Originelle Bildideen frappieren – Are-Gilde: Ulrich Gießmann steht im Mittelpunkt der neuen Schau, in: Rhein-Zeitung 9. 12. 2003; dieselbe, Die Not zwingt den Künstler ins Handwerk – Josef Krahforst aus Brohl würde in diesem Monat 100 Jahre alt, in: General-Anzeiger 14./15. 
02. 2004; dieselbe, Ein Leben zwischen Handwerk und Kunst – Der Maler Josef Krahforst wäre am 19. Februar 100 Jahre alt geworden, in: AW Reporter Krupp Sonderbeilage, Nr. 8/2004.
Joist, Conrad-Peter: „Ikarus“ in der Eifel – Der Maler Johannes Fr. Luxem. In: Eifeljahrbuch 1999, S. 7-20. 
Luxem, Johannes Friedrich, Kurt Gratzel – ein gegenständlicher Maler, in Heimatjahrbuch Kreis Ahrweiler 2001, S. 66.